Liebe ohne Grenzen

Ein muskulöser Torso, dunkle Haut, dort, unter den Brustwarzen sind zwei große frische Narben zu sehen. Mit diesem Bild beginnt der von Benjamin Wolbergs herausgegebene Fotoband „New Queer Photography“. „Schau auf die Ränder der Gesellschaft“ lautet der Appell, der sich durch das ganze Buch zieht.

Der Berliner hat Bilder von 50 Fotograf*innen versammelt, die von überall auf der Welt kommen und die auch fast überall auf der Welt fotografiert haben, in Berlin ebenso wie in Indien, im Iran und in Südafrika – in Ländern, in denen die Toleranz gegenüber Menschen mit nicht binären Gender-Identitäten und queeren Lebensentwürfen weit weniger ausgeprägt ist als in westlichen Metropolen.

An manchen dieser Orte ist es lebensgefährlich, sich so zu zeigen, wie man ist. Aber fast überall ist es zumindest ungewöhnlich, mit einem Körper jenseits gängiger Schönheitsideale öffentlich in Erscheinung zu treten.

Wolbergs, der in Berlin als Art Director arbeitet, hat gelernt, für dieses Fotobuch zu kämpfen. Lange suchte er nach einem Verlag. „Die meisten fanden das Thema zwar wichtig und gut aufbereitet, meinten aber entweder, es passe nicht in ihr Programm oder es sei wirtschaftlich gesehen nicht massentauglich“, sagt Wolbergs im Interview. Schließlich fand er einen Verlag in Dortmund und ko-finanzierte das 304-seitige Buch mit einer Crowdfunding-Kampagne (Verlag Kettler, 2020, 304, Seiten, 58 Euro).

Erotik, Sexualität, Politisches und Privates vermischen sich

Der Fotoband zeigt Bilder, die den gängigen Vorstellungen von Queerness entsprechen: Menschen in Drag, mit opulentem Kopfschmuck, in Strapsen, mit glitzerndem Lidschatten, in kreativen Outfits, so wie man sie aus der Clubszene Berlins, Londons oder New Yorks zu kennen glaubt, etwa in den Bildern von Dustin Thierry oder Ralf Obergfell.

Dann gibt es Fotografien, in denen Schwule, Lesben und trans Personen in privaten Szenen zu sehen sind: zuhause in ihren Wohnungen, zärtlich auf dem Sofa, beim Schmusen oder bei der Körperpflege.

Intensiv und intim sind die Porträts, die Melody Melamed von Schwarzen Menschen und People of Colour gemacht hat. Manche Körper tragen Spuren von Operationen, was nicht hervorgehoben, aber auch nicht versteckt wird. Das nackte Fleisch und die privaten Momente überwältigen mit Nähe, bevor man beginnt, die Schönheit zu bewundern.

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In anderen Bildern sieht man ästhetisch fotografiertes schwules Begehren; mit nackter Haut, Schweiß und Fingern, die in Mündern verschwinden, wie bei Alexandre Haefeli. In den Collagen von Matt Lambert, einem jetzt in Berlin lebenden Szene-Fotografen und Filmemacher, der als Heranwachsender in Los Angeles viel Gewalt erlebte, wird es sexuell und pornografisch.

„Das alles gehört zum breiten Spektrum der queeren Fotografie“, sagt Wolbergs. Sein Anspruch an das Buch sei es von Anfang an gewesen, eine vielschichtige Bandbreite an queeren Bildwelten zu präsentieren.

Aus Robin Hammonds Serie „Where love is illegal“.Foto: Robin Hammond

Robin Hammonds Serie „Where love is illegal“

Mehr als um die sexuelle Freiheit geht es ihm aber um die Vielfalt der Körper. „Ich finde das eindimensionale Konzept von Gender, Schönheit und Ästhetik, das in den meisten Medien propagiert wird nicht mehr zeitgemäß, langweilig und auch etwas toxisch“, sagt Wolbergs. Das Buch ruft an zahlreichen Stellen ambivalente Gefühle hervor, bei jedem und jeder sind es vermutlich andere Grenzen, an denen gerüttelt wird.

Neben Sex und Schönheit geht es um Politik, etwa in dem Beitrag des neuseeländischen Fotografen Robin Hammond, der mit seiner 2015 gestarteten Serie „Where love is illegal“ in Ländern fotografierte, in denen LGBTQ Personen verfolgt, geschlagen und sogar gefoltert werden. Er fotografierte gleichgeschlechtliche Paare in Mosambik, Ghana, Jamaika, Nepal. Mit den Bildern startete er eine Kampagne gegen Diskriminierung von LGBTQ Personen, trat damit vor die Vereinten Nationen.

Hammond bezeichnet seine Fotografie als „Visual story telling“. Sein fotografischer Aktivismus ist ästhetisch und warm, er zeigt beides: Schmerz und Zuversicht. „Die Opferrolle wird überstrahlt vom Mut und der Stärke der Porträtierten“, meint Wolbergs. Die Porträtierten, die in den Bildern oft ihr Gesicht verbergen, erzählen ihre Geschichten – trotz der Gefahren, die damit verbunden sind.

Die Berliner Künstlerinnen AnaHell und Nathalia Dreier arbeiten als Fotografie-Duo red rubber road zusammen.Foto: red rubber road

Die in Berlin geborene Fotografin Julia Gunther hat in ihrer Serie „Rainbow Girls“ lesbische Frauen in einem Township in Kapstadt porträtiert. Analog zur Ballroom-Kultur in den USA haben lesbische, Schwarze Frauen dort einen queeren Schönheitswettbewerb ins Leben gerufen: „Miss Lesbian“. Gunther hat die „Rainbow Girls“ teils backstage fotografiert, wie sie schön zurecht gemacht auf ihre Auftritte warten, miteinander scherzen oder einfach für die Kamera posieren, alle selbstbewusst und stolz.

Der Ausgrenzung und der Gewalt, der sie im Alltag ausgesetzt sind, wollen sie mit Liebe begegnen, so ist es in den Begleittexten zu lesen. Eine neue Generation wächst heran, die sich zwar immer noch in keiner Minute sicher fühlen kann, aber entschlossen hat, Gewalt nicht mit Hass und Rückzug zu beantworten.

Großer Fundus an talentierten queeren Fotograf*innen

Wolbergs hat mit dieser vielschichtigen Auswahl Pionierarbeit geleistet. Dahinter steckt eine intensive Recherche. „Die Auswahl der Fotograf*innen und deren Arbeiten war einer der schwierigsten und langwierigsten Prozesse während meiner Arbeit am Buch und hat zirka drei Jahre in Anspruch genommen“, erzählt er. Wolbergs hat Bücher und Magazine durchforstet, die intensivste Suche passierte jedoch online auf Internetseiten, Blogs und Social Media-Kanälen. Ein Profil führte ihn zum nächsten. Er war überwältigt von der Fülle an talentierten Künstler*innen.

Viele der beteiligten Fotograf*innen haben in Modezeitschriften und Lifestyle- Magazinen veröffentlicht. Vielleicht ging es in der Mode mit dem androgynen Körper los, zunehmend tauchen Menschen aus der queeren Szene in Fotostrecken auf. Genauso wie LGBTQ-Geschichten in Netflix-Serien und Filmen erzählt werden. Ist das schon ein Schritt in Richtung Mainstream und breiter Akzeptanz? Es könne auch dazu dienen, sich einen progressiven und aufgeschlossenen Anstrich zu verleihen oder schlicht und ergreifend eine weitere Zielgruppe zu erschließen, meint Wolbergs. Sein Buch zeigt jedenfalls einen Trend: Im Gegensatz zum beobachtenden, distanzierten Dokumentarismus vergangener Jahre dominiert in diesen Bilder die Empathie. Alle werden so gezeigt, wie sie sich sehen möchten.