Moderner Realismus am Rothenbaum

Das Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum lebte lange Zeit nur noch von seiner Vergangenheit. Doch jetzt gibt es neue Zuversicht.




Schöne Aussichten. Bis zu 2300 Zuschauer dürfen zu den Spielen auf den Center Court – ausverkauft waren die erste Tage nicht.Foto: dpa

Die Strandkörbe sind sehr begehrt. Kurz hinter dem Eingangsbereich und vor dem mächtigen Center Court sind fünf davon aufgebaut. Die Sonne strahlt an diesem Dienstag von einem blauen Himmel über Hamburg. Wenn jetzt hier wie schon mehrfach in der Vergangenheit Beachvolleyball gespielt werden würde, wäre das durchaus passend. Menschen schlendern entspannt, aber mit Abstand, über die Anlage am Hamburger Rothenbaum. Zur Mittagszeit wirkt es vor den Essensständen beinahe sogar voll.

Wie eine Oase liegt das größte Tennisstadion Deutschlands im Stadtteil Harvestehude. Von der Hallerstraße kommend, ist die luftige Dachkonstruktion des Center Courts schon aus der Ferne zu erkennen. An diesem Tag darf die Sonne ungestört auf den Platz scheinen, das Dach ist nur Dekoration. Zusammen mit den unterschiedlich eingefärbten Sitzen und der roten Asche gibt es dem Ganzen einen wunderbaren Kontrast.

Wer hätte gedacht, dass sich das älteste Tennisturnier des Landes noch einmal so herausputzen würde? Zumal in diesem von Corona und diversen Absagen geprägten Jahr. Ursprünglich hätten die Hamburg European Open im Juli stattfinden sollen, zum ungeliebten Termin nach dem Rasenklassiker in Wimbledon und vor der Hartplatzsaison in Nordamerika. Wimbledon fiel aus, auch in Hamburg konnte nicht gespielt werden. Die Hoffnung aber blieb, schließlich war die Tennisanlage gerade erst teuer saniert worden.

Für zehn Millionen Euro wurde vom maroden Dach des Center Courts über die Tribünen und Fassaden bis hin zu den Umkleidekabinen alles renoviert. Die Tradition des seit 1892 ausgetragenen Turniers wird dank eines Walk of Champions hinter dem südlichen Tribünenbereich greifbar. Ein bisschen erinnert das an Wimbledon, wo die Legenden von Björn Borg über Steffi Graf und Roger Federer ebenfalls von Schautafeln aus die Besucher in eine andere Zeit entführen.

Der Walk of Champions – ein kleines Tennismuseum hinter den Tribünen des Center Courts.Foto: Reuters

Und nun wird in dieser Woche tatsächlich am Rothenbaum gespielt – ein Männertennisturnier wohlgemerkt, keine Beachveranstaltung. Und das Feld ist so erlesen wie seit 2008 nicht mehr, auch wenn ein Alexander Zverev nach seinem dramatisch verlorenen US-Open-Finale nicht in Hamburg dabei ist und sein Bezwinger Dominic Thiem ebenso noch Erholung braucht. Rafael Nadal und Novak Djokovic spielten in der vergangenen Woche lieber in Rom und bereiteten sich dort auf die French Open vor, die ab Sonntag in Paris ausgetragen werden – ebenfalls zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. In Hamburg sind trotzdem vier Top-Ten-Spieler und insgesamt acht Profis aus den Top 20 der Weltrangliste am Start.

Als das Turnier noch zur Masters Series gehörte, war dies selbstverständlich. Doch Hamburg verlor diesen Status und kämpfte danach um seine Zukunft. Michael Stich versuchte als Turnierdirektor das Beste aus der Verlegung vom Mai in den Juli und der damit verbundenen Herabstufung zu einer drittklassigen Veranstaltung zu machen. Richtig glücklich war der Deutsche Tennis-Bund, der die Lizenz des Turniers hält, mit Stich am Ende nicht mehr.

Seit zwei Jahren ist die Reichel Business Group GmbH nun Betreiber, die Österreicherin Sandra Reichel fungiert als Turnierdirektorin. Zusammen mit ihrem Vater hat sie viel Erfahrung und ein paar Visionen mit nach Hamburg gebracht – auch ein wenig mehr Realismus und Pragmatismus sind dabei.

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Statt 13 200 Menschen fasst der Center Court nach der Renovierung nur noch 10.000 Zuschauer, trotzdem sind auch die Pläne der Reichels für Hamburg ambitioniert: „Wir wollen das Turnier wieder aufwerten und eine Marke am Rothenbaum schaffen“, sagt Sandra Reichel, nur um gleich hinzufügen: „Ich denke jetzt aber step-by-step und bin erst einmal total happy, dass wir in diesem Jahr überhaupt spielen können.“

Dafür ist der Etat von 5,5 auf 3,7 Millionen Euro zusammengestrichen worden, auch das Preisgeld wurde um rund 40 Prozent auf insgesamt 1,1 Millionen Euro gekürzt. Mit Unterstützung der Stadt Hamburg, treuer Sponsoren, der Tennisvereinigung ATP und dank wenigstens ein paar Zuschauereinnahmen dürfte sich das Minus in diesem Jahr für die Veranstalter in Grenzen halten, auch wenn sich der Zuspruch trotz des guten Wetters an den ersten Tagen noch deutlich unter der erlaubten Marke von 2300 Besuchern bewegt hat.

Am Wochenende zu den Halbfinals und Finals könnte das Stadion ausverkauft sein. Dann allerdings ist Regen vorhergesagt. Die Strandkörbe auf der Plaza hinter dem Eingang dürften dann nicht mehr so begehrt sein, aber immerhin hält das Dach über dem Center Court jetzt endlich wieder dicht.