„Nein-Sagen hat große Schönheit“

Mohammad Rasoulof gewann 2020 für sein Todesstrafendrama Doch das Böse gibt es nicht bei der Berlinale den Hauptpreis. Wegen Corona konnte der Film hierzulande bisher nicht starten. Nach einer ersten Verurteilung 2010 wurde der iranische Filmemacher 2019 erneut in Teheran verurteilt. Auch diese Haftstrafe musste er noch nicht antreten; er darf zwei Jahre nicht drehen. All seine Werke entstanden unter Zensurbedingungen, Manuscripts Don’t Burn 2013, auch A Man of Integrity, der 2017 in Cannes ausgezeichnet wurde. Nach seiner Rückkehr in den Iran wurde sein Pass einbehalten.

Im Moment hält sich Rasoulof im Süden des Landes auf. Dort sieht er bis zum 5. März 15 Wettbewerbsfilme, zeitgleich mit den fünf anderen Juror:innen des Branchenevents in Berlin. Die Jurysitzungen finden online stattt. Das Gespräch führen wir über Skype, als Dolmetscher ist der Produzent Mani Tilgner dabei.

Herr Rasoulof, wie ist es Ihnen seit dem Goldenen Bären für Ihr Episodendrama „Doch das Böse gibt es nicht“ ergangen?
Sehr ambivalent. Einerseits war da die wunderschöne Erfahrung, den Film überhaupt fertigstellen zu können, zur Berlinale eingeladen zu werden und den Goldenen Bären zu gewinnen. Wenige Wochen später kam der Bescheid, dass ich meine einjährige Gefängnisstrafe antreten soll, noch ohne Termin. Gleichzeitig wurde meine Mutter sehr krank, sie musste in Teheran ins Krankenhaus. Ich musste die Stadt trotzdem verlassen; etwa 1500Kilometer weiter südlich fühle ich mich vor den Behörden etwas sicherer.

Im Juni wurden Sie dann aufgefordert, in Teheran ins Gefängnis zu kommen.
Das tat ich und wurde wieder nach Hause geschickt. Es hieß, wegen der Corona-Gefahr in den Gefängnissen müsse ich meine Strafe vorerst nicht antreten. Meine Mutter wiederum war zu genau der Zeit im Krankenhaus, als die Corona-Zahlen dramatisch nach oben gingen, das machte uns große Sorgen. Inzwischen habe ich meine Mutter verloren.

Das tut mir sehr leid.
Es war ein schwieriges Jahr. Mittlerweile wurde wegen des Films ein neues Verfahren gegen mich eröffnet, mein Anwalt konnte Einblick in die Akte nehmen. Wieder wird der Standard-Vorwurf „Propaganda gegen die iranische Regierung“ angeführt. Ein anderer Vorwurf lautet „Verstoß gegen die öffentliche Moral“ und betrifft Szenen, in denen die Protagonisten vor der Kamera Körperkontakt haben.

Sie sprachen bei der Berlinale 2020 vom Mut Ihres gesamten Filmteams. Drohen auch anderen Konsequenzen?
Drei andere Personen haben Probleme bekommen, sie befinden sich zum Glück gerade im Ausland. Da ich der einzige bin, der sich im Iran aufhält, trifft es nur mich. Es gibt aber auch Gutes in meinem Leben. (Richtet die Kamera auf sein Fenster, mit Blick auf den Strand und das Meer unter einem azurblauen Himmel) Sehen Sie die Schönheit unseres Landes! Ich bin wieder im Süden und habe zwei Exposés geschrieben. Das eine behandelt die jüngere Geschichte des Iran anhand der Geschichte einer Person zehn Jahre vor und zehn Jahre nach der Revolution.

Gewöhnt man sich irgendwie daran, wenn über Monate und Jahre das Damoklesschwert Gefängnis über einem schwebt?
In gewisser Weise schon. Aber auf die Dauer ist es extrem aufreibend, so viel Energie für Auseinandersetzungen mit der Zensur aufzubringen. Es heißt oft, Zensur stärke die Kreativität, manchmal kann eine gewisse Enge tatsächlich kreative Kräfte freisetzen. Aber der endlose Kampf macht einen auch müde, oft ist es überhaupt nicht produktiv.

Sie sprachen vor einem Jahr von einem konservativen Backlash. Die unabhängige Filmszene werde kleiner, der Geheimdienst finanziere immer häufiger Filme.
Leider hat sich diese Entwicklung fortgesetzt. Nehmen Sie das Fajr Festival in Teheran, auf dem viele solcher Filme laufen. Das größte nationale Filmfest, das im Februar wieder stattfand, hat schon viele Phasen erlebt.

Nach der Revolution konnten dort zunächst keine kritischen Filme gezeigt werden, aber dann waren auch kritische Inhalte möglich. Heute werden kritische Filme aus dem Programm gestrichen.

Neues Verfahren. Rasoulofs Goldbären-Film „Denn das Böse gibt es nicht“.Foto: Grandfilm

Wie finanziert man im Iran solche Filme? Man verkauft der Oma ihr Häuschen?
Diese Filme entstehen nur, wenn die Regisseure und Teams dranbleiben, nicht aufgeben, es immer und immer wieder probieren. Die meisten arbeiten mit kleinen Budgets und mit hilfsbereiten „Großmüttern“, setzen darauf, dass die Filme wenigstens international wahrgenommen werden, wenn sie schon im eigenen Land nicht im Kino laufen dürfen. Auch die beiden Filme im jetzigen Berlinale- Programm sind so entstanden, „Ballad of a White Cow“ im Wettbewerb und „District Terminal“ in Encounters.

Wie bei Ihrem Film nimmt auch „Ballad of a White Cow“ die Todesstrafe zum Ausgangspunkt. Eine Witwe erfährt, dass ihr Mann zu Unrecht hingerichtet wurde. Ist das Thema virulent, weil die Zahl der Hinrichtungen in Iran gerade deutlich steigt?
Es mag Zufall sein, dass auch mehr Filme davon erzählen. Die Würdigung der Menschenrechte erfordert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den aktuellen Lebensverhältnissen der Menschen im Iran. Doch die Regierung steht im absoluten Widerspruch zu diesem Anliegen und erlaubt das nicht. Stattdessen findet weiterhin Verfolgung statt, die auch immer wieder zu Hinrichtungen führt.

Es stimmt, seit Dezember sind prominente Sportler, Journalisten und Aktivisten etwa der Balutschen-Minderheit der Todesstrafe zum Opfer gefallen. Andere sterben im Gefängnis, weil sie krank sind und entgegen ärztlichem Rat nicht in die Klinik kommen. Auch das ist eine Art Hinrichtung. Behnam Mahjoubi ist Mitte Februar auf diese Weise ums Leben gekommen.

Er gehörte der Minderheit der Sufi an, wurde 2018 bei einer Demonstration verhaftet und laut Menschenrechtsorganisationen im Gefängnis schwer misshandelt.
Die Todesnachricht hat sich über Twitter verbreitet. Auf solche Fälle aufmerksam zu machen und dagegen zu protestieren, ist das einzige, was wir tun können. Öffentlichkeit bedeutet einen gewissen Schutz. In meinem Fall liegt es wahrscheinlich auch an der internationalen Aufmerksamkeit, dass ich meine Haftstrafe bisher nicht antreten musste.

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Der politische Preis für die Reputation des Landes wäre zurzeit wohl zu hoch. Es ist sehr undurchsichtig, wie solche Entscheidungen getroffen werden. Menschen, die keine mediale Aufmerksamkeit erfahren, sind jedenfalls gefährdeter. Die Kommunikation mit der internationalen Gemeinschaft und die internationalen Proteste sind wichtig. Das Schlimmste wäre es, über das Unrecht zu schweigen.

Sie sagten letztes Jahr auch, immer mehr Menschen im Iran hätten den Mut, das Schweigen zu brechen. Ist das weiter so?
Die Zahl der Nein-Sager steigt, es ist überall zu spüren, im Gespräch mit Freunden, auf der Straße, im Internet. Das hat zur Folge, dass die Repression stärker wird – was wiederum den Widerstand stärkt. Was mir sehr am Herzen liegt, auch in „Doch das Böse gibt es nicht“: Nein-Sagen bringt große Schwierigkeiten mit sich, aber es hat auch eine große Schönheit.

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Können die Iranerinnen und Iraner den Film überhaupt sehen?
Es ist vermutlich ähnlich wie bei meinen früheren Filmen. Wenn sie international gezeigt wurden, gelangten sie ohne mein Zutun über den Schwarzmarkt in den Iran und wurden so von vielen gesehen.

Überall müssen Künstler wegen der Pandemie jetzt auf ihr Publikum verzichten. Man kann das nicht vergleichen, aber haben Sie einen Rat für Ihre Kollegen im Lockdown?
Die Folgen der Pandemie fürs Filmgeschäft sind noch gar nicht absehhbar. Aber vieles verlagert sich ins Netz, das bedeutet auch Chancen. Ich bin eigentlich optimistisch. Der Unterschied zwischen dem globalen Lockdown wegen Corona und dem, was die Menschen hier im Iran erleben, besteht darin, dass wir die Möglichkeit haben, an unserer Situation etwas zu ändern. Wir müssen es nur wollen.

Wie ist es aktuell mit Corona? Es heißt, der Iran entwickelt einen eigenen Impfstoff.
Die Herkunft von Impfstoffen sollte keine Rolle spielen. Es ist verheerend, dass dieses Thema instrumentalisiert wird. Die Politik riskiert Menschenleben, wenn sie sich weigert, Vakzin aus den USA, Großbritannien oder Frankreich zu importieren.

Und wächst mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden die Hoffnung auf Aufhebung der US-Sanktionen, auf Lockerungen?
Was Biden betrifft, gibt es zwei Lager. Die einen hätten es in gewisser Hinsicht gut gefunden, wenn Trump Präsident bleibt. Sie hofften, dass besonders hoher Druck von außen Veränderungen im Inneren bewirkt. Die anderen hoffen nun, dass sich mit weniger Sanktionen die Lebensbedingungen bessern, und damit auch die politische Situation.

Verständigen Sie sich über solche Themen mit Kollegen, jemandem wie Jafar Panahi zum Beispiel, der 2015 für „Taxi Teheran“ den Goldenen Bären gewann?
Auch diese Kontakte sind natürlich beeinflusst von der politischen Situation. Wir sind nicht alle gleich, wenn es um die Verantwortung des Einzelnen in einer politischen Drucksituation geht. Und es gibt kein simples Richtig und Falsch, sondern einen großen Grau-Bereich.

Kennen Sie den Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“? Da gibt es den Gemüsehändler, der ein Plakat mit kommunistischen Slogans ins Schaufenster seines Ladens hängen soll. Er tut es, um in Ruhe gelassen zu werden. Auch seine Kunden sind keine strammen Kommunisten, sie wissen, warum er es tut. Wie weit lässt man sich durch Repressionen beeinträchtigen? Hat man ein Recht darauf, in Ruhe gelassen werden zu wollen? Mit solchen Fragen setzen wir uns immer wieder auseinander.

Sagen Sie, können Sie im Meer vor Ihrem Fenster eigentlich schwimmen gehen?
Man kann hier wunderbar schwimmen, das Wetter ist herrlich. Nur Frauen dürfen im Iran leider nicht öffentlich baden. Das Meer ist nicht für alle Menschen da.

Ich wünsche Ihrem Land eine Zukunft, in der auch ich als Frau ins Meer kann.
Das können Sie schon jetzt, es gibt heimliche Badestellen. Ich passe auf, und wenn die Polizei kommt, pfeife ich.