Lieber streiten als gleichgültig sein

Nina Kummer, geboren 1997 in Burgstädt, ist Sängerin und Gitarristin der Chemnitzer Pop-Band Blond. Das Debütalbum “Martin Sprite” ist im Januar erschienen. Hier erzählt sie welche Bedeutung die Wahl zur Kulturhauptstadt für ihre Heimatstadt hat.

Ich bin noch immer im Freudenstrudel, weil Chemnitz 2025 Europas Kulturhauptstadt werden wird. Schon während der über dreijährigen Bewerbungsphase ist viel in der Stadt passiert. Selbst wenn Chemnitz nicht gewonnen hätte, wäre das als positiver Effekt geblieben.

So gab es viele Projekte, die den Bürgerinnen und Bürgern Kultur nähergebracht haben, die ihnen gezeigt haben, dass sie eigentlich in einer ziemlich interessanten Stadt wohnen. Dabei wurde vor allem vermittelt, dass Kultur nicht nur aus Hochkultur wie Oper und Theater besteht, sondern dass zum Beispiel auch Industrie-, Sub- und Lebenskultur dazugehören.

Die Leuten fragten, was die Aktion soll

Es gab viele niederschwellige, teils sehr niedliche Aktionen, in die die Chemnitzerinnen und Chemnitzer eingebunden waren. Es gab die Möglichkeit unkompliziert Geld für kleine Projekte zu beantragen. Zum Beispiel gemeinsames Blühwiesen- Pflanzen in der Innenstadt oder das Bemalen einer alten Tatra-Bahn, die im Stadthallenpark stand.

Wenn Leute vorbeikamen und fragten, was das soll, wurde ihnen erklärt, dass es um die Kulturhauptstadt Europas ging und, dass zum Beispiel die Gastronomie davon profitieren könnte, wenn durch den Titel mehr Touristen in die Stadt kämen.

Auf diese Weise wurden die Bürgerinnen und Bürger langsam warm mit dem Projekt. Der Glaube daran, dass Chemnitz vielleicht doch eine Chance haben könnte, wuchs. Anfangs hatte es eher geheißen: Wieso sollten wir gewinnen, wenn auch Dresden im Rennen ist. Die haben Hochkultur ohne Ende und holen das Ding sowieso. Das hat sich in dem Prozess geändert – vor allem als Dresden rausflog.

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Die Nähe zur Bevölkerung blieb im weiteren Bewerbungsverlauf zentral. Erst vor Kurzem gab es etwa eine Ausstellung mit Gegenwartskunst von international anerkannten Künstlerinnen und Künstlern, die über die ganze Stadt verteilt war. Leute, die zur Arbeit oder zum Bäcker gingen, haben die Werke gesehen und sich so quasi nebenbei mit Kunst auseinandergesetzt. Das finde ich total wichtig. Auch Streit ist gut.

Eine Arbeit des Schweizer Künstlers Roman Signer hat zum Beispiel für hitzige Diskussionen gesorgt: Er hat ein Auto im Schlossteich versenkt, das jetzt ein Stück weit aus dem Wasser ragt und nachts leuchtet. Es wurde sowohl im Internet darüber gestritten als auch auf der Brücke, von der aus man das Wrack sehen kann. Da standen immer wieder Leute, die debattierten, ob das jetzt Kunst ist und was das soll. Das finde ich klasse: Besser heftige Reaktionen als Gleichgültigkeit.

Nina Kummer, geboren 1997, ist Sängerin der Band Blond.Foto: Anja Jurleit

Mich selbst hat bei der „Gegenwarten“-Ausstellung vor allem die riesige Skulptur von Anetta Mona Chiea und Lucia Tkámová beeindruckt, die den Darm von Karl Marx darstellt. Sie ist so ähnlich gestaltet wie die berühmte Bronzebüste und liegt nur ein paar Gehminuten entfernt von ihr in einem Park. Es ist eine Art Weiterführung, eine weitere Erzählung. Auch der Darm hat natürlich Ärger gemacht. Es hieß: Igitt Fäkalien, igitt, ein Darm. Wenn es ein Gehirn gewesen wäre, hätte das weniger gestört. Mir gefällt, dass jetzt Kinder auf diesem überdimensionalen Darm rumturnen- und rutschen. Das ist schön absurd und lustig. Ich freue mich, dass die Skulptur zu den Kunstwerken von den „Gegenwarten“ gehört, die in Chemnitz bleiben sollen.

Ein Fokus liegt auf Mitmachkunst

Ein Fokus des Kulturhauptstadt-Projektes liegt auf DIY und autodidaktischer Kunst. Dazu ist für 2025 eine große Ausstellung geplant, bei der auch Werke von Berühmtheiten wie Frida Kahlo und Edvard Munch zu sehen sein werden. Aber es soll auch eine Kunstschule mit Workshops für alle Interessierten eingerichtet werden. Das finde ich spannend und es passt auch gut zu Chemnitz, denn hier entsteht vieles aus dem Mangel heraus. Dinge, die man vermisst, muss man eben selber machen. Darin liegt ein großes Potenzial.

Ein wichtiger Aspekt werden Projekte zum Rechtsextremismus und zur politischen Bildung sein. Schon im Bewerbungsbuch ging es unter anderem um die Ereignisse von 2018 rund um den Mord an Daniel H. Es wurde gefragt, wie das passieren konnte und wie die Stadt damit umgeht.

Es gibt in Chemnitz viele Probleme. Es gibt Nazis, aber auch eine Menge Leute, die dagegenhalten. Und für die wirkt der Kulturhauptstadt-Titel wie eine Bestätigung, eine Ermutigung. Ich habe die romantische Vorstellung, dass Kunst und Kultur einem Abdriften der gesellschaftlichen Mitte nach Rechts entgegenwirken kann. Ich hoffe, es ist möglich, sie wieder mehr für Demokratie, Kultur und Europa begeistern zu können.

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Unsere Band Blond wird sich sicher auch noch etwas für das Kulturhauptstadt-Jahr einfallen lassen. Wir haben ja schon in der ersten Runde des Bewerbungsverfahrens Anfang 2019 auf einer Veranstaltung in Brüssel ein paar Lieder gespielt. Anschließend gab es eine Runde Bingo, um die Stadt vorzustellen. Für das „BidBook“, die Bewerbungsmappe des zweiten Bewerbungsteils hat das Künstlerkollektiv Bikini Kommando, in dem ich Mitglied bin, die Fotos gemacht.

Worauf ich auf jeden Fall Lust habe ist, dass wir mit Blond eine Baum-Patenschaft bei der geplanten Pflanzung von 4000 Apfelbäumen übernehmen. Das stelle ich mir cool vor: Man geht einmal in der Woche zu dem Baum, schaut, ob alles okay ist, kann ihn umarmen, streicheln, gut zureden. Vielleicht schreiben wir ihm auch einen Song.

Jetzt muss die Kultur nicht betteln und bangen

Ich hoffe sehr, dass in den kommenden fünf Jahren die Autodidakten und Pragmatikerinnen weiterhin so stark in die Kulturhauptstadt-Prozesse einbezogen werden wie bisher und, dass sich vielleicht noch mehr Chemnitzerinnen und Chemnitzer trauen, selber Kunst zu machen und sich einzubringen.

Ein großer Vorteil des Kulturhauptstadt-Titels ist, dass eine finanzielle Kürzung im Kulturbereich nun schwer vermittelbar wäre. Normalerweise wird da ja immer zuerst gestrichen. Aber jetzt muss die Kultur erstmal eine Weile nicht betteln und bangen. Das ist wichtig, zumal wir durch die Pandemie ja eine sehr schwierige Situation haben.

Was ich mir für die nächsten Jahre wünsche, wäre eine bessere Zuganbindung von Chemnitz. Vielleicht kann man jetzt genug Druck dafür aufbauen. Dann hoffe ich natürlich, dass 2025 ganz viele Leute in die Stadt kommen und begeistert sind. Vielleicht packen ja auch ein paar Musikerinnen und Künstler, die immer über die steigenden Mieten und fehlenden Räume in Berlin jammern, ihre Koffer und ziehen her. Und dann wird Chemnitz zum neuen Knotenpunkt der deutschen Musikwelt. Das wär doch was!