Kopf hoch am Ku’damm

Hat jetzt der Kapitalismus endgültig gesiegt? Ist nach dem erneuten Kultur-Lockdown das Shoppen tatsächlich das letzte legale Freizeitvergnügen? Nun ja, keine Kanzlerin und kein Epidemiologe hat verboten, dass der korrekt mit Mund-Nasen-Schutz bekleidete Bürger am Kurfürstendamm auch mal den Blick nach oben richtet, weg von den Verlockungen der Schaufenster, hin zu den Fassaden, die sich darüber befinden. Und schon ist das Kunststück gelungen: Der Betrachter befindet sich im Museum!

Gut belüftet und bei freiem Eintritt ist hier die ganze Architekturgeschichte der vergangenen 140 Jahre versammelt. Nicht mit ihren wertvollsten Objekten vielleicht, aber doch in einer eklektischen Vielfalt, die das Flanieren erhobenen Hauptes kurzweilig macht.

Beginnen lässt sich der kulturhistorische Ku’damm-Bummel beispielsweise an der Ecke zur Uhland- und Grolmanstraße, wo gleich ein schönes Wirtschaftswunder-Ensemble ins Auge fällt: Da ist das elegant geschwungene Bürohaus mit den grau-weiß geäderten Marmorverkleidungen unter den Fenstern, in dem der Promifriseur Udo Walz residiert. Und davor das lustige Mosaik-Ei, mannshoch mit glänzenden Steinchen in allen erdenklichen Farben dekoriert.

Stuck wuchert an den Fassaden hoch

Geht man gen Westen, vorbei am Bauloch, das einst das Ku’damm-Karree war und bald als „Fürst“ samt Neubaus der Woelffer-Komödie wiedererstehen soll, kann man an der Nr. 37 äußerst fantasievolle, die Erker hoch wuchernden Stuck-Ranken bewundern. Den Geist der Moderne dagegen atmet die Nr. 42 mit ihrer streng-eleganten Fassade aus honigfarbenem Travertin. Viel Naturstein sieht man auch an den Nachbargebäuden, doch dort wirkt er überall nur wie aufgeleimtes Furnier, das Wertigkeit suggerieren soll.

Dass Stadtplaner Humor haben können zeigt sich am dreieckigen George-Grosz-Platz. Der kommunistische Künstler nämlich karikierte in seinen Werken just jenen Geldadel zur Kenntlichkeit, die sich bevorzugt hier in den pompösen Wohnpalästen am Ku’damm einmieteten. Die Widersprüche der Weimarer Republik, kondensiert an einem Platz.

An der Kreuzung zur Schlüterstaße sind gleich drei Eckhäuser von Türmen gekrönt. Der schönste trägt eine grüne Kupfer-Patina und gehört zur Nr. 52, wo einst Robert Koch wohnte. Noch mehr trumpft eine Straße weiter die Nr. 56 auf, mit ihrer wilhelminisch-wuchtigen Kuppel in schwarzem Metall. Vis à vis dagegen herrscht postmoderne Leichtigkeit: ein riesiger Vogelkäfig ersetzt dort die ursprüngliche Jahrhundertwende-Turmspitze. Ob ihn jemand als Dachterrasse nutzt?

Ein edles Entrée für den Kleinkünstler

In der Nr. 190 schweben barbusige Schönheiten über der Tür, die anmutig Gips-Girlanden halten, in der Nr. 186 hat Rudolf Nelson logiert, der große Kleinkünstler, dem die Melodie zu Friedrich Hollaenders wunderbaren Dada-Versen zu verdanken sind: „Ich bin dein Nachtgespenst, ich weck’ dich, wenn du pennst, so oft, bis du mich Liebling nennst.“ Nobel ist Nelsons Entrée mit künstlichem Kamin, hohen Spiegeln und geschwungener Treppe.

Das Non plus ultra kaiserzeitlicher Prachtentfaltung aber ist an der Ecke zur Leibnizstraße Stein geworden: Wappen und Löwenköpfe, jugendstiliger Stuck, goldbronzenes Blattwerk an den Balkongittern, so wollte es die Boomtown Berlin mit der Weltmetropole Paris aufnehmen. Hat leider nicht ganz geklappt.