Mahler und der Müll

Allein hier zu sitzen und Streichern, Schlagwerk, E-Gitarre zuzuhören, hat schon etwas Erhebendes. Live gespielte Musik, mitten im Lockdown! Okay, nur eine Probe, kein Konzert, alle tragen Maske, ständig werden Fenster aufgerissen. Doch man spürt: Die Kultur ist nicht tot, künstlerische Prozesse laufen weiter, der Drang zum Musikmachen ist da, und vieles wird zurückkehren, wenn die Pandemie vorbei ist, irgendwann.

Ein junges, 30-köpfiges Ensemble probt im Saal der Philippus-Nathanel-Gemeinde am Grazer Platz. Gegründet wurde das Stegreiforchester 2015 von dem Hornisten und Jazztrompeter Juri de Marco, der, wie er sagt, „Dinge anders machen will“: den riesigen Schatz des symphonischen Erbes in zeitgemäßen Formen präsentieren, mit performativer und visueller Kraft, ohne Dirigent oder Dirigentin, mehr mit dem Gestus einer Band. Zu besichtigen diesen Sonntag um 18 Uhr beim Onlinekonzert „#freemahler“.

Mit Musik gegen den Klimawandel

Dort wird sich alles um Klimawandel und die Bedrohung der ökologischen Balance drehen. Es sagt viel über diese freischaffenden Musiker und Musikerinnen, dass sie trotz aller Pandemiesorgen die Kraft finden, sich dem zweiten, aktuell in den Hintergrund gedrängten und doch langfristig viel gravierenderen Thema unserer Zeit zu widmen.

„Der Klimawandel betrifft die Existenz der gesamten Menschheit“, heißt es auf der Webseite. „Er vernichtet Äcker, lässt Wasser versiegen, Tiere und Pflanzen aussterben. Wie können wir mittels Musik unseren Beitrag leisten, zum Denken anregen, wachrütteln und zu einem Bewusstseinswandel beitragen?“

Zum Beispiel mit Gustav Mahler. Ja, auch andere Komponisten haben sich von der Natur und ihrer Schönheit inspirieren lassen, Beethoven in der „Pastorale“, Brahms in der 2. Symphonie. Doch die Behauptung ist nicht allzu weit hergeholt, dass der Klang der Umwelt, ihre genaue Beobachtung bei Mahler nochmal eine andere Bedeutungsstufe erklommen hat. „Wie ein Naturlaut“, so wünscht er sich schon den ersten Satz seiner 1. Symphonie.

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Die sommerlichen Aufenthalte in seinem Komponierhäuschen am Atter- oder Wörthersee, die Waldspaziergänge – sie sind, modern gesprochen, Akte der Nachhaltigkeit. „Das hatte bewusst regenerative Funktion“, sagt Juri de Marco. Auch das Stegreiforchester versucht, diese Nachhaltigkeit zu leben: „Wir fliegen nicht zu Auftritten, ernähren uns vegetarisch oder vegan.“ Die Struktur des Orchesters ist sehr demokratisch, einen Chefdirigenten gibt es nicht, jeder und jede leitet mal eine Probe.

Die Mahler-Kompositionen sind neu arrangiert

Bei „#freemahler“ – übertragen aus dem Kreuzberger Gretchen – stehen also Stücke von Mahler im Mittelpunkt: die 1. und das Fragment der 10. Symphonie, das Lied „Ablösung im Sommer“ aus „Des Knaben Wunderhorn“, neu arrangiert von Evelyn Saylor, Malte Schiller, Franziska Aller, Alistair Duncan und Claas Krause.

Juri de Marco wird sich mit Fragen ans Publikum wenden – und das kann reagieren. Denn die elf Musikerinnen und Musiker sehen und hören ihre Zuhörerinnen auf der Leinwand, bekommen Emotionen, Gesten, Mimik, auch Applaus direkt mit. Eine neue Form von Rückkopplung zwischen Orchester und Publikum, die so digital noch nicht erprobt worden sein dürfte.

[Konzert „#freemahler“, 29. November, 18 Uhr, www.stegreif-orchester.de, Tickets fünf Euro, Spenden möglich]

Viola Schmitzer hat Choreografie und Performance erarbeitet. Am Ende soll das Ensemble vor Laptops sitzen, Anspielung auf die virtuelle Welt, „von der wir nach und nach verschlungen werden“, sagt sie. Außerdem wird der Raum sukzessive mit Müll gefüllt, auch dies eine unerfreuliche Begleiterscheinung der Anwesenheit von Homo Sapiens auf diesem Planeten.

Und was hat es mit dem „free“ im Titel auf sich, den das Orchester schon bei früheren Projekten wie „freeschubert“ oder „freebrahms“ verwendet hat? Nicht Mahler solle befreit werden, so de Marco, sondern der Zuhörer: von seinen Bildern, Etiketten, Identitätsvorstellungen. Eine der Fragen, die er ans Publikum richten will, lautet: „Wer bist du?“ Was aber, wenn keiner antwortet? „Dann gehört das dazu“, sagt er. „Auch Stille ist ein Element von Nachhaltigkeit.“