Krankheiten schreiben sich ins Stadtbild ein

Ein Grid aus weißen Betten in einer dunklen Halle. Innerhalb von wenigen Tagen wurde auf dem Infema Messegelände nahe des Madrider Flughafens eine Intensivbetreuung für Covid-19-Patienten eingerichtet. Genauso wie es in anderen Städten gemacht wurde, in den Berliner Messehallen, in New York, in Belgrad. „Jede Architektur ist krank“, lautet die zugespitzte These eines Forschungsprojekts an der Princeton University, an dem auch das New Yorker Kunst- und Theoriemagazin „eflux“ beteiligt ist.

Das Bild des Madrider Lazaretts mit seinen leeren Betten war als Standbild auf dem Bildschirm zu sehen, bevor sich dort die Gesichter der Princeton-Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, des eflux-Mitgründers und Architekten Nikolaus Hirsch und einiger Doktoranden zeigten. Sie trafen sich zum öffentlichen Roundtable-Gespräch, um über die Verbindung zwischen Architektur und Krankheit zu diskutieren. Das Thema stammt aus der Zeit vor Covid-19. Nun werden die überwiegend historischen Betrachtungen von der Gegenwart eingeholt.

Jede Krankheit schreibt sich in die Architektur einer Stadt ein, so die Experten. Und dort bleibt sie auch, fest verankert im Alltag, überschrieben von Normalität, überlagert von der nächsten Gesundheitskrise. Beispiel: das Embankment in London. Heute heißt so eine U-Bahnstation, man denkt auch an die Embankment Gardens, eine grüne Oase in der Stadt. Das Thames Embankment, der Uferdamm an der Themse, wurde im 19. Jahrhundert erbaut, als in London das mit Exkrementen verschmutzte Flusswasser dafür sorgte, dass Menschen an der Cholera starben. Der befestigte Damm half, die Cholera zurückzudrängen. Jede schöne Uferpromenade ist im Grunde ein Akt der Hygiene.

Alle Architekturen tragen die Spuren früherer Krankheiten in sich, heißt es bei der Veranstaltung. Wenn dem so ist, wird sich auch Covid-19 ins Stadtbild einschreiben, in 100 Jahren wird es vielleicht niemand mehr so wahrnehmen. In den Referaten, die bei der Online-Veranstaltung vorgetragen werden, nehmen die Expertinnen Infrastrukturen wie den Einwandererhafen Ellis Island in New York, das Bernhard Nocht Institut für Tropenmedizin in Hamburg oder die in den Neunzigerjahren geschaffene Uferpromenade am Hudson River unter die Lupe, um den Umgang mit Seuchen und Krankheit aufzuzeigen.

Noch ein Beispiel: In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts starben jedes Jahr weltweit Millionen Menschen an Tuberkulose. Moderne Gebäude boten einen Schutz vor den unsichtbaren Mikroorganismen. Was wir heute als normale Architektur empfinden, trägt also Züge von Krankheit, Heilung und Ungleichheit in sich: weiße Mauern, weiße Räume, Terrassen, große Fenster. Birgit Rieger