Loris Karius kämpft gegen die Geister der Vergangenheit

Als kamerascheu gilt Loris Karius eigentlich nicht. Wahnsinnig glücklich sieht er allerdings nicht aus, als er am Dienstag sein erstes Interview als Spieler des 1. FC Union gibt. Vor ein paar Dutzend Medienvertretern steht der Torwart am Spielfeldrand im Stadion An der Alten Försterei und spricht so leise, dass er manchmal fast nicht zu hören ist.

Eigentlich ist der 27 Jahre alte Karius nur einer von elf Neuzugängen, die in diesem Sommer zu Union gekommen sind. Doch keine andere Verpflichtung hat so viel Interesse erweckt wie der frühere Mainzer, der vor zwei Wochen einen einjährigen Leihvertrag in Berlin unterschrieb. Die ehemalige Nummer eins des FC Liverpool und von Besiktas Istanbul verkörpert wie kein anderer Spieler das wachsende Gefühl einer neuen Ära in Köpenick. Und er steht deshalb wie kaum ein anderer Spieler unter Beobachtung. „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht“, sagt Karius. „Ich versuche tagtäglich gut zu arbeiten, meine Leistung zu bringen und zu überzeugen.“

Mit der Öffentlichkeit hat Karius ohnehin noch eine Rechnung offen. In den vier Jahren, seitdem er nach England gegangen ist, hat er sowohl dort als auch hierzulande eine Menge Kritik einstecken müssen – und zwar nicht immer berechtigt. Seine unglücklichen Patzer im Champions-League-Finale 2018 hängen ihm immer noch nach und, wie er selbst am Dienstag monierte, wurden seine guten Leistungen oft übersehen.
„Ich habe alles mitgenommen, positiv und negativ”, sagt Karius über seine Zeit im Ausland. „Ich bin aus der einen oder anderen Situation gestärkt hervorgekommen. Im Großen und Ganzen denke ich schon, dass einige Sachen vor allem in Deutschland zu negativ bewertet wurden.“

Nun will er seinen Landsleuten zeigen, „dass ich nach wie vor ein guter Bundesliga-Torwart bin“. In Liverpool, wo er seit der Ankunft von Alisson Becker 2018 gar keine Chance mehr auf einen Stammplatz hat, habe er keine Perspektive mehr gesehen, sagt Karius. Bei Union soll ihm jetzt der Neustart gelingen.

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Dass Union dafür gute Voraussetzungen bietet, glaubt auch Jürgen Klopp. Der Liverpool-Trainer war dem Köpenicker Klub zwar nicht immer wohlgesonnen, aber er habe Karius zum Wechsel gratuliert, berichtet der Torwart. „Er hat gesagt, dass es ein guter Schritt ist. Dass ich die Chance habe, mich hier auszuzeichnen. Und er hat gesagt, ich muss spielen.“

Spielen durfte er zum ersten Mal am vergangenen Donnerstag im Testspiel gegen Hannover 96. Beim 4:1-Sieg hatte er zwar wenig zu tun, doch der erste Einsatz habe ihm trotzdem gut getan. „Ich habe mich sicher gefühlt, ich bin positiv gestimmt.“ Ob er am kommenden Sonntag auf Schalke wieder im Tor steht, muss sich erst einmal zeigen. „Ich wäre auf jeden Fall bereit“, sagt Karius.

Eine Spielgarantie hat der neue Torwart jedenfalls nicht, wie Oliver Ruhnert vergangene Woche betonte. „Wir versprechen nicht irgendjemanden irgendetwas“, sagte der Union-Manager. Wer am Ende den Stammplatz zwischen den Pfosten besetzt, sei „eine Entscheidung für das Trainerteam“.

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Diese Entscheidung wird keine einfache, denn Karius’ Konkurrent Andreas Luthe hat in den ersten Wochen der Saison durchaus überzeugt und wird seinen Platz zwischen den Pfosten wahrscheinlich nicht einfach so abgeben. Der erfahrene Bundesliga-Torwart kam schon am Anfang des Sommers vom FC Augsburg und bekam die Trikotnummer eins. Karius muss sich nun mit der 20 zufrieden geben.

Vor dem Duell mit Luthe habe er aber keine Angst, sagt Karius. „Konkurrenzkampf hat man immer. In jedem Verein gibt es drei oder vier Torhüter, es ist nichts Neues. Unser Verhältnis ist super bis jetzt, wir pushen uns gegenseitig im Training.“ Allerdings habe er auch klare Ansprüche: „Ich bin natürlich hierhergekommen, um zu spielen.“

Schließlich hat Karius – anders als Luthe – einen ziemlich mutigen Schritt nach unten gewagt, indem er zu Union wechselte. Nach vier Jahren auf Champions-League-Niveau steht er jetzt wieder vor einem Abstiegskampf in der ersten Bundesliga, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo er sich selbst „im besten Alter“ sieht. Da Union über keine Kaufoption verfügt, wird er im nächsten Sommer wahrscheinlich wieder nach Liverpool zurückkehren. In der Zwischenzeit soll er den Berlinern aber zum Klassenerhalt verhelfen – und damit die Geister seiner Vergangenheit endlich zur Ruhe legen.