Klang der Demokratie

Es gibt untrügliche Hinweise darauf, dass die pandemische Krise uns noch länger begleiten wird. Man findet sie sogar in der Philharmonie. Dort sind die Bleistifte, mit denen die Kontaktbögen ausgefüllt werden sollen, inzwischen von Normal- auf Stummelgröße geschrumpft. Natürlich ist das ausreichend für den Zweck. Ein gutes Gefühl vermittelt die Maßnahme dennoch nicht. Durchhaltementalität und Kultur sind aus gutem Grund nicht eng befreundet – und doch atmet auch der Auftritt des Chamber Orchestra of Europe Überlebenswillen.

Vom Brexit gebeutelt

Dieses wunderbare, vor bald 40 Jahren gegründete Ensemble aus 15 Ländern mit Verwaltungssitz in London ist nicht nur vom Brexit gebeutelt. Als frei finanziertes Orchester braucht es Auftritte noch dringender als die subventionierten Kollektive. Nicht nur konnten viele Konzerte wegen Corona nicht stattfinden, auch die notwendige Reisetätigkeit des multinationalen Chamber Orchestra of Europe steht immer wieder auf der Kippe.

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In Berlin kommen die Musikerinnen und Musiker auf Einladung der Philharmoniker zusammen, die ihre Verbundenheit dadurch unterstreichen, dass drei ihrer Mitglieder mit auf dem Podium sitzen. Simon Rattle übernimmt die Spielleitung, nicht am Pult an einen Ort festgepinnt, sondern als Wanderer durch den Klangraum bis an die Grenzen dessen, was das Abstandsgebot zulässt. Dieses Orchester braucht keine Hierarchien, es schenkt seinen Dirigenten das kostbare Gefühl, selbst vollends Musiker sein zu können. Bei Rattle bringt das eine souveräne Gelassenheit ans Licht, die er in seinen Philharmonikerjahren nicht immer fand. Zusammen mit der Geigerin Vilde Frang ersteht so eine von Zwängen befreite, atmende Interpretation von Beethovens Violinkonzert, in der es viel organischer klingt, als es oft verstanden wird.

Wunderbar federnder Tonfall

Im Anschluss erklingt mit Haydns 90. Symphonie ein Lieblingswerk von Rattle. Er kostet den immer wunderbar federnden Tonfall des Chamber Orchestra of Europe aus, setzt rotgoldene Glanzlichter. In den Trugschluss ist der Dirigent schon rauschender, herausfordernder eingebogen. Doch diesmal nimmt man nur allzu gerne hin, dass zwar alles ein Ende hat, nur dieses Werk hat drei. Humor als Selbstversicherung, den Bleistiftstummel in der Faust.