Leuchten in der Dunkelheit

Die Liste der Konzerte, die in diesem November nicht erklingen konnten, ist furchtbar lang. Da kommt es einem Lichtblick gleich, dass das Berliner Debüt von Joana Mallwitz zumindest im Stream und anschließend auch im Lokalfernsehen stattfinden kann.

Die 34-jährige Musikerin, 2019 zur „Dirigentin des Jahres“ gewählt, leuchtet selbst durch die Corona-Dunkelheit. In Nürnberg, wo Mallwitz als Generalmusikdirektorin wirkt, hat sie eine wahre Klassik-Euphorie entfacht, ihre Einführungsveranstaltungen sind stets sofort ausverkauft.

Ihre “Così” in Salzburg verzauberte

In Salzburg dirigierte sie im Sommer eine der beiden geretteten Opernaufführungen des Festivals und verzauberte mit ihrer „Così“ Presse, Publikum und selbst die Wiener Philharmoniker.

[Das RBB-Fernsehen zeigt die Aufzeichnung des Konzerts an diesem Sonntag, den 29. November, um 22.25 Uhr.]

Mit dem Konzerthausorchester will Mallwitz mehr als nur ein aktuell geschrumpftes Konzertprogramm einstudieren, sie will auch in Schuberts Große C-Dur-Symphonie einführen. In dieser Ouvertüre aus Erläuterungen und Musikbeispielen kann man ein bisschen über den Komponisten erfahren und sehr viel über das Musikverständnis einer Hochbegabten.

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Kurz streift sie Schuberts Einsamkeit inmitten des Trubels der Wirtshäuser, deren Rechnungen er mit Liedern beglich. Wie konnte er aus schönen Melodien eine ganze Symphonie zusammenfügen, lautet die nächste Frage, die in ihr persönliche Credo mündet: „Da hilft nur ein Blick in die Partitur.“ Nichts ist für Mallwitz aufregender. Man spürt, wenn sie nach Luft ringt, weil mit dem Orchester zu atmen und gleich danach über die gerade gespielte Phrase zu sprechen zwei grundverschiedene Dinge bleiben.

Die Kraft der Posaunen lässt die Dirigentin strahlen

Die drängende Motorik der punktierten Rhythmen, die Kraftentfaltung der singenden Posaunen lassen die Dirigentin strahlen. Oder ist es umgekehrt? Das bleibt Mallwitz‘ Geheimnis. Die Große C-Dur-Symphonie entfaltet sich unter ihren Händen als Wunderwerk, dessen musikalischer Urgrund unerschöpflich aufschimmert.

Hier geht es um harmonische Beziehungen und längst nicht mehr um leidende Egos. Dem fantastisch aufgelegten Konzerthausorchester erlaubt die Dirigentin nicht das kleinste sentimentale Verweilen. Wenn die Entwicklung im zweiten Satz partout nicht mehr weitergehen will, der Sturz ins Bodenlose droht, dann erweist sich Mallwitz‘ Vertrauen in die Musik als so tief, dass sie nicht mehr ganz von dieser Welt zu sein scheint. Darüber lässt sich, zum Glück, nur schwer reden.