Lehrschauspiel politischer Kommunikation

Mütend“ ist Hashtag und Wort der Gegenwart, die Covid-Leere so treffend wie „Euphancholie“ (von Benedict Wells erfunden) die Jugend. Ein Wort, das ich vor der Krise nicht kannte und in sämtlichen digitalen Konferenzen höre, ist „abschichten“. Ich mag’s nicht, aber es bedeutet differenzieren: ein Problem in seine Einzelteile zerlegen und somit vereinfachen; wenn das Problem wieder aufgeschichtet ist, ist es gelöst. Könnte irgendwer in Angela Merkels Dauerrunden bitte „abschichten“ hineinrufen? Fürs Protokoll?

– Hingegen mag ich es, dass Reiner Haseloff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, am 18. März „Ä“ twitterte, ohne Komma oder sonstwas, bloß „Ä“. Er löschte es nicht, schrieb hinterher, er habe sein Ä „zufällig abgesandt“. Ich kenne das: Irgendetwas patscht auf „Senden“, eine Kinderhand, ein Volleyball, ein Gummibärchen, eine Hundepfote. Dass Bodo Ramelow, Haseloffs Thüringer Kollege, am 23. März mit „Ääääää…“ antwortete, ohne Pünktchen allerdings, es waren 281 Äs, die ich nicht allesamt zitieren möchte, ließ mich rätseln. Ja, da redeten zwei miteinander. Ja, Humor hilft. War’s aber Kommunikation, war’s lustig?

– Es fühlt sich an, als sei der April 2020 Ewigkeiten her: Als New York City noch das Weltkrisengebiet war und Umzugswagen voller Leichen vor Bestattungsfirmen in Brooklyn abgestellt wurden, habe ich dort das Coronatagebuch geschrieben, zehn Folgen lang. Irgendwann eine zweite Staffel anzufangen, hatte ich überlegt, doch verworfen, da wir im Oktober ins aus der Ferne strategisch entschlossen, solidarisch empathisch wirkende Deutschland zurückkehrten. Nun bin ich wieder im Krisengebiet, in meinem Beruf nennt man das Reporterglück. Darum die zweite Staffel, ab heute.

– Aus Krisenstaaten, das habe ich Ihnen bereits erzählt, kenne ich die Kombination von Inkompetenz und Bürokratie. Ich hatte gedacht: Aber der Unterschied ist, dass jene Staaten zusätzlich korrupt sind. Nun hat die Union ihre Masken-Affäre, und Peter Gauweiler hat elf Millionen Euro mehr, angeblich für politische Gefälligkeiten.

– Im „Brennpunkt“ tritt zuerst und aufgezeichnet Merkel auf, danach und live Annalena Baerbock. Vorgängerin und Nachfolgerin? Beide wirken in der Pandemie-Primetime angespannt, „Angela Sattel“ sagt Baerbock über Merkel. „SZ“ und Tagesspiegel beschreiben, wie Baerbock und Robert Habeck einander schätzen möchten, aber durch die Lage des Landes dazu gebracht werden, einander zu belauern. Wer wird nun Kanzlerkandidatin oder -kandidat der Grünen? Habeck gilt als (etwas) beliebter und (etwas) glamouröser, Baerbock als (etwas) fleißiger; vor zwei Jahren war Habeck der Stärkere, doch sie lernte rasant.

Es ist, bislang, ein Lehrschauspiel politischer Kommunikation: Beide reden warm übereinander, und nach allem, was zu erfahren ist, schätzen sie einander noch immer. Wie sie das klärende Gespräch zwischen Ostern und Pfingsten wohl führen werden? Spazieren gehend? Zoomend? Und bereitet der gemeinsame Büroleiter es vor? Eine Grüne, die gleichfalls beiden nahe ist, schreibt mir, Baerbock habe bereits gewonnen: Wenn Frau und Mann konkurrierten, komme bei den Grünen von heute nicht mehr der Mann durch; und den scharfen Kontrast zu den grauen Herren Scholz und Laschet setze sie mehr als er.

– Als ich Merkels Entschuldigung höre, denke ich dreierlei: 1. Souverän. 2. Ich will nicht, dass sich nach einem Jahr Pandemie meine Regierung bei mir entschuldigt, ich will eine Strategie. 3. Das war keine Entschuldigung. Wenn Chefinnen betonen, dass sie „am Ende für alles die letzte Verantwortung“ trügen, meinen sie: Meine Unterlinge sind doof wie Helge Braun, und ich bin edel, weil ich noch immer zu ihnen stehe.

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de, auf Twitter unter @Brinkbaeumer.Foto: Tobias Everke