Minus mal Minus ergibt nicht Plus

Geld hat Jutta Adler nicht verdient mit dem Konzert des Freiburger Barockorchesters Anfang der Woche in der Philharmonie – aber immerhin konnte sie zeigen, dass es die Konzertdirektion Adler noch gibt. 1919 wurde die Künstler- und Veranstaltungsagentur vom Vater ihres Mannes Witiko gegründet und noch nie in der glorreichen Firmengeschichte gab es eine so lange Pausenphase wie jetzt nach dem Corona-Lockdown.

Alle Angestellten sind in Kurzarbeit, noch hat Jutta Adler niemanden entlassen müssen. Doch lange kann sie so nicht weiter wirtschaften. 440 Karten waren für den Gastauftritt der Freiburger in Vorverkauf weggegangen, die Abendkasse brachte weitere 50 Tickets an Mann und Frau. Das entspricht aktuell einer Auslastung von rund 77 Prozent: kein schlechter Schnitt in Zeiten der Publikumszurückhaltung, wo selbst die Berliner Philharmoniker nicht selbstverständlich alle 630 verfügbaren Karten für ihr Stammhaus loswerden.

Und obwohl der große Saal derzeit zum „Freundschaftspreis“ von 7000 Euro am Abend vermietet wird und der Kammermusiksaal für 3000 Euro, bleibt für Unternehmen, die keine staatliche Subventionen erhalten, nach so einem erfolgreichen Abend trotzdem ein Minus – das in diesem Fall vom Freundeskreis des Ensembles ausgeglichen wurde. Doch so kann das Geschäft mit der Klassik auf Dauer nicht funktionieren.

Vier Stunden Seminar, nur um das Formular für den Antrag zu verstehen

Das mit einer Milliarde Euro ausgestattete „Neustart“-Programm von Kulturstaatsministerin Monika Grütters soll da eigentlich Abhilfe schaffen. Aber noch hat die Konzertdirektion keinen Cent davon gesehen. Weil die Verteilung der Hilfsgelder maximal kompliziert ist. Was so nicht geplant war. Die staatliche Bürokratie hat die heikle Aufgabe ganz bewusst in jedem Kulturbereich an die passenden Interessenvertretungen delegiert, in der Hoffnung, dass dort mit dem entsprechenden Knowhow auf die spezifischen Bedürfnisse der Zielgruppen eingegangen werden kann.

Um die Klassik-Veranstalter kümmert sich der Deutsche Musikrat. „Für das Ausfüllen der Antragsformulare braucht man ein überdurchschnittliches Abitur, einen versierten Steuerberater und möglichst noch einen Juristen als Beistand“, sagt Jutta Adler. „Um das Prozedere überhaupt verstehen zu können, haben wir Anfang September mit 100 weiteren Veranstaltern an einem vierstündigen Onlineseminar teilgenommen.“

Die Politik schürt Angst vor dem Konzertbesuch, sagt die Veranstalterin

Ab Mitte Oktober sollen zunächst die Bescheide rausgeschickt werden, in denen steht, ob ein Antragsteller überhaupt zuschussberechtigt ist oder nicht. „Danach können wir für jedes einzelne Konzert gesondert Zuschüsse beantragen“, erklärt Jutta Adler. „Damit werden aber nur Sachkosten abgedeckt, einen Gewinn dürfen wir nicht machen. Und wenn wir beispielsweise für das am 30. November geplante Gastspiel der Wiener Symphoniker Geld erhalten, der Auftritt wegen der Pandemie-Entwicklung dann aber doch ausfallen muss, müssen wir die Summe zurückzahlen, inklusive eines Zinssatzes von sieben Prozent gerechnet ab dem Tag, an dem das Geld auf unserem Konto eingegangen ist.“

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Die Art, wie die Hilfe für ihre Branche derzeit organisiert wird, wirke vor allem abschreckend, findet Jutta Adler. Ebenso wie das bisherige Verhalten der Politik vor allem dazu beigetragen habe, Angst vor einem Konzertbesuch zu schüren. „In der Philharmonie gibt es garantierte Abstände und eine hervorragende Klimaanlage, das Publikum ist extrem diszipliniert, bewegt sich nicht, nachdem es seine Plätze eingenommen hat, und schweigt während des Konzerts. Sicherer geht es kaum im öffentlichen Raum.“

Trotz allem will sich Jutta Adler nicht unterkriegen lassen, neben weiteren Konzerten des Freiburger Barockorchester wird sie bis zum Jahresende Auftritte des Artemis Quartetts und des Philharmonischen Chors organisieren, das Amaryllis sowie das Mandelring Quartett präsentieren und auch einen Klavierabend von Daniel Barenboim veranstalten, der seit Jahrzehnten zu den Stammkunden der Konzertdirektion gehört.