Märchen aus der Rumpelkammer

„Der Speichermann“ (Splitter, 72 S., 18€) ist eine bewusst altmodische Geschichte, ein nostalgischer Blick auf die Schauermärchen des 18. und 19. Jahrhunderts, die einem heutzutage ebenso überholt wie der Glaube an den Weihnachtsmann vorkommen könnten. Gleich auf den ersten Seiten tritt man in eine vertrauten Welt ein: verschneite Landschaften, durch die Jäger auf Schlitten fahren, und mittendrin ein altes Herrenhaus.

Die Familie des Erzählers bewohnt es seit Generationen. Er ist zu Beginn des Comics sechs und hat gerade seine Mutter verloren, vor deren Begräbnis er sich auf den Dachboden flüchtet. Hier sammeln sich mit Laken bedeckte Möbel, ein verstaubtes Puppentheater und vor einer Ahnengalerie stehen Marmorstatuen Spalier. Eines des Porträts lebt jedoch: hinter der Bilderwand haust ein Greis mit langem Bart.

Bemitleidenswertes Väterchen – oder lebender Mythos?

Er behauptet, der Weihnachtsmann zu sein, und versucht, den jungen Helden mit Schokolade zu sich zu locken, doch dieser traut dem sonderbaren Alten nicht. Im Lauf der Geschichte kehrt der Erzähler in langen Zeitbeständen mehrfach zum Speicher und seinen einsamen Bewohner zurück. Jedes Mal verwickelt der vorgebliche Weihnachtsmann ihn in ein Gespräch und bietet ihm ein Geschenk an, jedes Mal bleibt der Protagonist skeptisch.

Eine weitere Seite aus „Der Speichermann“.Foto: Splitter

Ist der Speichermann ein bemitleidenswertes Väterchen, das man wie alten Krempel weggeschafft und vergessen hat? Oder die Wiederauferstehung eines Mythos, an den man eigentlich nicht mehr glaubt? Zwischen diesen Polen bewegt sich Jana Heidersdorfs Comic, der geschickt offen lässt, welches die beängstigendere Option ist.

Bilder wie aus alten Kinderbüchern

Ihre literarische Vorlage hat die Zeichnerin gleichsam selbst aus der Mottenkiste geholt: eine frühe Kurzgeschichte des Fantasy-Autors Kai Meyer, die im Anhang vollständig abgedruckt ist. Den Text übernimmt Heidersdorf vielfach eins zu eins, die Illustrationen könnten aus alten Kinderbüchern stammen, nur sind sie um einiges düsterer und schauerlicher.

Das Titelbild von „Der Speichermann“.Foto: Splitter

Blasse Farben, viel Schwarz und eine Tönung, die irgendwo zwischen Kerzenruß und Sepia liegt, erschaffen die nötige Atmosphäre. Fast könnte man meinen, dass eine historische Patina auf den Bildern liegt. Der Seitenaufbau erfolgt eher unscheinbar, dafür nutzt Heiderdsorf das Marionettentheater als sinniges, wenn auch wenig überraschendes Leitmotiv.

„Der Speichermann“ ist weder ein herausragendes noch ein sonderlich originelles Werk. Es bietet aber, gerade für Fans von Neil Gaiman oder Tim Burton, kurzweilige Unterhaltung in stimmigem Ambiente und lässt einen mit der kniffligen Frage zurück, ob eine Welt, die das Übernatürliche verdrängt hat, nicht beklemmender als eine, in der es tatsächlich existiert.