“Keine direkte Erlösung vorgesehen”

Die Sachbuchrezensionen der Woche – kurz zusammengefasst. Diesmal: Beethoven, neu gedeutet, ein Plädoyer für poetisches Denken und eine Emanzipationsgeschichte.

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Lesen als Turmspringen zu ebener Erde.Foto: imago images/Ikon Images

Der Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Asssman, der vor zwei Jahren zusammen mit seiner Frau Aleida Asssmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgzeichnet wurde, hat sich auf eine neue Deutung von Beethovens Missa Solemnis eingelassen. In „Kult und Kunst“ (Verlag C.H. Beck) beschreibt er die Messe im Spannungsfeld von Liturgie und zutiefst persönlichem Gottesglaube. Ulrich Amling ist mit dem ehrgeizigen Projekt nicht ganz warm geworden: „So kommt die Hälfte des Buches ohne jede Musik aus, beim Lesen dürstet es einen immer mehr nach ihr. Das ist dramaturgisch ein guter Effekt, der allerdings keine direkte Erlösung vorsieht. Denn Assmanns folgenden, von 50 Notenbeispielen flankierte musikalische Analyse arbeitet sich unter üppigem Einsatz von Fachtermini linear durch die Missa Solemnis, wo der einerseits in Kultfragen gestählte, andererseits musikalisch ausgehungerte Leser jetzt auf einen Durchbruch hofft, den freien Blick – wenn schon nicht über den Berg, so doch durch ihn hindurch.“

Auch der Literaturwissenschaftler Amir Eshel versucht, sich aus akademischen Begriffsgefängnissen zu befreien und zu einer sinnlichen Erfahrung von Kunst vorzustoßen. In „Dichterisch denken“ (Suhrkamp Verlag) erkundet er ein essayistisches Schreiben, das den Gegenständen von innen heraus gerecht werden will. Maximilian Mengeringhaus sieht zu, wie sich Eshel dabei doch immer wieder im allzu theoretischen Gestrüpp verfängt: „Im Prinzip wünscht Eshel sich offene Zugänge, ein „Denken ohne Geländer“ (Hannah Arendt), das es analytisch zu erläutern und zugleich stilistisch zu praktizieren gilt. Die Form des Essays erlaubt beides. Gedichten von Paul Celan und Dan Pagis oder Bilderserien von Gerhard Richter will Eshel sich ohne theoretischen Ballast nähern. Er will die Werke unbefangen auf sich wirken lassen. Seine Beobachtungen strotzen jedoch vor Verweisen auf Richard Rorty oder Hannah Arendt.“

Ariane Bemmer stößt sich bei Mely Kiaks Memoir „Frausein“ (Hanser) dagegen nur am Titel, der diese Geschichte einer migrantischen Emanzipation unnötig einengt: „Mely Kiyak kommt 1976 in Sulingen als Kind kurdischer Gastarbeiter zur Welt. Sie hört schlecht und sieht nicht gut. Am liebsten sitzt sie am Schreibtisch und liest oder schreibt, während Vater und Mutter als Arbeiter und Putzfrau Geld verdienen. Oder sie albert mit ihrer Lieblingscousine herum. Stellt sich mit ihr das Deutsche vor.“ Sie attestiert dem „schnell gelesenen Buch das Kunststück, einem so viel zum Nachdenken mitzugeben, dass man kaum glauben will, dass man nur einen langen Abend mit der Lektüre verbracht hat.