Madame, wie schön klingt doch ihr Bariton!

Sind dies Zeiten für eine Komödie? Unbedingt, sagt Barrie Kosky: „Lachen in der Krise macht uns zu Menschen“. Der Chef der Komischen Oper und Regisseur dieser Premiere, die zugleich eine Dernière ist, kommt selbst auf die Bühne. „Der Geist unseres Ensembles ist stark genug, um auch einen zweijährigen Lockdown zu überstehen, er kann nicht getötet werden“, ruft er und schlägt scherzhaft vor, die Komische Oper ab sofort in eine Synagoge umzuwandeln, die Männer unten, die Frauen oben: Gottesdienste sind schließlich noch erlaubt.

Lachen also! Dazu sollte es doch in der „Großherzogin von Gerolstein“ genug Gelegenheit geben. Kosky ist ein Fan von Jacques Offenbach, der Deutsch-Franzose ein zentraler Baustein seines Projekts, Operette für unsere Gegenwart wiederzuentdecken.

„Die Schöne Helene“ hat Kosky schon inszeniert und sein „Orpheus in der Unterwelt“ von den Salzburger Festspielen soll 2021 auch in Berlin zu erleben sein. Offenbachs Genialität läge, sagt er, im Theaterinstinkt und natürlich in der Musik, die den Geist von Mozart und Rossini atme, ihn parodiere und dadurch immer wieder auch besser werde als das Original.

Das Orchester ist gerade einmal 18-köpfig

Für die Musik ist an diesem Premierenabend Alevtina Ioffe zuständig, und vor der Russin liegt eine monumentale Aufgabe: Mit nur 18 Musikerinnen und Musikern volle Orchesterstärke zu suggerieren. Bei den Streichern erklingen je eine erste und eine zweite Geige. Eine. Ioffe macht sich mit Feuereifer und Esprit ans Werk, und auch wenn Bühne und Graben ein paar Mal an diesem Abend auseinanderlaufen, können sie und das Orchester am Ende doch erhobenen Hauptes nach Hause gehen: Der Klang wirkt schlank und drahtig, logisch bei dieser Besetzung – und doch auch vergleichsweise füllig. Manchmal lässt er einen sogar das ganze Corona-Elend für einen Augenblick vergessen.

Nicht nur musikalisch besitzt die Inszenierung Kammerspielcharakter. Auf den Chor muss verzichtet werden, was an der Komischen Oper besonders schmerzt. Übrig bleiben: sieben Solistinnen und Solisten, drei Tänzer, eine Tänzerin. Auf ein Bühnenbild verzichtet Kosky, Offenbach brauche das nicht, meint er – oder gibt es derzeit einfach nicht viel Anlass für Opulenz, siehe Berliner Flughafen, der am gleichen Tag fast nebenbei eröffnet wurde? Die Stärke der Darstellung und die Kostüme machen vieles wett, Klaus Bruns hat wunderbare monströse Reifröcke entworfen, die kreativ und lustig die Einhaltung der Abstandsregeln auf der Bühne sicherstellen. Und in denen sich garantiert kein Krieg führen lässt.

Der Krieg erschient hier als etwas Drolliges

Und um den geht es hier auch: Offenbach und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy spießen in „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ den Kampf als Mittel gegen die Langeweile und die deutsche Kleinstaaterei auf – kurioserweise zu einem Zeitpunkt (1867), als Bismarck sich anschickt, diese ein für allemal zu beenden. Es wird trotzdem das populärste Stück des Theatertrios.

Bismarck machte sogar in Paris seine Aufwartung, natürlich, um der legendären Hortense Schneider zu begegnen, Offenbachs Großherzogin. Doch die Leichtigkeit, mit der das Kriegswesen hier, wie auch bei Mozart, noch als etwas Drolliges an der Nase herumgeführt werden konnte, macht heute auch ein wenig wehmütig: Diese Möglichkeit starb spätestens in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

In einer Zeit asymmetrischer Kriegsführung, grüner Männlein in der Ukraine und islamistischer Einzeltäter, bräuchte es wohl ein völlig anderes Theater, um das Wesen des Krieges noch irgendwie zu fassen zu kriegen.

An der Komischen Oper ist jetzt Tom Erik Lie Koskys Hortense Schneider. Ja, warum nicht ein Bariton in der Titelrolle, ein unfassbar vielseitiger noch dazu, der als Beckmesser in Wagners „Meistersinger“ in bester Erinnerung ist?

Diese „Queerness“ (Kosky) tut dem Stück gut. Im schneeweißen Riesenrock, einem Gletscher von einem Kleid, verleiht Lie der Fürstin, die sich in den Soldaten Fritz (etwas altbacken: Ivan Tursic) verliebt, die Aura einer freien Radikalen, unberechenbar für ihre Untergebenen, schwätzend in einem seltsamen Mix aus Deutsch und etwas, das entfernt an Schwedisch erinnert (deutsche Neufassung: Stefan A. Troßbach), und dabei doch nur von einem Wunsch beseelt: häufiger alleine zu sein.

Eine Figur, schwankend zwischen Groteske und Seelentiefe, Ausgangspunkt eines Weges, der Offenbach schließlich am Ende seines Lebens zu „Hoffmanns Erzählungen“ führen sollte.

Die ausladenden Kostüme sorgen für Abstand

Darstellerisch kann vor allem einer Tom Erik Lie das Wasser reichen – wenn er denn Arme hätte. Hat er aber nicht. Der verlässlich grandiose Jens Larsen steckt als General Bumm in einem gigantischen Ei, ein Gockel mit Federbusch, der motorisch nicht viel mehr tun kann als zu springen und zu hüpfen, Symbiose aus mexikanischem Drogenbaron und dem späten Reiner Calmund. Invasiv sind bei diesem General weniger die Kriegskünste als seine machtvolle Stimme, mit der er das Feld beherrscht.

Aber auch jenseits dieser beiden funktioniert die Produktion als starke Ensembleleistung, darunter Alma Sadé als Fritzens strahlende Geliebte Wanda, Tijl Faveyts als mit flämischem Einschlag bramarbasierender Baron Puck, Christoph Späth als Prinz Paul und Christiane Oertel als Baron Grog.

Man kann nicht sagen, dass Kosky mit dieser „Großherzogin“ seinen Stil wesentlich weiterentwickelt hätte (höchstens im Sinne einer Reduzierung der Mittel), doch er tut verlässlich das, was er am besten kann: die Blödelei ernst nehmen. Und ganz zur Dernière wird der Abend schließlich doch nicht: im Dezember soll es weitere Aufführungen geben, dann auch mit Philipp Meierhöfer als Großherzogin. Vorausgesetzt, der Lockdown dauert wirklich nur einen Monat.