Loris Karius kennt die tiefdunkle Seite des Fußballs

Loris Karius wechselt zum 1. FC Union. Als Torhüter hat er einige Extremerfahrungen hinter sich, die er nicht noch einmal machen will.




Loris Karius konkurriert künftig mit Andreas Luthe um den Platz im Tor des 1. FC Union.Foto: Seskim Photo/Imago

Als er sich bei den Anhängern des FC Liverpool entschuldigte, war Loris Karius alleine. Mit erhobenen Händen und Tränen in den Augen lief er der Kurve entgegen, und für einen wohl zu langen Moment begleitete ihn niemand. Erst eine Minute später, als er vor laufenden Kameras die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, kam der erste Kollege an seine Seite.

Kurze Zeit zuvor hatte Karius, der offenbar unter einer Gehirnerschütterung litt, mit zwei desaströsen Fehlern das Champions-League-Finale für den FC Liverpool verloren. Statt im größten Spiel des Vereinsfußballs auf den Höhepunkt seiner Karriere zu kommen, landete Karius auf den absoluten Tiefpunkt.

Nicht einmal Jürgen Klopp, der seine Spieler sonst immer so loyal verteidigt, konnte seinen Torwart schützen. Karius sei ein „fantastischer Junge“, murmelte Liverpools Trainer nach dem Spiel , und schaute dabei geknickt auf den Boden.

Von einem geradezu zerstörerischen Rückschlag für seine Karriere war an diesem bitteren Abend im Mai 2018 die Rede. Zwar bekam Karius bei seinem nächsten Einsatz Standing Ovations an der Anfield Road, doch eine Zukunft hatte er bei Liverpool nicht mehr. Wenige Wochen nach seinen Patzern in Kiew verlor Karius offiziell seinen Stammplatz, kurz darauf wechselte er per Leihe zu Besiktas Istanbul.

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Heute ist er wieder in Deutschland, mit der Hoffnung, seiner noch nicht zerstörten Karriere einen neuen Schub zu geben. Nach zwei Jahren in Istanbul wird Liverpools Torwart nun für eine Saison an den 1. FC Union Berlin ausgeliehen. Das teilte der Köpenicker Klub am Montag offiziell mit. Damit kehrt Karius zum ersten Mal seit 2016 in seine Heimat zurück. Vier Jahre nachdem er Mainz 05 für die Premier League verlassen hatte, spielt er plötzlich wieder bei einem Bundesligaklub aus der unteren Tabellenhälfte.

Stehengeblieben ist er aber nicht. Es ist ein weltklügerer und wohl auch härterer Profi, der bei Union unterschrieben hat. Ähnlich wie sein neue Kollege Max Kruse forcierte er im Frühling aufgrund eines Streits um sein Gehalt das vorzeitige Ende seines Vertrags in der Türkei.

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Und ähnlich wie Kruse hat er sich auch einen Ruf als Instagram-Star verdient, zuletzt auch durch seine Beziehung mit Sophia Thomalla. Für sein sendungsbewusstes Verhalten neben dem Platz hat er aber auch Kritik geerntet. Der frühere Nationaltorwart Uli Stein sagte einmal etwa über Karius, er sei eher damit beschäftigt, „schöne Bilder auf Instagram und Facebook zu posten, als Leistung auf dem Platz zu bringen“.

Womöglich fließen solche Urteile auch in die allgemeine Wahrnehmung von Karius als Sportler ein. Schon vor dem Champions-League-Finale 2018 in Kiew wurde er oft für seine Patzer kritisiert. Nach einem folgenschweren Fehler gegen Bournemouth 2016 sagte Gary Neville, der frühere Kapitän der englischen Nationalmannschaft, Loris Karius sei ein Torwart, „der Beklommenheit ausstrahlt“.

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Auch von Senol Günes, seinem Trainer bei Besiktas, gab es einmal harte, öffentliche Kritik. Karius sei an seinen Gegentoren selbst Schuld und nicht motiviert genug, sagte er im vergangenen Jahr. Wahr ist, dass Karius oft in wichtigen Momenten gepatzt hat. Wahr ist aber auch, dass er dafür wie kaum ein anderer Torwart öffentlich angeprangert worden ist.

Man will dem Profi-Fußball kein veraltetes Männerbild vorwerfen, aber wenn dem hübschen, langhaarigen Torhüter immer wieder mentale Schwäche unterstellt wird, ist womöglich ein wenig Bestätigungsverzerrung im Spiel. Rafal Gikiewicz etwa galt als harter Kerl und wurde für seine Fehler selten so verhöhnt.

Als Gikiewicz’ Nachfolger soll Karius nun bei Union zeigen, dass er mehr ist als ein fehleranfälliger Torwart mit einer berühmten Freundin. Denn als glamouröse Aushilfe ist der Mann, der über zwei Spielzeiten die Nummer eins bei Besiktas blieb, nicht gekommen. „Natürlich muss ich spielen“, hat er im Juni im Interview mit „Transfermarkt.de“ gesagt. „Es macht keinen Sinn zu sagen: Ich verlasse Liverpool für einen schlechteren Verein, und dort bin ich dann auch nur Nummer zwei.“

Mit Andreas Luthe, der als Nachfolger von Gikiewicz bisher solide bis gute Leistungen abgeliefert hat, steht also für Karius ein schwieriger Konkurrenzkampf an. Beklommenheit wird er dabei aber wohl nicht ausstrahlen. Denn so schwierig wie der schreckliche Abend im Mai 2018 kann es für Loris Karius nicht mehr werden. Hoffentlich.