Musikerinnen aus Fleisch und Blut

Was für ein Ort. In der Alten Münze in Mitte überlagern sich NS-Architektur und Reste barocker Bebauung. Die immer noch spürbare industrielle Atmosphäre einer Münzprägeanstalt mischt sich mit der Erinnerung an grandiose Partyabende. Lange her, wir haben Pandemie, und Deutschland wird von der Inzidenz regiert. Hat es wirklich jemals so etwas wie Feiern, Konzerte, Livemusik gegeben? Das Ohr dürstet, lechzt danach, deshalb ist dieser Besuch in der Alten Münze an einem kalten Februarsonntag so anrührend. Vier junge Musikerinnen aus Fleisch und Blut treten hier auf – für einen Streamingfilm. Denn das ist ja eine der Paradoxien des digitalen Zeitalters: Um Inhalte fürs Netz zu generieren, muss man meist real zusammenkommen.

Die Deutsche Grammophon (DG) und Siemens, die schon in der Ära Karajan fruchtbar zusammengearbeitet haben, produzieren einen 90-minütigen Konzertfilm zum Weltfrauentag am 8. März, als digitale Ausgabe der Yellow Lounge, mit der die DG seit Jahren recht erfolgreich das Clubpublikum für klassische Musik interessiert. Der Berichterstatter darf im Dunkeln auf dem Stuhl Platz nehmen und der wunderbaren Nadine Sierra mit ihrem satten Sopran zuhören, die Songs und Arien von Bernstein, Puccini und Gounod singt.

Und er kann davon träumen, wieder im weißgoldenen Saal der Berliner Staatsoper zu sitzen. Ab April soll Sierra dort als Susanna in „Figaros Hochzeit“ zu hören sein, vielleicht mit Publikum, auf jeden Fall im Stream. Solche Sachen entscheidet in Deutschland inzwischen wie gesagt die Inzidenz.

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Nadine Sierra ist schon länger bei der DG unter Vertrag. Die drei anderen sind frisch an Bord – und werden von Sophia Munoz am Flügel begleitet. Harfenistin Magdalena Hoffmann erinnert mit einer Nummer aus den „Soirées musicales“ an eine Komponistin, deren Namen inselgleich aus dem Meer der Männerwelt des 19. Jahrhunderts herausragt: Clara Schumann. Auch Geigerin Bomsori spielt, neben der berühmten „Médiation“ von Massenet, das Stück einer Komponistin: „Oberek Nr. 1“ von Grazyna Bacewicz verlangt unglaublich flinke Finger und eine präzise Technik. Zum Finale unterhält sich Moderatorin Nanja Oedi mit der südkoreanischen Sopranistin Hera Hyesang Park, die von ihren rassistischen Erfahrungen als Asiatin auf europäischen Bühnen berichtet: „Du bist, wer du bist. Tue, was du liebst, höre nie damit auf. Kämpfe dafür, dass andere es mal besser haben“.

Fünf Kameras filmen das Geschehen in 4K-Auflösung, das VJane-Duo Trial and Theresa inszeniert die Auftritte mit zu den Stimmen passenden Visuals auf der Leinwand. Sieht gut aus, ist aber auch problematisch, denn Auge und Ohr werden bei der Rezeption gelenkt. Für Stephan Frucht vom Siemens Art Programm ist das trotzdem der Weg, den klassische Konzerte angesichts eines immer stärker video-sozialisierten Publikums künftig gehen werden, im Netz – und live. Wenn die Inzidenz nichts dagegen hat.
Der Film „Yellow Lounge – Women of Achievement“ ist ab Sonntag, den 7. März, um 12 Uhr bis Mittwoch um 12 Uhr kostenfrei auf www.dg-premium. com zu sehen.