Mein Vater, der Prophet

Die, das sind die Feinde, die Anderen, denen man nicht trauen kann. Wir, das sind Vater und Mutter, die Geschwister, die Tanten, die Gemeinschaft. Die leben in der Außenwelt, wo Pestizide das Gemüse verseuchen, Elektrosmog die Gehirne verstrahlt und der Konsum die Menschen manipuliert.

Wir dagegen leben gesund und autark auf dem überwucherten Gelände eines stillgelegten Vergnügungsparks. Im ehemaligen Verwalterhaus. Ohne Strom oder fließendes Wasser, aber mit eigenem Brunnen, biologisch angebautem Gemüse und Badesee. Vor den Gefahren der Außenwelt schützt uns ein Zaun mit Stacheldraht drauf.

Weltuntergangskirchen gibt es viele in den USA

Die und wir – das sind die Kategorien, in denen Ich-Erzählerin Piper denkt. Piper ist die Lieblingstochter ihres Vaters, des Anführers, ja Propheten, einer jener zahllosen Weltuntergangskirchen in den USA. In der von der geliebten Mutter Angela und dem verehrten Vater Curtis geleiteten „Kolonie“, die irgendwo außerhalb des Familiendomizils liegt, rüsten sich die Sektenmitglieder für das Leben nach dem angeblich bevorstehenden Atomkrieg.

Die bewaffneten „Soldaten“ der Gemeinschaft legen auch vor Pipers Zuhause einen Bunker an. Und Vater Curtis schwört Frau und Kinder in Predigtlektionen darauf ein, als asketische Elite die Zukunft der Menschheit zu sichern.

Davor und Danach heißen die beiden den Kapiteln vorangestellten Zeitebenen, die Megan Cooley Peterson virtuos verschränkt. „Lügentochter“ ist ein gut geschriebener, spannender autofiktionaler Jugendthriller.

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Er erzählt davon, wie schwierig es ist, von Kindesbeinen an aufgesogene, religiös verbrämte Manipulationen zu erkennen, und vom Mut, ultimative Wahrheiten zu hinterfragen. Die Autorin war als Teenager selbst Mitglied einer Sekte, in der Männer herrschten, Frauen nur Familienarbeit leisten durften und Sexualität und Konsum als Sünde galten.

Die Gemeinschaft ist Wahrheit

Genauso wie in der fiktionalen Gemeinschaft, deren Alltag Piper in den „Davor“-Kapiteln beschreibt. Die 17-Jährige fungiert als Ersatzmutter für eine große Schar kleinerer Geschwister, die sie gemeinsam mit den „Tanten“ genannten Gemeinschaftsmitgliedern betreut. Vaters Glaubenssätze, die ein Holzschild zieren, sind auch Pipers Ideal: „Die Gemeinschaft ist Wahrheit. Die Gemeinschaft ist Treue. Die Gemeinschaft bietet uns Schutz.“ Oder wie es Piper in einem Schlüsselzitat ausdrückt: „Menschen, die nichts haben, woran sie glauben, tun mir leid.“

Die Autorin Megan Cooley Peterson.Foto: Fox Photography/Magellan Verlag

Aus dieser, auch ihrem Schwarm Caspian gegenüber trotzig verteidigten Überzeugung erwacht Piper erst durch eine als Terror empfundene Razzia des Jugendamts. Das folgt einer Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung. Piper jedoch glaubt dem Vater, der stets davor gewarnt hat, dass die „Regierung“ sie und ihre Geschwister eines Tages „entführt“ und von den Eltern trennt. Dieses von Paranoia, Misstrauen und Fluchtfantasien geprägte neue Leben im Haus der Pflegemutter Jeannie heißt „Danach“.

[Megan Cooley Peterson: Lügentochter. Roman. Übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessica Komina. Magellan Verlag, Bamberg 2021. 320 S., 17 €. Ab 13 Jahre.]

Im ersten Kapitel unmittelbar in das Danach-Geschehen geworfen, erfährt man in Rückblenden von Pipers Leben als Stütze der Gemeinschaft. „Ein Bett. Ein Fenstersitz. Ein zerkratzter Schreibtisch mit Blümchenstickern auf den Schubladen. Das sei alles meins, sagen DIE.“

Das Cover von “Lügentochter”.Foto: Magellan Verlag

In Erinnerungsblitzen dämmert Piper, dass die idealisierte Gemeinschaft und die geliebten Eltern ganz so selbstlos und liebevoll nicht waren. Nach und nach bröckelt die Widerstandsmauer, mit der sich ihre Psyche gegen die schmerzhafte Wahrheit stemmt, dass sie auf kriminellem Wege unter deren strenge Fittiche geraten ist.

Diese Zertrümmerung falscher Gewissheiten ist aufregend und glaubwürdig erzählt. Auf Pipers Heilung folgt das Nachwort der Autorin, die Lehren aus ihrer Biografie gezogen hat: Hinterfrage alles und folge Menschen in Machtpositionen nie blind.