Lasst es bitte einen Leonardo sein!

Es ist nicht nur das teuerste jemals gehandelte Gemälde, es ist auch eines der geheimnisvollsten: Das Bild mit dem lateinischen Titel „Salvator Mundi“, Erlöser der Welt, das vom Künstlergenie Leonardo da Vinci kurz vor dem Jahr 1500 gemalt worden sein soll. Ob es tatsächlich von der Hand des Malers und Forschers, dieses wahrhaften uomo universale der Renaissance stammt, war seit jeher umstritten und ist nun noch einmal strittiger.

Denn in wenigen Tagen, am 13. April, soll in Frankreich ein Dokumentarfilm vorgestellt werden, dessen Regisseur Antoine Vitkine die geheim gehaltenen Untersuchungen des Gemäldes ebenso kenntlich machen will, wie die diplomatischen Verwicklungen, die die unerwünschten Ergebnisse zur Folge hatten. Damit würde sich zugleich das Rätsel auflösen, warum das Werk, anders als erwartet, im Herbst 2019 nicht bei der Jubiläumsausstellung des Louvre zum 500. Todestag Leonardos zu sehen war.

Das ist keine Petitesse, angesichts der jüngsten Geschichte des jahrhundertelang unbeachteten Gemäldes. Denn Ende 2017 wurde es in New York verauktioniert – und für die unvorstellbare Summe von 450 Millionen Dollar zugeschlagen.

Es war der Höhepunkt einer über Jahre inszenierten Kampagne. Erst 2005 war das Bild (wieder-)aufgetaucht und 2011 überraschend in einer Leonardo-Ausstellung der Londoner National Gallery als authentisch präsentiert worden. Schritt für Schritt wurde ein Hype um das letzte noch verkäufliche Gemälde des Meisters entfacht, an dessen Ende der Weltrekordpreis stand. Doch wer war der Käufer? Das Rätselraten begann; und da zu dieser Zeit Abu Dhabi dabei war, seinen spektakulären Museumsneubau eines Louvre-Ablegers zu verwirklichen, lag es nahe, den Emir des Ölstaates als Bieter zu vermuten. Tatsächlich aber ließ der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman das Bild ersteigern – und gab es im Vorfeld der Pariser Leonardo-Ausstellung dem Louvre zur Untersuchung.

Der Louvre fand keinen Hinweis für die Autorschaft Leonardos

So jedenfalls stellt es der französische Dokumentarfilmer Vitkine dar. Er lässt in seinem Film unter dem Titel „The Savior for Sale“ (Erlöser zu verkaufen) Mitarbeiter des Louvre und der an dieser Staatsaktion beteiligten Ministerien anonym zu Wort kommen. Zunächst sollten die Louvre-Restauratoren das fragile Tafelbild auf Nussbaumholz im Vorfeld der geplanten Ausstellung untersuchen, der umfassendsten zum Werk des 1452 im toskanischen Vinci geborenen und 1519 als Gast des französischen Königs verstorbenen Leonardo. Doch kamen die Louvre-Experten nach ausgiebigen Röntgen-Analysen zu dem Schluss, dass das vorliegende Gemälde nicht von der Hand Leonardos stammen könne.

Die Etablierung der Autorschaft eines Altmeister-Gemäldes ist bisweilen unmöglich; meist gab es eine Werkstatt mit vielen Gehilfen, und im Falle des langsam arbeitenden Leonardo dürften zahlreiche Kopien und Varianten seiner als einzigartig gepriesenen Bildideen entstanden sein – so auch vom „Salvator Mundi“.

Dass Leonardo sich des würdigen Sujets angenommen hat, gilt als sicher. Ob sein Werk aber, wenn es denn je vollendet war, die Zeiten überdauert hat, wird sich kaum mehr klären lassen. So galt denn das vorliegende Bild stets als eine Arbeit von Leonardos hochbegabtem Schüler Boltraffio. Zudem befand es sich in einem bejammernswerten Zustand, als es 2005 auftauchte; Experten, die eine in der Mitte gerissene Holztafel sahen, nannten es eine „Ruine“. Anschließend wurde das Bild in New York aufwendig restauriert: Es entstand, was von da an als originaler Leonardo vermarktet wurde.

Das hätten auch die saudischen Autoritäten gern. Die Verweigerung des Louvre-Gütesiegels muss, so Vitkine in seinem Film, zu diplomatischen Verstimmungen auf höchster Ebene geführt haben. Denn Frankreich war 2018 dabei, mit dem saudischen Herrscherhaus eine viele Milliarden schwere Vereinbarung über die touristische Erschließung ihres Landes auszuhandeln. Als besondere Geste sollte der „Salvator“ für die bereits geplante Louvre-Retrospektive ausgeliehen werden. Mitte 2019 kam das Gemälde zur Untersuchung nach Paris – mit dem erwähnten negativen Ergebnis. Daraufhin stellte der saudische Kronprinz ein Ultimatum: Ausleihe des Bildes nur, wenn es neben der „Mona Lisa“ als „100 Prozent Leonardo“ gezeigt wird, „ohne weitere Erläuterungen“. Es ging um das Gütesiegel vor dem Millionenpublikum dieser Blockbuster-Show. Entsprechender Druck soll auf den Louvre auch vom damaligen französischen Außenminister Le Drian ausgeübt worden sein.

Bedingung des Kronprinzen: Der „Salvator“ muss neben der „Mona Lisa“ hängen

Es war Präsident Macron, der die Debatte beendete, indem er sich hinter Louvre-Direktor Jean-Luc Martinez und dessen Experten stellte und das Ansinnen des Kronprinzen zurückwies. „Es ging um unsere Glaubwürdigkeit“, so ein Louvre-Intimus in dem Film. In der Tat wäre der Ruf des Louvre als seriöser Partner arg beschädigt, würde er sich politischen Interessen beugen. Auch ein Last-minute-Besuch des Anfang 2019 zum Präsidenten der Vereinigung der Nationalmuseen Frankreichs berufenen Chris Dercon in Saudi-Arabien, um wenigstens eine nachträgliche Einfügung des „Salvator“ in die Ausstellung zu erwirken, blieb erfolglos.

Seltsamerweise aber gab es vom Louvre durchaus ein positives Signal in Gestalt einer Publikation, in der Indizien für (!) eine Autorschaft Leonardos aufgeführt werden. Dieses Buch, dessen Existenz die Londoner Zeitschrift „The Art Newspaper“ aufdeckte, kam jedoch nie in den Vertrieb und wird von allen Beteiligten geleugnet. Womöglich sollte es parallel zur Louvre-Ausstellung verkauft werden, wäre dort der Saudi-„Salvator“ gezeigt worden – freilich mit Fragezeichen hinsichtlich der Autorschaft, was der Kronprinz mit seinem Ultimatum jedoch ausgeschlossen hatte. Darüberhinaus sollen zwei Versionen des Ausstellungskatalogs bereits gedruckt gewesen sein, eine mit, die andere – dann tatsächlich erhältliche – ohne Nennung und Abbildung des saudischen Werks.

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Die Gründe für das widersprüchliche Verhalten des Louvre liegen im Dunkeln. Die Londoner Zeitschrift verweist darauf, dass bereits die überraschende Aufnahme des „Salvator Mundi“ in die Londoner Leonardo-Schau von 2011 kontrovers diskutiert wurde. Die englische Leonardo-Autorität Martin Kemp hatte das Bild von Anfang an als eigenhändig verteidigt, sein deutscher Fachkollege Frank Zöllner hingegen bezweifelt.

Er schlug 2011 eine Etikettierung als „Leonardo und Werkstatt als die am wenigsten riskante Arbeitshypothese“ vor und wies darauf hin, dass es keinerlei zeitgenössische Quellen der Zeit um 1500 gibt, die die Existenz des Bildes ebenso bezeugen, wie dies für die „Mona Lisa“ und andere Werke Leonardos der Fall ist.

Den gewichtigsten Einwand Zöllners kann der Betrachter des Bildes, ungeachtet aller Über-Restaurierung, selbst nachvollziehen: „Besorgniserregend ist auch das wie tot wirkende Gesicht Christi. Traut man dem Meister so etwas zu?“ Wie es scheint, kann man vielleicht nicht dem Meister, wohl aber seinen Händlern allerhand zutrauen.