Mit sich selbst ins Gericht gehen

Der Zustand der Demokratie in Amerika, dem Land mit der ältesten demokratischen Verfassung der Welt, war neben der Flüchtlingsproblematik einer der Anlässe für Richard J. Bernsteins Buch. Im amerikanischen Original 2018 unter dem Titel „Why Read Hannah Arendt Now“ erschienen, legt „Denkerin der Stunde“ in der deutschen Übersetzung nun eine Punktlandung hin: mitten in der Covid-19-Pandemie und mitten im Strudel der lautstark zu Ende gehenden Trump-Ära.

[Richard J. Bernstein: Denkerin der Stunde. Über Hannah Arendt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 142 Seiten, 14 €.]

Hannah Arendt starb am 4. Dezember 1975 in ihrer Wohnung am Riverside Drive in Manhattan an einem Herzinfarkt. Doch ihre Erfahrung als aus Deutschland geflüchtete Jüdin, die 1933 zunächst nach Paris und nach ihrer Flucht aus dem Internierungslager Gurs nach New York emigriert war, ließ sie manches mit verblüffender Klarheit sehen. Zum Beispiel, dass der Begriff der Menschenrechte Makulatur ist, wenn es genau in dem Augenblick, in dem ein Mensch Schutz am nötigsten hat, keine Instanz gibt, an die er sich wenden kann.

Ihre Erfahrung als Staatenlose, die sie nach dem Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft bis zu ihrer US-Einbürgerung 1951 war, hat sie für die Form der Schutzlosigkeit sensibilisiert, die Menschen auf der Flucht erleiden. Wer keine Staatsbürgerschaft hat, wird von keiner Rechtsordnung geschützt und aus der Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen ausgeschlossen. Er verliert seinen „Platz in der Welt“, der „einem sowohl Stand wie Raum gibt“.

Der kleine Essay „Wir Flüchtlinge“ (We Refugees) aus dem Jahr 1943 wurde in den letzten Jahren zu einer ihrer meist zitierten Schriften. In ihrem frühen Hauptwerk, „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (The Origins of Totalitaranism, 1951), verfolgte sie diese Frage grundlegender. Der Totalitarismus, das ist eine ihrer bedeutendsten Erkenntnisse, ist etwas anderes als Diktatur oder Tyrannei. Er zielt darauf, „das Wesen des Menschen selbst zu verändern“, wie Bernstein formuliert.

Der Mensch – ein Gemeinschaftswesen

Der Mensch ist bei Hannah Arendt ein Gemeinschaftswesen, vom ersten Atemzug an. Er gehört zu einer Gruppe und hat gleichwohl die Fähigkeit, jederzeit einen Neuanfang zu wagen. Spontaneität ist Teil dessen, was sie als „Gebürtlichkeit“ charakterisiert. Die Idee des Neuanfangs in einer grundsätzlich bereits vorhandenen Gemeinschaft mit anderen ist ein Gegenentwurf zur „Geworfenheit“ des Menschen bei ihrem Lehrer (und Liebhaber) Heidegger und dessen Denken vom Tod her.

Es gehört zu ihrer Brillanz, dass ihr Denken vielfältig anschlussfähig ist. Etwa für jüngere Philosophinnen wie Eva von Redecker, die über die Verstetigung revolutionärer Impulse in neuen Formen des Gemeinwesens nachdenken. Selbst die jüngst im Zentrum der deutschen Politik ersonnenen Bürgerräte, welche die Kluft zwischen der parlamentarischen Demokratie und ihren Bürgern überbrücken sollen, könnte man mit ihrem auf gemeinschaftliches Handeln ausgerichteten Politik-Begriff begründen.

Die Rolle der Räte hielt Arendt nicht nur für das wichtigste Element im revolutionären Prozess, sondern auch für eine Möglichkeit, Bürger in den politischen Prozess einzubinden. Selbst in Hinsicht auf Palästina schien ihr das die Lösung. Dabei legte sie sich auch mit den Zionisten an, für die sie in den Pariser Exil-Jahren Basisarbeit in der Jugendbetreuung geleistet hatte. Statt einer Zwei-Staaten-Lösung schwebte ihr ein Staat vor, der auf allen Ebenen über jüdisch-arabische Räte organisiert sein sollte.

Jahrzehntelang war Hannah Arendt vor allem für die Formulierung „Banalität des Bösen“ bekannt, mit der sie den SS-Mann Adolf Eichmann von diabolischer Größe auf das menschliche Maß eines „Hanswurst“ zurechtstutzte. Sie hatte den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem für den „New Yorker“ verfolgt. Bald darauf erschien ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“, das ihr heftige Kritik einbrachte, besonders von jüdischen Organisationen.

Exorzismus durch Ironie

Obwohl sie Eichmanns strategische Selbstdarstellung unterschätzte, steckt in ihren Beobachtungen keineswegs eine Verharmlosung. Der Exorzismus ihres ironischen Stils ist unübersehbar, auch wenn sie selbst glauben wollte, es handle sich um einen „Tatsachenbericht“. In ihrem legendären Fernsehgespräch mit Günter Gaus antwortete sie auf die Frage, ob sie den richtigen „Ton“ angeschlagen habe, der „Ton“ sei „in diesem Falle wirklich der Mensch“. Dagegen könne sie nichts machen.

Hannah Arendt verteidigte die Unabhängigkeit ihres von Kant herkommenden Denkens, dessen politische Philosophie sie ausgerechnet in seiner Ästhetik entdeckte, in der enormen Bedeutung der Urteilskraft. Die Fähigkeit, unter Berücksichtigung verschiedener Standpunkte ein eigenes Urteil zu fällen, ist das Zentrum ihres Politikverständnisses. Dabei definierte sie Urteilen als „vorweggenommene Kommunikation mit anderen“, nur eine der zahlreichen Formulierungen, die zeigen, wie dialogisch sie dachte, schon da, wo es sich um das innere Selbstgespräch als Voraussetzung jedes ernsthaften Denkens geht.

Richard J. Bernstein, Philosophieprofessor an der New Yorker New School for Social Research, an der auch Hannah Arendt lehrte, kommt aus der pragmatischen Schule. Es geht ihm vor allem um die „Würde der Politik“, die er für den amerikanischen Diskurs zurückgewinnen möchte. Sein Buch ist eine hervorragende Einführung in die politische Theorie Hannah Arendts, auch weil es ihre Irrtümer, etwa in Hinsicht auf Rassismus und Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung nicht unerwähnt lässt.

Macht und Gewalt im Kontrast

Es macht deutlich, welch große Bedeutung Arendt dem öffentlichen Raum zuwies, als „eines Erscheinungsraumes, in dem die Menschen mit Taten und Worten, zum Guten oder Schlechten, zeigen können, wer sie sind und was sie tun können“, wie sie es im Vorwort zu „Menschen in finsteren Zeiten“ (Men in Dark Times, 1968) formulierte. Die Besonderheit ihres Machtbegriffs, der Macht und Gewalt kontrastiert und Macht als etwas definiert, das immer eine Gruppe benötigt, kommt ebenso zur Sprache wie ihre spezielle Auffassung von Freiheit, die sie gleichfalls nur dann für „realisierbar“ hält, „wenn andere zugegen sind“.

Warum ist Hannah Arendt Kult? Das kann Richard J. Bernstein nicht erklären. Wahrscheinlich ist es ihm ebenso suspekt wie Walter Laqueur, der den „Ahrendt-Kult“ schon 1998 beklagte. Es mag, wie Seyla Benhabib vermutete, daran liegen, dass sich ihr Denken „als die kritische politische Theorie des posttotalitären Augenblicks“ erwiesen hat. Aber es liegt sicher auch an ihrem Stil, den sie auch im öffentlichen Auftritt pflegte: spöttisch, ironisch, überaus selbstbewusst. Der amerikanische Cartoonist Ken Krimstein widmete ihr kürzlich eine Graphic Novel, in der der Rauch ihrer Zigaretten das Zeichen cooler Kreativität ist.

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Dass Hannah Arendt auf Englisch und auf Deutsch schrieb und ihre Bücher beim Übersetzen änderte, ist nur einer der Faktoren, in der sich die Beweglichkeit ihres Geistes zeigt. Wissbegier und Offenheit gehörten zu ihrem Charakter. Aber auch die Freude, ihre Meinung zu vertreten. Es gibt nun endlich eine Kritische Gesamtausgabe, die auf Deutsch bei Wallstein erscheint, eine Hybrid-Ausgabe, die immer ein Jahr nach der Publikation der einzelnen Bände auch online zugänglich sein wird, eine Kraftanstrengung verschiedener Stiftungen und Universitäten, darunter der FU Berlin.

Es ist ähnlich wie bei Susan Sontag. Hannah Arendt hat der politischen Theorie ein weibliches Aussehen gegeben, sehr ernsthaft, sehr lässig und auf eine schlagfertige Weise meinungsstark. Diese Stärke ist kein bloßes Distinktionsmerkmal wie in scheinbar pluralen TV-Debatten. Sie hat mit der Sicherheit des Urteilens zu tun, die aus kritischem Nachdenken kommt.