Livestream ist jetzt das neue Leben

„Komm, mach mal Licht damit man sehn kann, ob was da ist“, textete Bertolt Brecht 1928, während Kurt Weill den Zeilen einen seiner mitreißend-großstädtischen Foxtrotts unterschob. Es war der Beitrag des gefeierten Dreigroschenoper-Duos zu einem Lichtfestival in der Hauptstadt, bei dem die Zwanziger noch einmal leuchteten, während die Schatten überall länger und länger wurden.

Weills Licht-Song erklang Open Air vor dem KaDeWe und beim Festivalfinale in der Kroll-Oper gegenüber dem Reichstag, die Schlager der Dreigroschenoper vibrierten durchs Berliner Nachtleben. Hier die Feierwütigen, dort die Tagelöhner, Kriegsversehrten und Arbeitslosen. „Bettelnd standen diese Menschen mit ihren ausgehungerten Kindern an den Ausgängen der Bars und der Tanzdielen, die wie giftige Pilze aus dem Boden schossen“, erinnerte sich die Schauspielerin und Sängerin Trude Hesterberg: „Alles wurde kürzer, die Haare, die Kleider, die Liebe, der Schlaf!“

Das 20er Jahre-Festival der Berliner Philharmoniker spart nicht an Licht

Die Berliner Philharmoniker widmen den zwanziger Jahren ein Festival, das an Licht nicht spart, ohne das Dunkel auszusparen. Es erklingt während des Kultur-Lockdowns komplett als Online-Version in der eigenen Digital Concert Hall – und beginnt passenderweise am 13. Februar, den die Unesco zum Welttag des Radios bestimmt hat.

[Online-Festival “Die Goldenen Zwanziger”, 13. bis 27. Februar, www.digitalconcerthall.com; WEILLdigital, 26. Februar bis 2. März, www.kurt-weill-fest.de]

Das damals noch junge Medium hat Kurt Weill fasziniert, seinen „Lindberghflug“ komponierte er als Rundfunklehrstück. Zum Auftakt dirigiert Philharmoniker-Chef Kirill Petrenko Weills Erste, die er noch während seines Studiums in der Meisterklasse von Ferruccio Busoni komponierte. Abweichend von der dort gelehrten „Jungen Klassizität“ mischte Weill Einflüsse von Mahler, Schönberg und auch Strauss in seine „Berliner Symphonie“ (13.2., 19 Uhr, gekoppelt mit Strawinskys „Oedipus rex“).

Eisler wollte in der Wirtschaftskrise das Publikum aufrütteln

Seine 2. Symphonie, im Januar 1933 in Berlin begonnen, konnte Weill erst im Exil in Paris vollenden, im Zentrum steht ein Trauermarsch. Es spielen die Stipendiaten der Karajan-Akademie, geleitet von der jungen französischen Dirigentin Marie Jacquot. Ebenfalls auf den Pulten liegen Weills Violinkonzert (Solist Kolja Blacher) und Hanns Eislers Musik zum Film „Kuhle Wampe“, der 1932 mit dem Blick auf eine Arbeiterfamilie in der Wirtschaftskrise das Publikum aufrütteln wollte (16.2., 20 Uhr).

Am 20. und 27. Februar spielen die Philharmoniker turnusgemäß ihre Symphoniekonzerte, vor leeren Sitzreihen auf der geöffneten digitalen Bezahlbühne: Zuerst dirigiert Donald Runnicles Weills Mahagonny-Suite, umgeben von Werken von Franz Schreker und Alban Berg, dann leitet Christian Thielemann einen Abend, der Paul Hindemith, Ferruccio Busoni und Richard Strauss versammelt. Und dazwischen geht es mit Dagmar Manzel am 23. Februar ins Café Moka Efti, wo natürlich Weill den Rhythmus angibt, umgeben von autobiografischen Erinnerungen von Trude Hesterberg, Lotte Lenya und Josephine Baker an eine beschleunigte Zeit harter Kontraste.

Das Kurt Weill Fest in Dessau musste umdisponieren

Auch das Kurt Weill Fest in Dessau, das gleich im Anschluss an das Philharmoniker-Festival am 26. Februar startet, muss dieses Jahr pandemiebedingt umdisponieren – und versteht dabei die Begeisterung Kurt Weills für neue Medien als Rückenwind. Im bereits 2020 entwickelten Format WEILLdigital werden fünf Online-Konzerte gesendet. Katharina Mehrling, Klaus Hoffmann, Frederike Haas, Jasmin Tabatabai und Vladimir Korneev interpretieren Lieder von Weill, aber auch Brel und Piaf.

„Wo ist Heimat?“, dieses Motto hat sich das Weill Fest gegeben und beantwortet es auf seine Art: Überall dort, wo Menschen ihren Weg in einen Live-Stream finden und zu einem Publikum werden. Ende August soll dann der zweite Teil des Weill Fests 2021 stattfinden, analog, so hofft man in Dessau.

Der Online-Kanal Arte Concert peilt jüngere Hörer an

Geiger Daniel Hope setzt seine Wohnzimmer-Konzertserie auf dem Online-Kanal Arte Concert mit 27 Sendungen mit der Musik jeweils eines EU-Landes fort. Sie beginnt am Freitag um 19 Uhr unter dem Titel Europe@home mit Musikern aus Portugal. Gemeinsam mit dem jungen, klassischen Pianisten Raúl da Costa sowie der Fado-Sängerin Maria Carvalho wird Daniel Hope einerseits den traditionellen Musikstil Fado präsentieren, aber auch Werke portugiesischer sowie weitere europäischer Komponisten spielen. Portugal stehe zu Beginn der neuen Konzertreihe, weil es derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehabe, sagte Hope beim Pressegespräch und fügte an: „Außerdem ist Portugal von der Pandemie besonders hart getroffen.“

Neben den Musikern präsentiert Hope in seiner Reihe Künstlerpersönlichkeiten aus den Bereichen Jazz, Pop sowie Literatur und Schauspiel, darunter Herta Müller und Gediminias Gelgotas.

Der Geiger Daniel Hope spielt in seinem Wohnzimmer

Daniel Hope lädt in sein Wohnzimmer in Berlin ein. Spielen wird er mit freiberuflichen Musikern, die derzeit quasi keine Auftrittmöglichkeiten haben. Die 27 Konzerte werden jede Woche von Freitag bis Sonntag live ausgestrahlt und sind laut Arte danach in der Mediathek sowie in den Youtube- und Facebook-Kanälen von Arte Concert zu hören. Keine Sendung werde dabei ausdrücklich britischer Musik gewidmet sein, schließlich könne Hope, der selbst Ire und Deutscher ist, den Brexit auch nicht rückgängig machen, hieß es weiter.

Der Online-KanalArte Concert plant weitere Sendungen mit verschiedenen Musikrichtungen. Vom 22. Februar an werden unter dem Motto „Open Stage Berlin“ in den Reinbeckhallen der Hauptstadt Musiker auftreten mit einem Repertoire zwischen Pop, Rock, Poetry Slam und Hip-Hop, moderiert von Thelma Buabeng. Start der Livesendung ist jeweils um 20 Uhr 30, zugesagt haben unter anderem OK Kid, Joris, Mine, Alvaro Soler, Selig und Catt.

Übertragen wird aus Berlin, Paris, Hamburg

Die Übertragungen aus Pariser Konzerthallen können vom 19. Februar an immer am Freitag und am Samstag um 20 Uhr 30 gestreamt werden. Die Fans können sich auf Peter von Poehl und DJ Yan Wagner freuen.

Ein weiteres langfristiges Projekt setzt Arte Concert Mitte März mit der Hamburger Kampnagel-Fabrik um: Dabei geht es insbesondere um Hip-Hop-Tänzerinnen. Sie entwickeln eigene Projekte und treten damit im Sommer – soweit es die Pandemie erlaubt – bei einem Festival in der für modernen Tanz bekannten Kampnagel-Fabrik auf.

Arte-Deutschland-Chef Wolfgang Bergmann betonte, dass der deutsch-französische Sender einen Beitrag zum Erhalt der Kultur und vor allem der Existenz von Künstlerinnen und Künstlern aller musikalischer Richtungen leisten wolle. Auch die Freunde der Klassik werden deshalb bei Arte Concert nicht zu kurz kommen. Am Donnerstag, den 18. Februar, wird ab 19 Uhr 30 aus der Opéra national de Paris „Aida“ übertragen, in der glanzvollen Besetzung mit Sondra Radvanovsky, Jonas Kaufmann, Knesnia Dudnikova und Ludovic Tézler.

Die knapp 500 Livestreams wurden 75 Millionen Mal abgerufen

Das Angebot des europäischen Kulturkanals mit Opern, Ballett und Pop kommt gut an. Die knapp 500 Livestreams im Programm wurden knapp 75 Millionen Mal abgerufen. Damit sich auch ein von der Volkswagenstiftung gefördertes Forschungsvorhaben beschäftigen. Das Projekt „Digital Concert Experience“ will herausfinden, wie digitale Angebote auf das Publikum wirken und welche zukunftsfähig sein könnten. Stimmt die Annahme, dass digitale Angebote ein neues und jüngeres Publikum erreichen, das sonst kein klassisches Konzert besucht hätte? Mit VR-Brillen und Sensoren soll an Probanden getestet werden, welche Emotionen Live-Konzerte und On-Demand-Angebote hervorrufen.

Bleiben die Streaming-Formate auch nach der Pandemie interessant?

Und eine wesentliche Frage wird vielleicht gleich mitbeantwortet: Bleiben diese Streaming-Formate auch interessant, wenn man wieder selbst ins Theater, in die Oper oder zu einem Konzert gehen kann? Reden nicht viele Menschen davon, wie sehr sie sich danach sehnen, mit anderen in einem Raum zu sitzen und zusammen etwas zu erleben?

Arte, das sich als genuines Kulturprogramm versteht, wird über seine Konzert-Reihen die anderen Künste jedenfalls nicht vernachlässigen, das steht fest. Wolfgang Bergmann kündigte eine Literatur-Reihe an. Weitere Details sollen folgen.