Mit den Methoden des Rabbiners

Eigentlich müsste Klaus Reichert jedes Mal, wenn er von seinem Werdegang als Lektor und Übersetzer, Schriftsteller und Hochschulprofessor erzählt, eine Warnung an die Jugend vorausschicken: Nachahmung auf eigene Gefahr! Denn es braucht eine gehörige Portion prinzipientreuer Chuzpe und zumindest die eine oder andere glückliche Fügung, um ein solch wechselvoll-erfülltes Leben im Dienst der Sprachen zu führen.

1938 geboren und in Oberhessen aufgewachsen, knüpfte Reichert bereits früh Bande zu so verschiedenen Autoren wie Wolfgang Hildesheimer oder Paul Celan, dessen Lektor er mit gerade einmal Ende zwanzig wurde. Da hatte Reichert bereits die Studienstationen Marburg, Berlin und Frankfurt (bei Adorno) hinter sich und der akademischen Welt vorerst den Rücken gekehrt, war stattdessen ins Lektorat des Insel Verlags gewechselt, wo er bald die maßgebliche US-Lyrik jener Jahre für das Mutterhaus Suhrkamp übersetzte.

Von seinen damaligen Kollegen weiß Reichert nur Gutes zu berichten: „Nie gab es im deutschen Verlagswesen ein besseres Lektorat.“ Trotzdem kehrte er dem Literaturbetrieb bald wieder den Rücken und wandte sich erneut der Universität zu, wurde nach der ein oder anderen Unwegsamkeit wie dem tragischen Freitod seines Mentors, des FU-Komparatisten Peter Szondi, schließlich selbst Professor für Anglistik in Frankfurt und sogar Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Seinen Erfahrungsschatz teilt Reichert bereitwillig. Öfter schon hat er Episoden aus seinem bewegten Leben geschildert, doch noch nie gelang ihm dies so konzis wie in seiner Grazer Poetikvorlesung.

[Klaus Reichert: Die Leichtigkeit des Schweren. Lesen, Verstehen, Übersetzen. Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2021. 112 Seiten, 15 €.]

Die Blicke, die er hier in seine Lesebiografie und Übersetzerwerkstatt gewährt, sind so aufschlussreich wie kostbar. In erster Linie liegt das an einer Tugend, die Reichert sich bei stilistischen Vorbildern wie den großen Historikern des 19. Jahrhunderts, aber auch philologischen Grenzgängern wie Ernst Robert Curtius und Erich Auerbach abschaute: Leserfreundlichkeit, frei von Fußnotenwüsten und überflüssigem Begriffsballast.

Eigenheiten jeder Ausgangssprache

Die Form der Darstellung der eigenen Gedanken ist niemals sekundär, so wie gleichermaßen große Gelehrsamkeit kein Ausschlusskriterium für eine anregende Lektüre sein darf. „Nichts ist schwerer als leicht zu schreiben“ – und doch gilt es, diese Herausforderung für alle Schreibenden anzunehmen. Ganz gleich, ob es sich um Gedichte, einen Bibelkommentar oder Essays zum Werk von James Joyce handelt. Womit sogleich ein weiterer Vorzug von Reicherts Arbeiten genannt ist, nämlich sein breit gefächertes Interessenspektrum, das zeitlich von der Antike bis zu den Erben des Hochmodernismus und sprachlich vom Hohelied Salomos über Virginia Woolf bis zu H. C. Artmann reicht.

Besonderes Augenmerk legt er dabei auf die wechselvollen Beziehungen zwischen den Sprachen und der literarischen Übersetzung im Speziellen. Reichert verfolgt das Projekt einer „Entkolonisierung der übersetzerischen Intention“, was nichts anderes heißen soll, als dass den Eigenheiten einer Ausgangssprache während des Transfers in eine andere Zielsprache doch bitte Gerechtigkeit widerfahren solle.

Wenn beispielsweise ein Rezensent an einem Roman hervorhebt, dieser sei lobenswert „flüssig“ ins Deutsche übertragen worden, stelle sich grundlegend die Frage, ob das Buch im Original denn auch runtergehe wie Öl? Ist das nicht der Fall, dann haben wir es mit einer sprachlichen Glättung der bloßen Gefälligkeit halber zu tun.

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Die Aufgabe des Übersetzers erblickt Reichert hingegen im Zugewinn an Ausdrucksmöglichkeiten, den eine Sprache durch die Auseinandersetzung mit einer anderen erlangen kann. Dabei denkt er an Hölderlins Pindar und kehrt stets aufs Neue heraus, dass es die eine, mustergültige Übersetzung für alle Zeit ebenso wenig geben kann wie die absolut wortgetreue Neutralität eines Sprachmittlers.

Auch was Klaus Reichert sonst noch über das Studium des Hebräischen, die Vorzüge des Kommentars im Gegensatz zur Interpretation, das Deutsche als Wissenschaftssprache oder den unsterblichen Shakespeare zu sagen weiß, ist unbedingt lesenswert. Noch die hintergründigste Sentenz wirkt bei ihm wie aus dem Ärmel geschüttelt. So auch die letzte des schmalen Büchleins: „Fragendes Verstehen: die rabbinische Methode.“ Als Schlussakkord ein kraftvolles Plädoyer für Wissensdurst und gegen vorschnelle Urteile.