Morgens Dienst, abends Atelier

Nebenjobs gehören im Leben vieler Maler und Bildhauerinnen dazu. Manche arbeiten im Studio eines anderen Künstlers, bauen Ausstellungen auf, unterrichten oder kellnern, um ihr Auskommen zu sichern. Aber obwohl der Nebenjob für die allermeisten zur Lebensrealität gehört, ist er ein Tabuthema.

Wer als Künstlerin ernst genommen werden will, spricht besser nicht öffentlich über seine Brotjobs. Um dieses Dilemma und seine Auswege ging es bei einer Online-Podiumsdiskussion, zu der Aneta Rostkowska von der Temporary Gallery, einem kleinen Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Köln, eingeladen hatte (nächster Termin, 11. März, Thema: Genossenschaften; temporarygallery.org)..

Auf dem Podium saßen vier Künstler:innen, die offen über ihre Nebentätigkeiten und Einkommenssituation berichteten; wahrlich eine große Seltenheit. Da ist etwa die Kölner Künstlerin Doris Frohnapfel, die in ihrer jahrzehntelangen Laufbahn schon Aktmodell im Zeichenunterricht, Angestellte im Architekturbüro, Lehrerin, Professorin und ALG I-Empfängerin war. Als alleinstehende Frau mit 1000 Euro Fixkosten muss sie weit mehr als die 1100 Euro netto verdienen, mit der sich laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes mehr als ein Drittel der Künstlerschaft pro Monat begnügt.

Viele Künstleri:innen brauchen eine zweite Einnahmequelle

Konzeptkünstler Jan Hoet ist gleichzeitig Programmierer, was ihm ein einträgliches Auskommen beschert, aber auch dazu führt, dass er Hilfeanrufe von Geschäftskunden bekommt, während er abends eine Ausstellung eröffnet. Und Magdalena Kita erntet negative Reaktion, wenn sie erzählt, dass sie als Künstlerin und als Immobilien-Maklerin arbeitet, obwohl ihr der Maklerjob sogar Spaß macht.

Es hält sich die Vorstellung, dass nur die oder der ein echter Künstler ist, die sich zu 100 Prozent seinem Werk widmet. Man kann es auch so sehen: Künstler sind erst dann frei, vor allem von den Bedingungen des Kunstmarktes, wenn sie eine zweite, dritte Einnahmequelle haben.

Es bleibt ein Spagat: Künstlerin sein und gleichzeitig übersetzen, verkaufen, Webseiten basteln – das ist eine geistige und organisatorische Herausforderung. Zu den praktischen Tipps, die an diesem Abend gegeben werden, gehört, sich als Künstlerin einen möglichst gut dotierten Nebenjob zu suchen, und noch vor dem Alter spezielle Kompetenzen zu erwerben, die einen in die Lage bringen, einen solchen auch zu finden. Computerkenntnisse, pädagogische oder therapeutische Kompetenzen helfen. Schlecht bezahlt sind fast immer Jobs im künstlerisch-kulturellen Bereich.

Beliebt, aber schlecht bezahlt: der Job im Buchhandel

Aktuelles Beispiel: die Buchhandlung Walther König, einer der renommiertesten Buchläden im Kunstbereich mit 45 Filialen, bezahlt Werkstudent:innen unter Mindestlohn, gewährt keinen Urlaub und keine Krankentage. Das wollten Mitarbeiter:innen der Münchner Filialen ändern. Gemeinsam mit der Münchner Basisgewerkschaft FAU baten sie im Februar um Gespräche, forderten unter anderem die Erhöhung des Stundenlohns auf elf Euro. Nun droht ihnen der Rausschmiss.

Das zeigt, wie wichtig die gemeinsame Organisation ist, etwa in Freiberufler-Gewerkschaften oder in politischen Gremien wie im Kulturrat oder dem Berufsverband Bildender Künstlerinnen (BBK). Ohne gemeinsame Forderungen werden sich Ausstellungshonorare und Stundenlöhne kaum verbessern.

Nebenjobs können grade in Pandemiezeiten zum Problem werden. Wenn Verdienstmöglichkeiten im Kunstbetrieb wegfallen, müssen Alternativen her. Freiberufliche Zusatzarbeit im nicht-künstlerischen Bereich kann allerdings dazu führen, dass man aus der Künstlersozialkasse ausgeschlossen wird; für viele die einzige bezahlbare Möglichkeit zur Absicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dies müsste dringend geändert werden, forderte kürzlich die Gewerkschaft ver.di. Besser dran sind diejenigen, die über ihren Nebenjob krankenversichert sind.