Karl Bloßfeldt wurde mit Pflanzenbildern zum Fotopionier

„In den weithalligen, verbauten und verschrobenen Gemächern und Korridoren der Berliner Malakademie gibt es ganz versteckt eine kleine Kammer, in der ein kräftiger Mann im besten Alter haust“, schrieb ein Rezensent 1929: „Sein Name ist Professor Bloßfeldt. (…) Sein Name ist fast über Nacht bekannt, wenn man will berühmt geworden…“

Karl Bloßfeldt, der hier so hymnisch angesprochen wird, war Professor an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin, die 1924 in den Vereinigten Staatsschulen aufgingen, einem der Vorläufer der heutigen Berliner Universität der Künste. 1930 ging Bloßfeldt in Pension, nah 32 Jahren als Lehrer der nur von ihm unterrichteten Klasse „Modellieren nach lebenden Pflanzen“.

Was ihn berühmt gemacht und ihm binnen eines reichlichen Jahres gut einhundert, oft enthusiastische Besprechungen eingebracht hatte, war das Buch „Urformen der Kunst“, 1928 im Berliner Wasmuth Verlag erschienen und über viele Jahre immer wieder neu aufgelegt. Es galt von Anfang an als ein Klassiker des „Neuen Sehens“, wie die sachliche Fotografie der späten 1920er Jahre von ihren Verfechtern genannt wurde.

Dabei hatte Bloßfeldt nichts anderes gemacht, als Pflanzen, genauer gesagt Teile von Pflanzen, von ihm präpariert, in Großaufnahmen abzubilden. Diese Fotografien sind weniger im Einzelnen, als vielmehr in ihrem Duktus ins kollektive Bildergedächtnis eingegangen. Ob Schwarzwurz, Distel oder der wie ein Bischofsstab gekrümmte „Haarfarn in 12-facher Vergrößerung“: Es sind diese im Wortsinne abstrahierten, nämlich von der natürlichen Umwelt gelösten Pflanzendetails, die unverändert frappieren.

Dass die Fotografien, wenngleich höchst kunstfertig in ihrer Herstellung, als Kunstwerke gelten sollten, hat Bloßfeldt überrascht. Er hat es hingenommen, als Anerkennung eines Lebenswerks, das mehr und mehr dem Vergessen anheim gefallen war. Bloßfeldt wollte, wie der Titel seines Unterrichts besagt, Kenntnisse an angehende Künstler vermitteln. Angefangen hatte er als Ornamentzeichner, was um die Jahrhundertwende einen integralen Lehrstoff der Angewandten Kunst bildete, in den zwanziger Jahren aber gänzlich überholt war.

Neues Sehen. Nigella Damascena (Spinnenkopf), um 1930 von Karl Bloßfeldt fotografiert.Foto: imago/Artokoloro

Bloßfeldts Lehre hatte sich überlebt, um als Kunst ihre Wirkung neu zu entfalten. Die Universität der Künste zählt ihn stolz zu ihrer Geschichte, zumal seit Kisten mit hunderten von verschollen geglaubten Fotografien und zudem Kontaktbögen aufgetaucht sind, die einen der Kunst ihrer Zeit ähnlichen Umgang mit Ausschnitten und Collagen zeigen.

Vieles ist in den Jahren seither publiziert worden, was Bloßfeldts Status als dem neben Albert Renger-Patzsch bedeutendsten Protagonisten der neusachlichen Fotografie befestigt hat. Dass diese Einordnung auf der Verkennung der ursprünglichen Absichten Bloßfeldts beruht, dringt dagegen nicht durch.

[Ulrike Meyer Stump: Karl Blossfeldt Variationen. Lars Müller Publishers, Zürich 2021. 516 S. m. zahlr. Abb., 45 €.]

Mit dem umfangreichen Buch, das die Züricher Historikerin Ulrike Meyer Stump als Ergebnis langjähriger Forschungen unter dem Titel „Karl Blossfeldt Variationen“ – in der Schweiz gibt’s kein „ß“ – vorlegt, wird erstmals ein vollständiger Blick auf die Genese wie auf die Rezeption der Pflanzenfotografie Blossfeldts möglich.

1865 im Harz geboren, hatte er Bildhauerei studiert, an eben jener Kunstgewerbeschule, an der er anschließend sein ganzes Berufsleben verbrachte. Im kurzlebigen Jugendstil, der seine Formen und seine reiche Ornamentik vorzugsweise aus der organischen Welt ableitete, fand Bloßfeldts Lehre positive Aufnahme. Sie ging ebenso schnell wieder vorbei.

Eine der Gründerfiguren der modernen Fotografie

Es war der Galerist Karl Nierendorf, der den Kunstcharakter der Pflanzenfotos erkannte und das Buch „Urformen der Kunst“ auf den Weg brachte. Es wurde ein enormer Erfolg – weil es eine Zeitströmung traf. Die 1920er Jahre waren die hohe Zeit der illustrierten Presse wie auch einer rapide zunehmenden Zahl von bebilderten Büchern. Bloßfeldts Aufnahmen, mit einer unförmigen, selbstgebastelten Plattenkamera sorgfältig produziert, trafen genau den Zeitgeschmack des unverfälschten Sehens.

In der enorm wirkmächtigen Ausstellung „Film und Foto“, die 1929 von Stuttgart aus wanderte und in Berlin just im Kunstgewerbemuseum – dem heutigen Gropius-Bau – Station machte, an dem Bloßfeldt lehrte, wurden fünf Aufnahmen aus den „Urformen“ gemeinsam mit Pflanzenfotos anderer Autoren wie Renger-Patzsch oder Aenne Biermann gezeigt.

„Heute gilt er als eine der Gründerfiguren der modernen Fotografie Deutschlands und sein Buch als eine Ikone der Fotobuchgeschichte“, urteilt Ulrike Meyer Stump: „Für Bloßfeldt war ,Urformen der Kunst‘ aber weder ein Fotobuch noch ein Kunstbuch, sondern ein Lehrbuch für die dekorative Kunst.“

Es verwundert nicht, dass der Fotograf selbst einen anderen Titel vorsah: Er machte zahlreiche Entwürfe für einen Einband mit dem Titel „Kunstformen der Natur“ – mit dekorativ verschlungenen Buchstaben, als ob er die Modernität seiner eigenen Arbeit nicht begreifen wollte. In einem unveröffentlichten Manuskript, das Meyer Stump zitiert, wehrte er sich dagegen, „meine Tätigkeit als eine Frucht der neuen Sachlichkeit abzustempeln“.

Für ihn war jede „rechte Handwerkskunst vollendete Sachlichkeit“: „Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, die nicht erst betont werden muss.“ Offenbar doch, wie der durchschlagende Erfolg der Pflanzenfotografien belegt. Sie zählen zu den Marksteinen der Fotografiegeschichte.