Merkel und Co. sind rhetorisch derzeit nicht in Bestform

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ betrachtet er das Verhältnis von Sprache und Politik.

Im Sport ist das einfach: Ansprachen müssen klar und knapp sein. Gute Trainer und Trainerinnen wissen, dass ihr Team kurz vor dem Finale kaum mehr aufnahmefähig ist. Ein befreiender Satz („All eure Arbeit war für diesen Moment, genießt ihn“ oder auch, nach Beckenbauer, „Geht’s raus und spielt“) und dann noch ein taktisches Detail, das den Unterschied macht – der Rest sollte Schweigen sein, Konzentration, Vertrauen.

Warum haspelte sie und hatte keine Struktur für ihre Erklärungen

Ich muss, während ich dies schreibe, zum ersten Mal seit Ewigkeiten an Dai Hee Park denken, der einst die westdeutsche Junioren-Nationalmannschaft im Volleyball trainierte und uns, seine Schüler, niederredete. Park war Koreaner und sprach zu meiner Zeit noch nicht so gut Deutsch: „Pinger pest, peste pitschen“, so sprach er (und meinte vermutlich feste Finger und festes Gepritsche), und wenn ich aufs Feld ging, wusste ich nie, was der Trainer wünschte.

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Damit zur deutschen Schicksalswoche, denn eine solche war es. Die Kanzlerin hat in ihrer Pressekonferenz geredet wie Trainer Park in einer hoffnungslosen Auszeit, warum? Corona erschöpft uns fraglos, und wir alle wissen, dass die jetzt beschlossenen Maßnahmen schon vor zwei oder drei Wochen hätten beschlossen werden müssen; Zeit und Solidarität sind unsere Mittel gegen das Virus, und wir sollten die Waffen nutzen. Warum haspelte Angela Merkel so? Wieso hatte sie kein Manuskript? Warum keine Struktur für ihre Erklärungen?

Einen Tag später, im Bundestag, redete die Kanzlerin ein wenig besser, aber nicht viel. Journalisten und Journalistinnen wissen, dass sie über den eigenen Text erneut nachdenken sollten, wenn sie darin eine Lawine von Adjektiven entdecken: Dann fehlt meist ein Gedanke. Oder ein Beleg. Adjektive behaupten, machen Krach. Die Kanzlerin nannte die Maßnahmen „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“, kündigte eine „medizinische, wirtschaftliche, soziale, politische und psychische“ Bewährungsprobe an.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

So wie ein Trainer daran gemessen wird, was er im entscheidenden Moment tut und sagt, sollten auch Präsidenten, Kanzlerinnen und sonstige Redner in Bestform sein, wenn es gilt. Martin Luther King war fraglos der beste Martin Luther King, der er sein konnte, als er 1963 seinen Traum hatte. Winston Churchill war meisterlich, 1940, als er sein Kriegskabinett bildete und im Unterhaus sagte: „Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.“ Barack Obama erreichte die gesamten USA, als er 2015, nach dem Massaker von Charleston, „Amazing Grace“ sang.

Merkel indes war noch nicht die Schwächste in dieser gewichtigen Woche. Wie nur gelangte FDP-Mann Christian Lindner, der ja reden kann, der ja die Tücken des Föderalismus kennt und der ja selbst nicht regieren mochte, zu dem AfD-Satz, die Beschlüsse der Regierung „deformieren die parlamentarische Demokratie“?

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Und AfD-Mann Alexander Gauland schaffte es schon wieder nicht, seine Weltkriegssehnsüchte zu zähmen. „Coronadiktatur“, „Notstandskabinett“, „Kriegskabinett“ und „Kriegspropaganda“: Das also sind die Worte eines gewählten Parlamentariers im Oktober 2020.

Noch ungeschickter war nur Friedrich Merz, der exakt jenes CDU-„Establishment“ attackierte, das ihn wählen soll und das es gewagt hatte, inmitten einer Pandemie einen Parteitag zu verschieben. Merz machte uns in knappen, klaren Trainerworten leider das Falsche klar: Es geht ihm nicht um das Virus, sowieso nicht ums Land, nein, verdammt noch mal, nein, nein und nochmals nein, wann sehen wir es endlich ein, es geht um Friedrich Merz.

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“.