Liedhaft tönt das Adagio

 Aus der Position musikalischer und technischer Sicherheit dirigiert Jukka-Pekka Saraste die Vierte von Beethoven in der Philharmonie. Er weiß, dass er auf die Qualität des Rundfunk-Sinfonieorchesters bauen kann, das ihm mit erworbener Virtuosität folgt. Es ist eine musikantische Interpretation.

Liedhaft tönt das Adagio, ohne dem Geheimnis dieses intimen Instrumentalgedichts auf der Spur zu sein. Die selten aufgeführte Symphonie zwischen der Eroica und der „Schicksalssinfonie“, den beliebtesten Standardwerken, war aparter Weise zwei Wochen vorher auch beim Deutschen Symphonie-Orchester zu erleben, dessen Streicher auf Darmsaiten spielten.

Während Robin Ticciati mit seinem Orchester dort eine Aura knisternder, experimenteller Neuheit beschwor, bleibt Sarastes Beethoven in diesem Fall schwungvoll, aber routiniert und die Reaktion des Publikums beinahe matt.

Nach der Pause, die coronabedingt allein dem Umbau auf dem Podium dient, ändert sich das Bild. Es will schon etwas heißen, wenn bei der spärlichen Besetzung im Saal die Bravorufe besonders kraftvoll ausfallen. So danken die abgezählten Zuhörer einer Aufführung der dritten Symphonie von Jean Sibelius, aus der rhythmische Energie und Klarheit leuchten.

Saraste kommt aus der reichen Dirigentenschmiede Finnlands. Er hat seine Ära als Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters gerade beendet und ist Ehrendirigent des Oslo Philharmonic Orchestra wie des Finnischen Rundfunk-Sinfonieorchesters, die er beide jahrelang geleitet hat. Er ist weltweit gefragt.

Wundersamer Spaltklang zwischen Violinen und Bässen

Herzenssache ist dem Maestro wie den meisten seiner finnischen Kollegen die Musik von Sibelius. Wenn die tiefen Streicher des RSB in der Symphonie das erste Thema anstimmen, kommen dem Dirigenten Celli und Kontrabässe mit prächtiger Intonation entgegen.

Wundersamer Spaltklang zwischen Violinen und Bässen, Paukenwirbel, viel kostbares tiefes Pizzikato, Melodienreigen in dunklem Gesang ziehen vorüber.

Was kompliziert gebaut ist und bis in vierfach geteilte Bratschen klingt, wird von Jukka-Pekka Saraste zur Einheit gebunden. Er scheint Vogelstimmen in den Flöten hervor zu rufen und führt durch marschartige Thematik in vehemente Bewegung. Wie Saraste diese Apotheose antreibt, um sanft in den feinen tonalen Schluss zu gleiten, das zeigt den Meister am Pult.