Jesus kam bis Matera

Die Löcher fürs Kreuz sind noch da. Dort wirst du sterben, erklärt Milo Rau seinem Jesus-Darsteller, dem Politaktivisten Yvan Sagnet, und zeigt auf das felsige Gelände vor Matera. Der geschichtsträchtige süditalienische Ort war nicht nur Europäische Kulturhauptstadt 2019, sondern auch Schauplatz von Pasolinis und Mel Gibsons Jesus-Filmen aus den Jahren 1964 und 2004. Das Golgatha von damals kann die Crew nun wieder nutzen. Auch eine Art, nachhaltig zu drehen.

Die Bibel, die archaische Landschaft, und die Gesichter von heute. Gesichter von Geflüchteten, die die Wüste und das Mittelmeer durchquert haben, die jetzt in Elendsbaracken hausen und als Tomaten- oder Orangenpflücker malochen. Das Gesicht von Jesus-Darsteller Sagnet, der mit den Geflüchteten eine „Revolte der Würde“ organisiert und Mitstreiter um sich schart, wie Jesus die Jünger. Und die der Bewohner der Region Basilicata, Kleinbauern, alte Leute, junge Wilde.

Manche dieser Männer und Frauen haben schon bei Pasolini oder Gibson mitgespielt, oder beim neuen Bond-Film. Laien, Charakterköpfe, vom Leben gegerbt: Schon die Close-ups (Kamera: Thomas Eirich-Schneider) lohnen den Film das alte Wort Antlitz kommt einem in den Sinn. Viele sind von der gleichen schroffen Schönheit wie die Landzunge und der Höhenzug, auf dem Matera liegt. Ein Hauch von Neorealismus liegt über der Szenerie.

Milo Rau mischt Bibel und Gegenwart, Filmszenen und Making-Of

Der Schweizer Theater- und Filmemacher Milo Rau setzt in all seinen Dokumentarprojekten auf die Interferenzen zwischen Realität und Fiktion, auf das Unberechenbare, wenn die Sphären sich berühren und mischen. Auch „Das Neue Evangelium“ ist ein solches Amalgam: die Kreuzigung nach Matthäus, soziale Proteste gegen die mafiöse Agrarwirtschaft, ein schwarz-weißer Kinoklassiker, ein neuer Film und sein Making-of: Gewöhnlich möchte man all das lieber fein säuberlich getrennt sehen. Wo beginnt die Fiktion? Der 43-jährige Rau lässt das oft in der Schwebe.

Auch deshalb sind seine auf Recherchen basierenden Produktionen oft von Protesten oder politischen Schikanen begleitet, bei „Breiviks Erklärung“ genauso wie bei „Das Kongo Tribunal“ oder „Die Moskauer Prozesse“. Mit „Five Easy Pieces“, einem verstörenden Stück über die Verbrechen und die Opfer des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, war Rau 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In Berlin inszenierte er zuletzt “Everywoman” an der Schaubühne, gemeinsam mit Ursina Lardi.

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Jetzt also die Passionsgeschichte. Ein Vexierbild, eine Versuchsanordnung. Mit Leinengewändern über den Jeans, mit Musik von Mozart, Pergolesi und Wagner und mit Enzo del Res melancholischem Song „Lavorare con lentezza“ zur Akustikgitarre. Selig, die ihr verfolgt seid. Wer von Euch ohne Sünde ist. Siehe, ich bin bei Euch alle Tage. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind … Wie funktionieren die Bibel-Sätze heute?

Das Abendmahl wird auf Plastikstühlen zelebriert, auch Frauen sind unter den Jüngern, die meisten sind Moslems. Der Bürgermeister von Matera hilft lieber als Simon von Kyrene beim Kreuztragen, als den Part von Pilatus zu übernehmen – er denkt wohl an sein Image. Kulturhauptstadt-Touristen fragen Petrus nach Jesus, und der leugnet drei Mal, dass er ihn kennt. Geflüchtete erinnern sich an die Finsternis auf dem Mittelmeer, an die Leichen im Wasser, ihre Gottverlassenheit. Jesus geht übers Wasser, woran sollen sie glauben? Und ein junger, kraftstrotzender Mann, der einen Schächer spielen wird, peitscht beim Casting einen Stuhl aus und erzählt rassistische Witze.

Alles nur inszeniert? Die Not der Illegalen, die Gewalt der Folter und der Kreuzigung Jesu, die Rau nicht beschönigt, die Proteste gegen die Räumung eines Flüchtlingslagers, das wütende „Volk“, das den Anführer gehängt sehen will – die Bilder schieben sich übereinander. Mitten in der Gegenwart herrschen biblische Verhältnisse.

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Auch die Filme schieben sich übereinander. Maia Morgenstern, die Maria aus Mel Gibsons „Passion Christi“, tritt noch einmal als Muttergottes auf. Der greise Pasolini-Jesus Enrique Irazoqui (er starb im September) tauft den schwarzen Jesus und führt ihn als Johannes der Täufer in seine Rolle ein.

Yvan Sagnet, der schwarze Jesus, hat die Nonprofitorganisation “No Cap” gegründet

Yvan Sagnet weiß, was Leiden bedeutet: 2007 kam er zum Studium aus Kamerun nach Turin, verlor 2011 sein Stipendium, verdiente einen Hungerlohn auf den Tomatenfeldern in Süditalien und organisierte den ersten Migrantenstreik. Eine charismatische Figur, ein Sozialrevolutionär von heute. Der Film feiert Sagnet, nüchtern, eindrücklich: Milo Rau ist kein Journalist, er kann sich mit einer guten Sache gemein machen.

Im Supermarkt von Matera steht heute Tomatensoße aus fairer Produktion im Regal, mit dem Label von Sagnets Organisation „No Cap“, die geflüchteten Erntehelfern zu ihren Rechten verhilft. Erlösung ist möglich. Aber sie ist ein Zukunftsprojekt: Hunderttausende Geflüchtete, nicht nur in Italien, sind weit entfernt von einem menschenwürdigen Dasein.
Ab 17. Dezember als Streaming: digitale Tickets auf www.dasneueevangelium.de, für 9,99 Euro, günstigere Gruppentickets ab 20 Personen. 30 Prozent davon kommen einem Kino der eigenen Wahl zugute. Aus Berlin sind das Filmkunst 66, Intimes, Zukunft am Ostkreuz und die Tilsiter Lichtspiele dabei.