Madame Hasch legt sich mit Clans an

Die Dealer nennen sie nur „die Alte“. So heißt auch der herrlich unverschämte Krimi von Hannelore Cayre über eine Dolmetscherin beim Pariser Drogendezernat, die voller Chuzpe die Seite wechselt und eine abgefangene tonnenschwere Haschisch-Ladung kurzerhand selber vertickt, während sie weiter brav Abhörbänder übersetzt und den Kollegen bei Razzien zur Hand geht.

Madame Patience Portefeux hat nämlich Finanzprobleme und verfügt wegen ihrer familiären Vorgeschichte (luxuriöse Kindheit dank dubioser väterlicher Geschäfte, ein ebenso dubios tätiger, heiß geliebter Ehemann, der jedoch mit 34 tot in seinen Caesar Salad kippt) über kriminelle Energie.

Nun hat der hierzulande wenig bekannte Jean-Paul Salomé den Erfolgsroman verfilmt, mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle; unter dem dämlichen Titel „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ kommt er jetzt ins Kino.

Huppert? Die Dolmetscherin ist eine übellaunige Person, ausgestattet mit Begabung zur Lüge, zur Camouflage und zur Geldwäsche. Dazu passen Hupperts notorisch heruntergezogene Mundwinkel (und ihr perfekt antrainiertes Arabisch mit Akzent), nicht aber ihr meisterliches Talent fürs Undurchdringliche.

Hupperts mysteriöse Aura ist keine Inspiration

Cayres mürrische Heldin rückt ihrem Lebensfrust mit anarchischer Verbalaggression zu Leibe – was einen hohen Unterhaltungsfaktor garantiert. Nichts gegen eine andere Leinwandversion, aber der Regisseur lässt sich auch von Hupperts Aura des Mysteriösen nicht inspirieren.

Seine Garonne, so der Originaltitel (ein weit derbere Vokabel), hat es faustdick hinter den Ohren, aber auch das Herz am rechten Fleck, sie strahlt weniger Coolness als Freimütigkeit aus und legt in heiklen Momenten eine aufgesetzte Nervosität an den Tag. Wobei man Huppert auch dann gerne zusieht, wenn sie einen Schwächeanfall vortäuscht, um nicht ertappt zu werden.

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So verharmlost der Film den unkonventionellen, auch Frankreichs Maghreb-Vergangenheit einbeziehenden feministischen Gangsterplot zu einer menschelnden Komödie und versetzt sie mit konventionellen Thriller-Elementen. Die Verfolgungsjagden in den migrantischen Pariser Quartiers Belleville und Ménilmontant sehen nicht anders aus als im gewöhnlichen Actionkino.

Mit Designer-Hijab in der Pariser Drogenszene

Wer den raffinierten Roman nicht kennt, wird sich dennoch amüsieren. Über diese lustvoll versauernde Frau mit schlechtbezahltem Job, erwachsenen Töchtern, Lebensabschnittspartner (Hippolyte Girardot als oberster Drogenfahnder) und dementer jüdischer Mutter im Altersheim (die weniger „meschugge“ ist, als es den Anschein hat).

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Über ihre fantastischen Verkleidungen als arabische Madame Hasch, die in Flattergewändern und immer bunter gemusterten Designer-Hijabs die Pariser Drogenszene aufmischt und die Fahnder in den Wahnsinn treibt, besonders ihren Lover. Und über ihre Kunst, Komplizinnen anzuheuern.

Auch Frauen können netzwerken. Da ist die nette marokkanische Altenpflegerin von Patience’ Mutter, Khadidja (Farida Ouchani), die sich als Nachrichtenkurier Meriten erwirbt. Und die chinesische Nachbarin Madame Fo (Jade Nadja Nguyen), die Erfahrungen im diskreten Umgang mit großen Bargeldmengen hat.

Asche in der Dessous-Abteilung

Auch verfügt sie über eine Riesenfamilie, die anlässlich einer traditionellen Wenzhou-Hochzeit vorzüglich als Statisterie bei der Beseitigung der geprellten, rachsüchtigen Macho-Dealer taugt.

Wer wissen will, wie man ahnungslose Taxifahrer und diese großen karierten Tati-Taschen beim Drogenverkauf einspannt oder welche Rolle zuckrigen Chamonix-Keksen beim Dealen im Billigsupermarkt zukommt, dem sei der Film allemal ans Herz gelegt. Aber auch wenn man gerne dabei wäre, als Patience mit ihren Töchtern die Asche der verstorbenen Mutter in der Dessous-Abteilung der Galleries Lafayette verstreut – im Buch liest es sich böser.
In 19 Kinos in Berlin und Potsdam (auch OmU)