Kevin Escoffier aus Seenot gerettet

(Aktualisiert, 1.12., 8 Uhr)

Der Südozean zeigt seine Klauen, als am Montag ein Alarmsignal ertönt. Kevin Escoffier, zu diesem Zeitpunkt an dritter Position liegend, hat seine Seenotbarke aktiviert. Das bedeutet, er schwebt in unmittelbarer Gefahr. Es gelingt ihm noch, die Nachricht eines schweren Wassereinbruchs an Bord seiner “PRB” abzusetzen, dann steigt er in die Rettungsinsel.

Das Meer ist grau und aufgewühlt an diesem Nachmittag, 800 Meilen südwestlich von Kapstadt. Videobilder von anderen Teilnehmern des Vendée Globe in der Nähe, zeigen eine chaotische See, in der mehrere Wellensysteme durcheinanderlaufen. Die Wassertemperatur beträgt 16 Grad. Ein Mensch kann unter diesen Bedingungen nicht lange im Wasser durchhalten, bevor er auskühlt, auch wenn die Skipper mit Überlebensanzügen ausgerüstet sind. Zum Glück ist Jean Le Cam nicht weit entfernt, segelt 30 Meilen hinter Escoffier und braucht nicht lange, um dessen Rettungsinsel ausfindig zu machen.

Der Nachfolger des Nachfolgers

Um acht Uhr Abends jedoch wird auch Boris Herrmann vom Renndirektor an die Stelle gerufen, die als letzte Position der “PRB” bekannt ist. Le Cam hat den Schiffbrüchigen aus den Augen verloren in dem fünf Meter hohen Seegang. Herrmann ist allerdings 78 Meilen entfernt, was ihn etwa vier Stunden kostet und eine Suchaktion in der Nacht bedeutet. Auf dem Racetracker sind derweil die Zickzacklinien zu erkennen, mit denen Le Cam das Gebiet systematisch absucht. Aber das stellt sich bei Windstärken von 6 Beaufort und allein an Bord als schwierig heraus. Herrmann und der ebenfalls herbeieilende Sébastien Simon verfügen über Infrarotgeräte im Mast, die bis zu einen Kilometer weit blicken können.

In den vergangenen beiden Tagen gehörte die “PRB” zu den schnellsten Schiffen im Feld und schien die rauen Bedingungen am besten…Foto: Kevin Escoffier / PRB

Bereits drei Tage nach dem Start hatte Kevin Escoffier einen Wasserschaden entdeckt. Als eine Schlauchverbindung sich gelockert hatte, war Wasser aus dem Foilkasten ins Innere des Schiffs gedrückt worden. Der Fehler ließ sich leicht beheben. Und danach gab es keine größeren Schwierigkeiten mehr. Im Gegenteil. Mit beeindruckendem Tempo schob sich der 40-jährige Franzose in den vergangenen Tagen auf einen der vorderen Plätze, mithin einer der Schnellsten im ganzen Feld. Sein ultraleichtes Boot, das er von Vincent Riou übernommen hat, schien am wenigsten Probleme mit dem “ungekämmten Meer” zu haben. Allerdings war auch Riou zwei mal hintereinander mit dieser “PRB” nicht ins Ziel gelangt, bevor der vormalige Vendée-Globe-Gewinner es schließlich genug sein ließ.

Nachdem das orangefarbene Boot mit Tragflächenfoils ausgerüstet worden war, zählte es zu den besten Booten der Imoca-Flotte. Und sein Skipper, obwohl ein Newcomer in der Szene, war immerhin Teil der siegreichen französischen Crew beim letzten Volvo Ocean Race gewesen. Das und die Tatsache, dass der studierte Ingenieur auch Rugby-Profi hätte werden können, dürfte ihn in Rious Augen als seinen Nachfolger empfohlen haben. Bei PRB, einem Agrarunternehmen, das von allen Sponsoren die ältesten Traditionen in diesem Sport pflegt, ist es üblich, dass die Skipper ihre Erben selbst einsetzen. Das geht zurück auf Isabelle Autissier, der Grand Dame des französischen Off-Shore-Segelns, die 1996 mit ihrer “PRB” auch nicht über Kapstadt hinausgekommen war.

Es ist schon zwei Uhr in der Nacht, als Escoffier gerettet werden kann. “Er ist bei Jean an Bord”, lautet die kurze Mitteilung der Rennleitung.

Le Cam war von ihr an den Ort gelotst worden, den Berechnungen aus GPS-Signal und Strömungskarten ergeben hatten. Doch fand er zunächst nichts an der bezeichneten Stelle. Er setzte seine Suche fort, nur unter Großsegel, den Motor benutzte er nicht. Die Rennleitung verfolgte das Geschehen über eine Liveschlatung mit Le Cams iPad, das an dessen Navigationsplatz unter Deck angebracht ist. “Plötzlich verschwand er aus unserem Blickfeld und wir hörten ihn reden”, so Renndirektor

Radikales Innenleben. Alex “The Boss” Thomson ging mit seinem fünften Schiff für ein Vendée Globe abermals konsequent neue Wege….Foto: Alex Thomson Racing

Escoffiers Schiffbruch und die dramatischen Umstände seiner Rettung sind der zweite Schock innerhalb weniger Tage, den die 30 Weltumsegler erleben. Am Samstag hatte es Alex Thomson erwischt. Eines seiner beiden Ruder war gebrochen. Der Brite kündigte an, nach Kapstadt zu segeln und das Rennen aufzugeben.

Seither ist es ziemlich still geworden um den Briten, der seit 20 Jahren unermüdlich versucht, das Vendée Globe zu gewinnen und nach einem dritten und zweiten Platz endlich auch das Format dafür zu haben glaubte. Wenn man es einem Nicht-Franzosen zutraute, bei diesem französischen Solorennen um die Welt zu triumphieren, dann ihm. Selbst viele Franzosen hofften das.

Bis zu seiner Havarie lag der 46-jährige Star der Imoca-Szene in aussichtsreicher Position. Wie kaum jemand sonst wusste er das emotionale Auf und Ab in Worte zu fassen, in das ihn die langwierigen Reparaturarbeiten in der Bugsektion der “Hugo Boss” gestürzt hatten. Der Schock sitzt bei Thomson wohl zu tief über diesen neuerlichen Rückschlag, um ihn mit der Welt zu teilen.

Der Absprung

Das Aus ereilte Thomson, als es für das Hauptfeld von 18 Booten erstmals richtig losging. Das erste der gefürchteten Sturmtiefs des „Großen Südens“, wie das Südpolarmeer in Frankreich genannt wird, brachte Kälte und viel Wind. Es war der Moment des Absprungs in jene graue Einsamkeit, die erst bei Kap Hoorn überstanden sein wird.

Nur tausend Meilen trennen den führenden Charlie Dalin von Alan Roura, der das Schlusslicht der Verfolgergruppe bildet. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass die Yachten für diese Bedingungen konstruiert wurden und im Schnitt über 20 Knoten schnell sind. 900 Kilometer legen sie derzeit pro Tag zurück, was etwa der Strecke von Berlin nach Paris entspricht.

Komfortzone. Boris Herrmann wappnet sich gegen die Kälte mit einem norwegischen Wolljumper. Das Wasser hat nur noch acht Grad.Foto: Boris Herrmann / Seaexplorer YCM

Ein bisschen unter Schock steht auch Boris Herrmann. Nachdem er am Donnerstagabend den 29 Meter hohen Mast hinaufklettern musste, um ein verklemmtes Fallschloss zu lösen, fühlt er sich körperlich ausgelaugt. Obwohl der Deutsche gut mithält in der kompakten Spitzengruppe, in der zwischen Rang zwei und acht nur 120 Meilen liegen, zeigt er sich angegriffen von den Strapazen der Kletteraktion. Es kommt jetzt wohl einiges zusammen.

Bei einer Pressekonferenz am Freitag spricht Herrmann von Bord aus freimütig über seine Höhenangst. Weil der Einrastmechanismus eines Segels sich am Masttop nicht mehr lösen ließ, musste es schnell gehen. Denn ein großes Vorsegel nicht mehr bergen zu können, hätte katastrophale Folgen. Herrmann denkt also nicht lange nach, entert auf. Das letzte Stück muss er sich mit einer improvisierten Taille hochziehen, derweil die Sonne hinter dem Horizont versinkt. Obwohl er in schwindelnder Höhe brutal hin und hergeworfen wird, gelingt es ihm, den blockierten Mechanismus zu entsichern. Doch: „Das hat mich an meine Grenzen gebracht.“

Die gottverdammte Einsamkeit

Die Angst ist groß, einen Fehler zu machen. Was, wenn ihm das Messer aus der Hand rutscht, denkt er, und er dort oben gefangen wäre. Wie kläglich wäre das. Wie fatal. Die Gefahr, in schaukelnder Höhe einen Fehlgriff zu tun, ist groß. Doch alles geht gut. „In einer so kniffeligen Lage war ich schon lange nicht mehr“, sagt Herrmann später und spürt, dass er sich über einen Punkt hinausbewegt hat, den er nicht kannte.

Er sagt auch, dass er keiner von den Typen sei, die auf sich allein gestellt in glücklicher Harmonie aufgehen, wie die französische Segellegende Bernard Moitessier es in seinen Büchern schildert, die Herrmann natürlich gelesen hat. „Es kostet mich schon sehr viel Überwindung, das hier alleine durchzustehen“, gibt er zu. „Ich bin oft ziemlich einsam.“

Der Teufel im Detail. Plötzlich löst sich der Reißverschluss, mit dem das Vorsegel am Vorstag festgehalten wird. Herrmann entdeckt…Foto: Boris Herrmann / Seaexplorer – YCM

Durch die luftige Notoperation verliert Herrmann das Duell gegen Yannick Bestaven, an dessen Seite er zwei Tage lang gesegelt war. Und als der Wind stürmischer wird, ist er frustriert darüber, dass er das hohe Tempo seiner direkten Konkurrenten Sébastien Simon auf „Arkea Paprec“ (Rang 7), Bestaven auf „Maitre Coq“ (5) sowie Kevin Escoffier nicht ebenfalls aufbringen kann. Was er auch ausprobiert, die „Seaexplorer“ wird immer wieder abgebremst, weil sich der Bug in die Wellen bohrt. Obwohl der Skipper die schwersten seiner Segeln am Heck aufeinander gestapelt hat, drückt der achterliche Wind die Nase des Schiffes in die mitlaufende Dünung, ein Problem, das vermutlich erst die folgende Imoca-Generation nicht mehr haben wird, wie der radikale Wulstbug von Armel Tripons „L’Occitaine“ andeutet.

Allerdings zeigt Tripons 22. Rang derzeit auch, wie tückisch das avantgardistische Konzept zu handhaben ist. Von den acht Neubauten befinden sich nur drei im vorderen Teil des Feldes, und davon sind nur zwei vollends konkurrenzfähig.

Im Gary-Cooper-Modus

Es könnte ein einsamer Ritt werden für Charlie Dalin. Der gebürtige Bretone aus Concarneau hat sich als Ausreißer an die Spitze gesetzt und zeigt nicht den Hauch einer Schwäche. Als sich das Drama um Escoffier ereignet, ist er bereits 330 Meilen enteilt.

Obwohl Dalin das erste Mal im Süden ist, setzt der 36-Jährige seinen Kurs überlegt und ohne Hast. Er hat den Schock lange vor dem Rennen verarbeitet, den es bedeutet, auf einem brutalen Konstrukt wie der „Apivia“ unterwegs zu sein. In einem Video fragt er sich, wohin all die Vögel verschwunden seien, die sein Boot am Tag zuvor noch umkreist hätten.

Wie sagt ein altes Sprichwort: Vorne wird gesegelt, hinten wird gekämpft.