Modelle für die Zukunft

Es kommt Bewegung in die Debatte um die Rückführung von Benin-Bronzen aus europäischen Museen und Sammlungen nach Nigeria. Die Bronzen sind nach einer so genannten Strafexpedition der Briten 1897 nach Europa verschleppt und auf dem Kunstmarkt veräußert worden. Dieses Vorgehen war eines der „berüchtigtsten Beispiele für die Plünderung von Kulturschätzen im Zusammenhang mit der europäischen kolonialen Expansion des 19. Jahrhunderts“, erklärte am vergangenen Donnerstag die University of Aberdeen in Schottland, die die Rückgabe ihres Königskopfes an Nigeria beschlossen hat. Auch der deutsche Außenminister Heiko Maas hat ernsthafte Verhandlungen über die Benin-Bronzen angekündigt, was international Beachtung fand.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters plant nach einer Sitzung mit dem Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für April zum Thema Benin-Bronzen eine Konferenz über eine gemeinsame Strategie im Dialog mit den Herkunftsgesellschaften. An der Konferenz werden die 16 Kulturminister:innen sowie die Museumsdirektor:innen teilnehmen, die Bronzen in ihren Sammlungen haben, sowie Vertreter des Auswärtigen Amtes. Benin-Bronzen befinden sich im Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt (MARKK) in Hamburg, im Linden-Museum Stuttgart, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Museum für Völkerkunde Dresden und im Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig, im Rauthenstrauch-Joest-Museum in Köln und im Ethnologischen Museum, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SPK). Allein hier lagern über 500 Bronzen.

Ein neues Museum in Benin-City

Die Hälfte davon soll im Humboldt Forum ausgestellt werden. Daran hält Hermann Parzinger, Präsident der SPK, in einem Gastbeitrag am Sonnabend in der „FAZ“ fest. Es sei auch nicht im Interesse Nigerias, dass alle Skulpturen zurückgegeben werden sollten. Dabei verwies er auf laufende Gespräche im Rahmen der Benin Dialogue Group.

Es geht um eine internationale Zusammenarbeit der Museen. Möglich wäre auch, dass die Bronzen in Berlin gezeigt werden und dann einmal nach Afrika zurückkehren in ein neues, noch zu bauendes Museum in Benin City. Dort hat Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt, wie die „Zeit“ berichtet, kürzlich diplomatische Gespräche geführt. Es sieht so aus, als würde sich bei diesem Thema eine jahrzehntealte Blockade lösen. das würde auch dem Humboldt Forum helfen.

Berlin verfügt aber noch über mehr Benin-Stücke, die bisher noch nicht im Blickpunkt des Interesses standen. Als die wertvollen Artefakte nach Berlin kamen, hatte die Gipsformerei im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Abformungen und Reproduktionen einiger Köpfe hergestellt, die mittlerweile selbst mit ihren über 80 Jahren zu historischen Sammlungsobjekten geworden sind.

“Preis auf Anfrage”

Der Online-Katalog der Gipsformerei der Staatlichen Museen verzeichnet unter der Nummer R-04161 den „Gedenkkopf eines Königs“ aus der Zeit von 1701-1800, 56 Zentimeter hoch, täuschend echt bemalt und sehr nahe am Original. „Preis auf Anfrage“, so heißt es im Katalog. Das Original war aus Messing gegossen. Diese Reproduktion ist ein typischer Vertreter der so genannten Benin-Köpfe, die nach dem britischen Raubzug in Europas Museen sehr gefragt waren. Ein weiterer Gedenkkopf eines Königs, Katalognummer R-04160, ist ab 2900 Euro auf Anfrage zu haben – das Original ist aus Bronze gegossen und 47 Zentimeter hoch. Beide Reproduktionen sind Prachtstücke ihrer Gattung.

„Die Abformungen sind schon sehr präzise und ein Besucher im Museum würde den daraus gewonnenen Abguss nicht vom Original unterscheiden können“, sagt Miguel Helfrich, Leiter der Gipsformerei der Staatlichen Museen, die 2019 ihren 200. Geburtstag feierte. Auf Grund dieser langen Erfahrung verfügt die Gipsformerei über ein weltweit einzigartiges Knowhow in der Herstellung von Abgüssen aus historischen Abformungen.

Könnte die Gipsformerei helfen, falls es zu einer Rückgabe von Benin-Köpfen käme? Könnte nicht die Aufarbeitung der Geschichte der Benin-Köpfe, ihres gewaltsamen Exports nach Europa durch die Briten besser anhand von Abgüssen im Humboldt Forum aufgearbeitet werden, die die einst geraubten Artefakte dann „vertreten“?

Die Abgüsse haben ihre eigene Geschichte

„Ein Abguss ist ein eigenständiges Objekt, er ist nicht die Vorlage. Aber historische Abgüsse stehen in einer besonderen Beziehung zur Vorlage“, sagt Helfrich. „Ein Abguss ist ein optisches Substitut, aber nicht das Objekt“, fügt er hinzu. Für einen Forscher mache es schon einen Unterschied, ob er eine Bronzeskulptur in Händen halte oder einen Gipsabguss. Aber für den Laien wäre der Unterschied in einer Vitrine nicht zu erkennen. Also wäre ein Abguss im Museum besser als eine Leerstelle, zumal, wenn man dazu die Geschichte des Objekts erzähle?

Möglich wäre das, sagt Helfrich, allerdings wären das jetzt Abgüsse aus den 1930er Jahren, da die Formen damals abgenommen wurden. „Damals war man bei den Abformungen vom Original noch etwas freizügiger als heute. Eine neue Abformung braucht Zeit und würde heute ganz anders ablaufen“, sagt Helfrich. Dafür müsse man heute mit zwei bis drei Monaten rechnen.

Heute würde man erst mit den Restauratoren sprechen, dann einen Scan machen, anschließend den Scan am Rechner bearbeiten. Ein Problem seien Hinterschneidungen. Dann müsse man sich überlegen, wie man das Objekt drucken kann, wie viel Druckraum einem zur Verfügung steht. Das gedruckte Objekt habe Spuren, die für ein Museumsobjekt beseitigt werden müssten. Im Prinzip handele es sich um einen immer noch zu bearbeitenden Rohling.

Wenn nun aber immer mehr Museen weltweit bereit wären, ihre Schätze in die Herkunftsländer zurückzugeben, wäre das denn nicht ein neues Geschäftsfeld für die Gipsformerei? Schließlich hatte König Friedrich Wilhelm III. sie vor über 200 Jahren auch gegründet, um damit Geld zu verdienen.

Bisher sei noch niemand an ihn herangetreten, sagte Helfrich. Aber er habe mit der TU Berlin ein Projekt gestartet, das das alte, traditionelle Abformungswissen der Gipsformerei mit den neuen technologischen Möglichkeiten des Scannens gleich von Anfang an kombinieren soll. „Es geht darum, Alt und Neu intelligent zu kombinieren und die bisherige Qualität zu verbessern“, sagt Helfrich. Bisher habe niemand so präzise Anforderungen an die Industrie geäußert, die diese Drucker herstellt. So haben gescannte und gedruckte Objekte keine harten Bruchkanten wie das Original. „Wenn es gelänge, das System der 3D-Drucker zu verbessern, könne daraus eventuell ein Geschäftsmodell entstehen“, ist sich Helfrich sicher.

Geschäftsmodell für Museen

Menschen, die 3D-Drucker herstellen, sind Techniker ohne kunsthistorisches Wissen. Aber der Beruf des Gipskunstformers werde sich ändern und wie schon in der Vergangenheit neue Methoden entwickeln. Deshalb sei die Zusammenarbeit mit der TU Berlin so wichtig. Das Hauptproblem ist für Helfrich die Zeit. Die Pandemie zwingt seine Mitarbeiter dazu, in zwei Schichten zu arbeiten, die Auftragsbücher seien voll und damit das Tagesgeschäft ausgelastet.

Andere Anbieter für Abformungen und Reproduktionen gebe es natürlich, sagt Helfrich, aber nicht ohne Stolz vermerkt er, dass die Qualität und das Knowhow der Arbeit seiner Manufaktur weltweit einzigartig seien. Wenn also im Rahmen der Dekolonisierungsdebatte die Rückgaben zunehmen werden, könnte die Nachfrage nach hochwertigen „optischen Substituten“ steigen.

Und noch einen Schatz birgt die Gipsformerei, der unter der Katalognummer R-04127 online angeboten wird: „Portugiese (Ganze Figur)“, eine typische bronzene Reliefplatte aus Benin, die einst dem Schmuck von Tempeln und Residenzen dienten. Dieses Objekt existiert so nur in Berlin, denn das Original der oberen Hälfte befindet sich im British Museum in London, während die untere Hälfte in Wien im Weltmuseum aufbewahrt wird. Im Berliner Abguss ist dieses einzigartige Objekt vollständig vorhanden: „Preis auf Anfrage“.