Kämpfen, lieben, hoffen

Fette Bässe und psychedelische Vibes: Alicia Keys spielt auf ihrem Album „Alicia“ souverän mit Genres.




Alicia KeysFoto: Sony

Prince, Bruce Springsteen, U2, die Stones – sie alle sind schon im ehrwürdigen Los Angeles Memorial Coliseum aufgetreten. Pandemiebedingt kamen in diesem Sommer zwar keine großen Namen hinzu, doch völlig still blieb es nicht in dem 1923 fertiggestellten Olympiastadion: Es wurde als Kulisse für Musikvideos entdeckt. So verlegte erst die Indierockerin Phoebe Bridgers das Finale ihres Clips zu „I Know The End“ auf das Spielfeld. Jetzt folgt Alicia Keys, die dem imposanten Bau eine Hauptrolle in ihrem Video zu „Lift Every Voice And Sing“ gegeben hat. Umringt von einem Mundschutz tragenden Chor steht sie zu Beginn vor einem der Rundbögen des Oberrangs, um dann mit der Gruppe in Richtung Innenraum zu schreiten.

Schwarze Hymne

Eine hochsymbolische Inszenierung, handelt es sich bei dem zunächst a cappela vorgetragenen Lied doch um die Hymne des Schwarzen Amerika. Von zwei Brüdern aus Jacksonville, Florida, um die vorletzte Jahrtausendwende herum verfasst, wurde es 1919 von der National Association for the Advancement of Colored People zu deren offiziellem Song erkoren. Seither ist er vielfach interpretiert worden, unter anderem von Beyoncé 2018 bei ihrem „Homecoming“- Spektakel auf dem Coachella Festival.

Genau wie ihre Kollegin singt Alicia Keys lediglich die erste Strophe, denn diese endet – anders als der religiös aufgeladene zweite Teil des Originals – mit einer kämpferischen Note. „Let us march on till victory“, singt Keys, wobei sie die letzte Silbe dramatisch nach oben zieht. Eigentlich heißt es „till victory is won“, aber die 39-Jährige möchte mit dem Siegesruf abschließen. Das hat mehr Power. Black Power genauer gesagt. Einige Mitglieder des komplett aus Schwarzen bestehenden Chors tragen Masken und Oberteile, die mit den Namen von afroamerikanischen Mordopfern bedruckt sind. Sie spannen einen Bogen von dem 1955 gelynchten Emmett Till bis zu Breonna Taylor und George Floyd, die in diesem Jahr getötet wurden.

Klar positioniert

Dass die Gruppe in einem Stadion auftritt, in dem sonst Football gespielt wird, lässt an die vom Quarterback Colin Kaepernick populär gemachte Protestform des Knieens während der Nationalhymne denken. Die Pose hat Keys in einem anderen Video aufgegriffen. Politisch engagiert ist die 2001 mit ihrem Debütalbum „Songs In A Minor“ bekannt gewordene Sängerin und Pianistin schon lange. Sowohl in ihrer Musik als auch abseits davon hat sie sich oft klar positioniert. Der Song „We Gotta Pray“, mit dem sie 2014 auf den gewaltsamen Tod von Eric Garner reagierte, ist nur ein Beispiel von vielen. Auch auf ihrem siebten, gerade erschienenen Album „Alicia“ befindet sich mit „Perfect Way To Die“ ein Black-Lives-Matter-Song. In der Klavierballade, die von der Mutter eines Mordopfers handelt, heißt es „Oh, another night to live in fear/ Oh, another night that you’re not here/ Another reason to get out there and fight“.

Ansonsten setzt Keys auf klassische Popthemen wie Liebe, Herzschmerz und Selbstbehauptung. So gesellt sich zu den gefühlvollen Duetten mit Miguel und Khalid das sanft pulsierende „3 Hour Drive“, in dem der Leidensgesang des britischen Musikers Sampha einen reizvollen Kontrast zu Keys Stimme bildet.

Eingebremste Männerstimme

Obwohl die größtenteils von Keys selbst produzierten 15 Songs fast alle in mittleren bis langsamen Tempi gehalten sind, ist das Album höchst abwechslungsreich geraten. „Time Machine“ kommt mit einem fetten Bass und leicht psychedelischem Vibe daher, während sich das direkt anschließende „Authors Of Forever“ – ein früher Höhepunkte der Platte – bestens für die Dance-, Chill-, und Romantikplaylists der Streamingportale eignet. Gekonnt spielt Keys mit der Dynamik, wenn sie den glitzernden R’-n’-B-Hit plötzlich einbremst und eine männliche Vocoderstimme auftauchen lässt. Dass der Text recht banal ist, stört kein bisschen.

Manchmal etwas streberhaft

Keys hat das Album als „genrelos“ bezeichnet, was es insofern trifft, als man es keinem einzelnen Stil zuordnen kann. Sie betreibt Genre-Hopping – und manchmal übertreibt sie es auch. Etwa bei dem streberhaft, aber seelenlos wirkenden Reggae-Stück „Wasted Energy“, das ihrem Gastsänger Diamond Platnumz erst am Ende ein wenig Platz einräumt. Einen ebenfalls nur kurzen, aber erstaunlicheren Auftritt hat Neo-Soul-Star Jill Scott: Sie spricht eine Strophe des nach ihr benannten Songs, in dem Alicia Keys sie imitiert – ziemlich gut natürlich. „Kiss on me, kiss on me/ Kiss on me in the daytime/ Yeah, the whole show/ So they can all know“, singt sie im hohen Register, begleitet von einem stolprigen Schlagzeug und dezenten Orgelakkorden.

Kooperation mit dem Goldjungen

Eine epochale Kooperation wie die mit Jay-Z bei „Empire State Of Mind“ befindet sich nicht auf „Alicia“, ein Pop-Hit aber sehr wohl: Die Vorab-Single „Underdog“ (33 Millionen Youtube-Klicks) klingt immer noch frisch und mitreißend. An der zackig geschlagenen Akustikgitarre hört man, dass der britische Goldjunge Ed Sheeran seine Finger im Spiel hatte, wobei Keys den Song durch den Gesang ganz zu ihrem macht. Ihr Klavier tritt erst spät in Erscheinung, was auch für den Rest der Platte gilt, deren Cover die Musikerin von allen vier Seiten zeigt. Das erinnert ein wenig an Polizeiaufnahmen, wobei hier knallbunte Hintergründe benutzt wurden. Photoshop kam sicher auch zum Einsatz, Make-up hingegen nicht, denn das trägt Keys schon seit einigen Jahren nicht mehr.

Bewegender Dank

Dass sie auch die musikalische Reduktion beherrscht, zeigt Alicia Keys auf dem Album immer wieder. Programmatisch der letzte Song „Good Job“: Mit wenigen Pianoakkorden macht sie ihn zu einer bewegenden Dankeshymne an die Menschen, die zu Beginn der Pandemie besonders hart gearbeitet haben. Eine Verbeugung – und ein Ohrwurm („Alicia“ von Alicia Keys ist bei RCA/Sony erschienen).