Mainz 05 will aus der Jugend eine Tugend machen

Die Mainzer gehen in ihre elfte Bundesliga-Saison in Folge. Es ist eine besondere Zahl, aber die Zeiten in denen der Klub es auch war, sind vorbei.

Nicolai Büttner
Jugend trainiert für den Klassenerhalt. Bei Mainz 05 sind große Sprünge in der kommenden Saison nicht zu erwarten.Foto: dpa

Am 18. September startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil sechs: Mainz 05.

Was hat sich verbessert?

Ok, nutzen wir diese Frage und haken die obligatorischen Namen gleich zu Beginn ab: Klopp, Tuchel, Heidel – erledigt. Alle drei Mainzer Helden, aber alle drei auch längst Vergangenheit. Dafür jetzt ein paar neue Namen mit Zukunftswert: Baku, Barreiro, Burkardt, Müller, Zentner. Fünf Spieler aus dem Mainzer Nachwuchs, die in der vergangenen Saison einen gehörigen Anteil am Klassenerhalt hatten. So unbeständig, verworren und zäh die vergangenen Monate in Mainz auch verliefen: Zumindest haben sie dem eigenen Nachwuchs noch mehr Verantwortung verschafft.

Den drittjüngsten Kader der Liga stellten die Mainzer in der zurückliegenden Saison, in Europas Topligen setzten nur Manchester United und Athletic Bilbao noch mehr auf selbst ausgebildete Spieler, und für die jüngsten Länderspiele der deutschen U 21 stellte Mainz so viele Akteure ab wie kein anderer Verein. Einem Klub, der nach neuen Helden mit Identifikationspotenzial sucht, kann das nur guttun.

Wer sind die Neuen?

Weil die Jungen auch in der neuen Saison eine wichtige Rolle einnehmen sollen und durch die Coronakrise etwa 13 Millionen Euro in der Klubkasse fehlen, haben sich die Mainzer auf dem Transfermarkt bislang vornehm zurückgehalten. Mit U-21-Nationalspieler Luca Kilian (SC Paderborn) und Dimitri Lavalée (Standard Lüttich) kamen lediglich zwei Männer für die Defensive. Die Frage ist sowieso eher, wer noch geht.

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Über 30 Leute stehen derzeit im Kader, und wie in den vergangenen Jahren hoffen die Mainzer, dass ihr erprobtes Geschäftsmodell (Junger Spieler aus Frankreich für Ausbildung in Deutschland und lukrativen Weiterverkauf nach England gesucht”) auch in diesem Sommer noch zum Tragen kommt. “Ich merke, dass die Engländer aufgewacht sind”, hat Sportvorstand Rouven Schröder so zuletzt über den Transfermarkt gesagt. Die Wechselkandidaten Jean-Philippe Mateta und Moussa Niakhaté schlafen derzeit aber noch in Mainz.

Wer hat das Sagen?

Mögen sich die Engländer noch nicht ganz nach seinen Weckrufen richten, so sieht das in Mainz für Rouven Schröder anders aus. Als alleinverantwortlicher Sportchef geht er mit den Mainzern in seine fünfte Spielzeit und hat sich seither über alle sportlichen und personellen Querelen hinweg zur Führungsfigur des Vereins aufgeschwungen.

Daran ändert auch die vergangene und für ihn persönlich bislang schwierigste Saison nichts, in der er oft dünnhäutiger wirkte – besonders als er den Vollblut-Mainzer Sandro Schwarz opferte und die in Mainz so heilige Trainerposition stattdessen dem Outsider Achim Beierlorzer vermachte. In solchen Phasen des Gegenwinds machen sich in Mainz schnell Gerüchte breit, Schröder könnte sich auch zu Höherem berufen fühlen und den Verein verlassen. Im Februar verlängerte er dann jedoch bis 2024. Seinem Einfluss im Klub hat das sicherlich nicht geschadet.

Was erwarten die Fans?

Die vergangene Saison hat natürlich kaum dazu beitragen können, die Identifikation der Fans mit dem Verein zu bestärken. Ist ohne das Stadionerlebnis ja auch nur schwer möglich. Aber auch schon vorher hat es geknirscht. Den Trainerwechsel haben einige als eine Art Einschnitt wahrgenommen, als eine Abkehr vom Mainzer Weg”, kommende Cheftrainer im eigenen Verein auszubilden, auf dass sie den Geist ihrer großen Vorgänger weitertragen mögen.

Die Tage, in denen Mainz 05 einmal als besonderer Verein galt, scheinen spätestens jetzt vorbei. Trotzdem sehnen sich natürlich viele Fans nach dem familiären Zusammenhalt zurück. Das hat der Verein begriffen und versucht es mit der vollen Breitseite rheinhessischer Folklore: einer eigenen Fastnachtssitzung etwa, dem einen oder anderen Schoppen bei selbst veranstalteten Weinfesten oder einem goldenen Trikot zu Ehren von “Aurea Moguntia” (dt. Goldenes Mainz; mz. Goldisches Meenz).

Was ist in dieser Saison möglich?

Die vergangene Bundesliga-Saison hat dem Klub nicht besonders viel Glück gebracht, obwohl es die elfte in Serie war und damit angesichts dieser in Mainz närrisch verehrten Zahl ja eigentlich eine magische hätte werden müssen – die Bundesliga erscheint längst so sehr als Gewohnheit, dass die Träume von etwas internationaler Luft nicht vergehen wollen. Es wurde dann aber doch die Saison, in der auch der letzte Fan gemerkt hat, dass es derzeit wirklich nur um den Klassenerhalt gehen kann. Den elften Platz würden die Mainzer natürlich trotzdem gerne nehmen.

Und sonst?

Hat der kleine, sonst so freundliche eingetragene Verein im Sommer verbal ordentlich ausgeteilt: Die Coronakrise zeigt deutlich, dass es keine Wettbewerbsgleichheit in der Liga mehr gibt”, ließ der Aufsichtsratsvorsitzende Detlev Höhne öffentlich verlauten und keilte gegen die Konzernvereine aus Leverkusen, Wolfsburg und Leipzig, aber auch gegen die Finanzierungspraxis auf Schalke und bei Hertha BSC.

Lautstark wie kaum ein anderer Klub fordern die Mainzer eine gleichmäßige Verteilung der TV-Einnahmen, um den Fußball nicht zu einer noch exklusiveren Veranstaltung werden zu lassen – oder wie es Höhne ausdrückt: “Wer seine Seele verkauft, der kommt in die Hölle! Der Fußball gehört den Fans und nicht einer Handvoll Superreichen.”

Bisher erschienen:

Teil 1: VfB Stuttgart – sympathisch und unerfahren wie nie
Teil 2: Arminia Bielefeld ist immer für eine Überraschung gut
Teil 3: Werder Bremen will endlich wieder Spaß
Teil 4: Der FC Augsburg sucht eine neue Hierarchie
Teil 5: Glück allein wird dem 1. FC Köln nicht reichen