Mein Körper, meine Regeln

Gelangweilte Teenager können kleine Hype-Wunder bewirken. Vor allem seit es die Plattform TikTok gibt, lässt sich dieses Phänomen immer wieder beobachten. Im US-Wahlkampf bekam das sogar Donald Trump zu spüren, als Tausende junge User sich für einen seiner Auftritte registrierten – und dann nicht erschienen. Die riesige Arena in Tulsa, Oklahoma, war am Ende kaum zu einem Drittel gefüllt.

Es kann aber auch genau andersherum laufen für eine Person, auf die sich die Teenie-Aufmerksamkeit richtet. Dann geht zum Beispiel ein kleines Tanz-Video viral, das eine 19-Jährige in einer Stunde zusammengebastelt hat. Es wird schon innerhalb weniger Wochen millionenfach angeschaut, und zahlreiche TikTok-Nutzerinnen- und Nutzer laden ihre eigenen Interpretationen der Choreografie hoch.

Beyoncé war beim Remix von “Savage” dabei

So geschehen im März als Keara Wilson aus Ohio den Song „Savage“ von Megan Thee Stallion in ein Internet-Phänomen verwandelte. Der Erfolg schwappte auch auf das Videoportal Youtube über, wo das Lyric-Video mit einer gezeichneten Tänzerin mittlerweile über 93 Millionen Mal gesehen wurde.

„Savage“ hat diesen Gratis-PR-Glücksfall durchaus verdient. Die Single von Megan Thee Stallions dritter EP „Suga“ ist einer der prägenden HipHop-Songs dieses Jahres. Über zwei geloopte, rhythmisch angeschlagene Piano-Akkorde und einen locker pochenden Mid-Tempo-Beat feiert sich Megan Thee Stallion als „the hood Mona Lisa“, die alle Typen fertigmacht.

Der Refrain funktioniert genial simpel als cool vorgetragene Aufzählung ihrer Eigenschaften: „I’m a savage (Yeah)/ Classy, bougie, ratchet (Yeah)/ Sassy, moody, nasty“. Selbstbewusstsein auf jedem Beat.

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Wenig später brachte die 25-jährige Rapperin aus Houston einen „Savage“-Remix heraus, auf dem Beyoncé mit ihr rappt, womit sie endgültig in der Königsklasse angekommen war. Kein Wunder, dass auch der New Yorker Rap-Star Cardi B mit ihr zusammenarbeiten wollte. Die beiden brachten mit „WAP“ den Aufregersong des Sommers heraus. Das Lied, das allein in den USA in einer Woche 93 Millionen mal gestreamt wurde, erzürnte aufgrund seines expliziten Textes viele konservative Hörer.

Dass die genaue Beschreibung sexueller Wünsche und sehr feuchter Geschlechtsorgane („wet ass pussy“) durch zwei Frauen im Jahr 2020 noch tagelange Entrüstungsstürme auslösen kann, spricht Bände über den Zustand der Gleichberechtigung – nicht nur im US-HipHop.

Für Megan The Stallion waren auch dieser Song sowie das bald 300 Millionen Mal angeklickte Video ein Coup. Und sie hat den Schwung mitgenommen, um jetzt ihr Debütalbum „Good News“ herauszubringen. Mit erfrischendem Optimismus erklärt sie sich selbst  zu einer guten Nachricht in einem finsteren Jahr, in dem es auch für sie einiges zu überstehen galt. Neben einem Rechtsstreit mit ihrem Label waren das vor allem Schüsse, durch die sie im Juli am Fuß verletzt wurde.

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Der kanadische Rapper Tony Lanez steht wegen des Vorfalls derzeit in Los Angeles vor Gericht. Bisher hatte sich Megan Thee Stallion, bürgerlich Megan Pete, öffentlich nur in einem Instagram-Video zu dem Vorfall geäußert. Nun eröffnet sie ihr Album mit einer harschen Verbalattacke gegen ihren Angreifer, den sie in „Shots Fired“ zwar nicht beim Namen nennt, doch durch Anspielungen erkennbar macht.

Der Track benutzt ein Sample aus „I’m Afraid The Masquerade Is Over“ von David Porter, das bereits 1995 in Notorious B.I.G.s Hit „Who Shot Ya?“ auftauchte. Der New Yorker griff darin seinen Konkurrenten Tupac Shakur an, nachdem dieser angeschossen worden war.

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Es zeugt von Megan Thee Stallions derzeitigem Mega-Ego, dass sie sich mit diesen Legenden in eine Reihe stellt. Auch N.W.A.-Star Eazy-E und Naughty by Nature werden auf ihrem Album zitiert. Was angesichts der Fähigkeiten von Megan Thee Stallion allerdings keineswegs überzogen wirkt. Ihre Raps sind messerscharf, ihr Flow von einer beeindruckenden Lässigkeit. Mit welcher Chuzpe sie ans Werk geht, zeigt besonders schön der Song „Body“, in dessen Refrain sie in eine Art Jodel-Rap verfällt, indem sie das Wort Body zu einem scheinbar endlosen „Body-ody-ody-ody-ody-ody-ody-ody“ zerdehnt.

Männer dienen ausschließlich der Befriedigung ihrer Lust

Die Rhythmusspur besteht zu einem guten Teil aus Stöhngeräuschen. Damit bringt die Megan The Stallion ihre beiden Hauptthemen in maximal komprimierter Form auf den Punkt: Körper und Sex. In den Strophen von „Body“ führt sie das Ganze noch etwas aus, beschreibt ihre Kurven und ihre Unwiderstehlichkeit, die so groß ist, dass sie am liebsten mit sich selbst flirten und schlafen würde: „If I wasn’t me and I would’ve seen myself, I would have bought me a drink (Hey)/ Took me home, did me long, ate it.“

Genau wie auf ihren ersten EPs strotzt die Rapperin nur so vor Stolz und Selbstermächtigung. Nicht umsonst trägt sie mit dem Hengst ein Symbol von sexueller Potenz im Namen. Männer haben in ihren Texten allein die Funktion, ihre Lust zu befriedigen. Ihnen werden genaue Anweisungen gegeben, und wenn sie nicht spuren, bekommen sie mächtig den Marsch geblasen. Ähnlich haben sich auch schon Nicki Minaj, Cardi B und CupcakKe inszeniert. Megan Thee Stallion führt dies konsequent weiter, sie gibt sich als ein teueres Luxusprodukt, das nicht jeder dahergelaufene Typ so leicht haben kann.

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Altmodischer Kram wie romantische Liebe ist nicht Teil ihres Universums. Und falls dann doch mal Gefühle im Spiel sind, heißt es wie in „Don’t Rock Me To Sleep“ schnell wieder Goodbye, und geweint wird natürlich nicht: „Blah, blah, blah, la-la-la/ If you wanna leave, then bye, bye, bye/ I’m a big girl, so I won’t cry/ Don’t sing me a lullaby-by-by“.

Megan Thee Stallion singt hier statt zu rappen. Eine Ausnahme genau wie der von Achtziger-Synthies getragene Pop-Sound des Songs. Ansonsten setzt sie durchgängig auf ihre Knaller-Raps, solide Trap-Beats und Gäste wie etwa SZA, deren melancholische Hookline „Freaky Girls“ zu einem der Albumhöhepunkte macht.

„Good News“ trägt seinen Titel zu recht. Megan Thee Stallion ist ein starkes Album gelungen, das ihr Erfolgsjahr würdig abschließt. Bis man sie auf der Bühne erleben kann, wird es zwar noch etwas dauern. Dafür gibt es jetzt genügend Songs um neue Tänzchen einzustudieren.