Kein Heiliger, sondern ein Mensch

Den Briten fällt es nicht immer leicht, ihre Sporthelden zu lieben. Die Generation britischer Sportler, die jetzt ihre Karrieredämmerung erlebt, ist dafür ein Paradebeispiel. Obwohl sie für eine der erfolgreichsten Ären der britischen Sportgeschichte verantwortlich war, stellte sich das Verhältnis zwischen diesen Sportlern und ihren Landsleuten oft als kompliziert dar, zeitweise sogar als regelrecht kühl.

Andy Murray, der erste britische Wimbledon-Sieger seit fast einem Jahrhundert, wurde oft als zu abgehoben, zu politisch oder einfach zu schottisch abgestempelt. Mo Farah, der Olympiaheld von 2012, wird aufgrund seines Verhältnisses zum Skandal-Trainer Alberto Salazar den Dopingverdacht wohl nie mehr los. Und dann gibt es eben Lewis Hamilton, den lange oft belächelten Kronprinz, der an diesem Wochenende zum unbestrittenen König des Motorsports wurde.

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Mit seinem Sieg im Großen Preis von Istanbul sicherte sich Lewis Hamilton am Sonntag seinen siebten Weltmeistertitel in der Formel 1. Damit zog er mit Michael Schumacher gleich, dessen bisherige Bestmarke für die meisten Rennsiege er schon vor drei Wochen übertroffen hat. In jeder Sportart, und vor allem im Motorsport, sind Vergleiche zwischen den Generationen eigentlich Schwachsinn, doch zumindest statistisch gesehen ist Hamilton nun der erfolgreichste Pilot der Formel-1-Geschichte.

Dafür wird er natürlich auch in England ordentlich gefeiert. Trotzdem würden seine treuesten Fans wohl sagen, dass Hamilton nach wie vor nicht die Anerkennung bekommt, die er verdient hat. Siebenmal wurde der 35-Jährige nun für den prestigeträchtigen BBC-Preis für den Sportler des Jahres nominiert, nur einmal hat er ihn gewonnen. Womöglich liegt das auch daran, dass dieser Preis offiziell „Sports Personality of the Year“ heißt. Denn als Persönlichkeit hat Hamilton immer die Meinungen gespalten.

Mit Kritik und Vorurteilen hat er ja immer umgehen müssen

In diesem Jahr hat er allerdings in vielen Bereichen beeindruckt. Im Sommer hat Hamilton, der erste und immer noch einzige schwarze Formel-1-Pilot, fast im Alleingang dafür gesorgt, dass die Botschaft der Black-Lives-Matter-Bewegung auch im Motorsport ankam. Er ermutigte seine Kollegen zum symbolischen Kniefall und überredete seine Mannschaft, das traditionelle Mercedes-Silber der Ausrüstung mit Schwarz zu ersetzen.
In seiner zutiefst konservativen Sportart war das besonders bemerkenswert, zumal Hamilton auch auf Gegenwind gestoßen ist und von den Verantwortlichen alles andere als Rückendeckung bekommen hat. Der ehemalige Formel-1-Chef Bernie Ecclestone meinte etwa im Juni, dass „Schwarze oft rassistischer sind als Weiße“.

Darauf reagierte Hamilton gewohnt souverän. Mit Kritik und Vorurteilen hat er ja immer umgehen müssen. Früher wurde er oft als arrogant und oberflächlich charakterisiert, weil er Ohrringe trug, eine Popstar-Freundin hatte und im Privatjet flog. Wie er selbst öfter betont hat, passte er nicht ins Muster eines britischen Sporthelden. „Lewis ist ein Superstar, und so sind wir Engländer nicht. Wir sind eher reserviert“, sagte die britische Motorsport-Legende Stirling Moss bereits 2014.

Moss war eigentlich ein Hamilton-Fan, doch er hat so zum Ausdruck gebracht, womit viele Athleten in einer Ära des wachsenden britischen Nationalismus zu kämpfen hatten. Dass Hamilton, Murray oder Farah große Sportler sind, hat kaum jemand bestritten. Ihre „Britishness“ wurde aber oft und auf unterschiedliche Art und Weise subtil in Frage gestellt.

Hamiltons Verdienste nicht anzuerkennen, wäre trotzdem falsch

Wo er früher für seinen Lebensstil kritisiert wurde, wird Hamilton heutzutage eher Heuchelei vorgeworfen. Er setzt sich ausgerechnet als professioneller Autofahrer für den Veganismus und den Klimaschutz ein. Er äußert sich gegen Rassismus und für Menschenrechte, doch er legitimiert mit der Formel 1 auch Regime in Bahrain oder Saudi-Arabien, die Menschenrechte mit Füßen treten. Auch ihm wurde mal Sexismus unterstellt, weil er ein Podium-Girl mit Champagner bespritzt hatte.

Hamiltons Verdienste nur deshalb nicht anzuerkennen, wäre trotzdem falsch. Ein Heiliger ist er eben nicht, sondern ein Mensch. Ein Mensch, der sehr schnell Auto fährt, und in diesem Jahr einer immer anachronistischer wirkenden Sportart einen Weckruf gegeben hat, sowohl auf als auch neben dem Asphalt. Dafür wird er nicht überall in England geliebt. Doch man muss ja nicht nur geliebt werden, um Geschichte zu schreiben.