Lagos undercover

Die Warnung wird sanft aber eindringlich vorgebracht: „Don’t take the boat journey, my brothers!/ Don’t take the boat journey, my sisters!“, heißt es im Refrain von Tony Allens Song „Boat Journey“ aus dem Jahr 2014.

Darin warnt der im April verstorbene Schlagzeug-Großmeister und Afrobeat-Miterfinder aus Nigeria davor, sich mittels wackeliger Boote auf den Weg von Afrika nach Europa zu machen. Selbst wenn man tatsächlich ankäme, warte dort nicht das große Glück. „The situation here is not so cool“, singt der viele Jahre in Paris lebende Allen.

Eine Journalistin recherchiert in einem Puff

Es kann gut sein, dass er damit auch den Menschenhandel im Blick hatte, der ein großes Problem seines Heimatlandes darstellt. Opfer sind vor allem Frauen, die in die Prostitution gezwungen werden. Die Investigativ-Journalistin Tobore Ovuorie aus Abuja hat sich vor einigen Jahren bei einem Frauenhändler-Ring eingeschmuggelt und über dessen Praxis berichtet. Inspiriert von ihren Reportagen hat der nigerianischen Regisseur Kenneth Gyang den Film „Òlòturé“ gedreht, der jetzt auf Netflix zu sehen ist.

Er handelt von der gleichnamigen Journalistin, die sich Ehi (Sharon Ooja) nennt und undercover in einem Puff von Lagos recherchiert. Ausgestattet mit Blondhaarperücke und knappen Outfits hängt sie mit ihren Kolleginnen im Anmachclub des Etablissements ab oder wartet auf der Straße auf Kundschaft.

Als angeblicher Freier kommt immer mal wieder ihr Kollege Emeka (Blossom Chukwujekwu) vorbei, um nach ihr zu schauen. Als sie breit auf einem Kaugummi herumkauend ihre angeblichen Preise für verschiedene Sexpraktiken herunterbetet, hat sie sichtlich Spaß an der Maskerade – und man ahnt, dass sie die ganze Sache vielleicht ein bisschen unterschätzt.

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Denn als sie über eine Kollegin Kontakt zu der im Frauenhandel tätigen Alero (Omoni Oboli) bekommt, wird es langsam gefährlich. Jetzt kann sich Ehi nicht mehr so einfach entziehen wie im Puff. Wenn Alero ihren Mädchen etwa auf einer Politiker-Party befiehlt, alles zu tun was die Männer sagen, geschieht das letztlich auch. Und als ihr Trupp mit einigen brutalen Aufsehern schließlich auf die Reise geht, stehen alle Alarmzeichen auf rot.

„Òlòturé“ ist ein oft schwer zu ertragender Film, der nicht viel mit der Fließbandware zu tun hat, für die Nollywood sonst bekannt ist. Bis auf einige etwas hölzerne Dialoge zwischen den männlichen Darstellern entwickelt das Drama eine beklemmende Eindringlichkeit.

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Dabei spielt Gewalt eine zentrale Rolle. Die Frauenfiguren haben in den etwas über 100 Filmminuten viel zu erleiden. Sie werden angebrüllt, geschlagen, vergewaltigt und getötet. Entsprechend viel Wut und Verzweiflung zeigt Kenneth Gyang in seinem drittem Spielfilm, der häufig im Dunkeln spielt und völlig auf nette Postkarten-Ansichten von Lagos verzichtet.

Trotz dieser Härte ist der seit Oktober in über zwei Dutzend Ländern auf Netflix laufende Film äußerst beliebt. Er wurde nicht nur zu Nigerias meistgesehenen Film des Streamingkanals, sondern kam wenige Tage nach Veröffentlichung sogar in dessen weltweite Top Ten.

Wobei „Òlòturé“ sicher davon profitiert, dass Darmaturgie und Produktionswerte weitgehend westlichen Konventionen entsprechen. Allerdings nicht in Sachen Happy Ending: Beseelt von dem Wunsch sein Thema nicht zu beschönigen, verweigert Gyang ein erlösendes Finale. Stattdessen blendet er Schrifttafeln zum Menschenhandel ein, der weltweit 150 Milliarden Dollar umsetzt. Es ist die Sklaverei des 21. Jahrhunderts.