Ist die Saison gelaufen?

Seit November ist die Kultur geschlossen. Zum zweiten Mal seit Ausbruch der Pandemie. Kulturstaatsministerin Monika Grütters machte sich vor der Ministerpräsident:innen-Konferenz am Mittwoch für die „Berücksichtigung der Kulturszene“ stark: „Nicht nur weil die Kultur- und Kreativbranche ein so wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sondern auch weil Kultur kein Luxus ist, den man sich nur in guten Zeiten gönnt.“ Ein verantwortungsvoller Neustart sei möglich, so Grütters.

Untermauert wird ihr Plädoyer durch ein „Eckpunkte-Papier zur Wiedereröffnung des Kulturbetriebes unter Pandemiebedingungen“, das vom Bundesumweltamt in Kooperation mit Grütters’ Behörde erstellt wurde. Kinos, Theater, Konzerthäuser mit „sitzendem“ Publikum und Einrichtungen mit „beweglichem“ Publikum wie Museen und Bibliotheken könnten durch leistungsfähige Lüftungsanlagen, Abstand und dem Tragen von Masken sicher öffnen; Aufenthalte von 2 bis 2,5 Stunden seien möglich, auch mit einzelnen Infizierten im Raum. Das Papier enthält Checklisten und Beispielrechnungen für individuelle Öffnungskonzepte.

Der Shutdown wird bis 28. März verlängert. Am 22. März konferiert auch wieder die Corona-Runde im Kanzleramt. Klare Perspektiven sind das wieder nicht. Viel zu viele organisatorische Fragen sind nicht geklärt. Das Thema Kultur wurde am Mittwoch im Grunde nur wieder vertagt.

MUSEEN UND GALERIEN

Die Berliner Gemäldegalerie lässt sich jetzt digital erkunden. Der 360-Grad- Rundgang durch 58 Säle ist fertig, hieß es stolz aus den Staatlichen Museen. Man wundert sich: Ein Jahr hat die Entwicklung gedauert. Weil der Rundgang ehrenamtlich von einem Mitglied des Fördervereins erstellt wurde.

Nicht alle Museen tun sich mit ihrer Digitalstrategie derart schwer, aber alle wünschen sich wieder analoge Gäste. Wenn es bei der Beschlussvorlage vom Mittwoch bleibt, können Häuser wie der Gropius Bau hoffen: Eigentlich sollte dort am 19. März die verschobene Ausstellung der japanischen Starkünstlerin Yayoi Kusama starten. In Berlin liegt die Inzidenz derzeit bei 68,5, Tendenz steigend. Trotzdem könnte die Kusama-Schau womöglich beginnen. Auch der Deutsche Museumsbund forderte zeitnahe Öffnung en und betont die gesellschaftliche Bedeutung der Museen. „Vor dem Hintergrund der zunehmenden psychischen Belastung und Vereinsamung kann der Museumsbesuch ein wichtiger Lichtblick sein, der Halt und Hoffnung gibt.“ Den privaten Galerien geht es vielleicht schon ab 8. März besser: Laut Beschlussvorlage darf der Einzelhandel dann wieder für „Terminshopping“ öffnen. Interessierte könnten nach Vereinbarung auch in die Galerie, unter Hygieneauflagen . Birgit Rieger

LITERATUR

Es schmerzte etwas, als der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergangene Woche von Bund und Ländern die Öffnung der Buchhandlungen mit der Formulierung forderte, dass die Gesellschaft nicht länger auf ihre „geistigen Tankstellen“ verzichten könne. Doch lässt sich so was leichter verschmerzen, wenn die Buchhandlungen tatsächlich am kommenden Montag, den 8. März, öffnen. Bundesweit geschlossen waren sie sowieso nicht, in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt ließen sich auch seit dem Shutdown am 16. Dezember Bücher vor Ort kaufen. In den anderen Ländern war es bisher zumindest möglich, online zu bestellen und das Bestellte im Laden abzuholen.

Auch die Buchbranche kämpft: Verlage melden Umsatzrückgänge, manche Buchhandlung steht vor dem Aus, die Buchmessen fallen aus. Trotzdem veröffentlichen die Verlage wahnsinnig viele neue Bücher, nur dass diese nicht live vorgestellt werden können. Was wiederum für Autoren und Autorinnen bedeutet, auf wichtige Einnahmequellen verzichten zu müssen.

Die Literaturhäuser haben ihre Programme seit März 2020 konsequent digitalisiert. Auch in Berlin werden Veranstaltungen im März ausschließlich gestreamt. Was den April und die Folgemonate angeht, wartet man ab. Beim LCB wäre man flexibel, wie Thomas Geiger sagt; im Brecht Haus verhält es sich genauso. Hier sieht der neue Leiter Christian Hippe die Hybridmodelle aus Live-Veranstaltung und digitaler Übertragung sogar als Chance für die Zukunft. Und das mit dem „geistigen Tanken“? Ach, da findet sich vielleicht nach der Pandemie ein Lektorat für den Börsenverein, das solche Formulierungen streicht. Gerrit Bartels

KINO

Am Sonntag haben sie geleuchtet. Nicht mit Filmtiteln auf den Anzeigentafeln, sondern mit Werbung in eigener Sache. Die „Kinos haben ,Keine Zeit zu sterben‘ “, stand da zum Beispiel, in Anspielung auf den vielfach verschobenen neuen Bond-Film: Die bundesweite Leuchtaktion der Filmtheater sorgte für mediale Aufmerksamkeit. Sie ist auch dringend notwendig, denn während die Novemberhilfen nach wie vor nicht vollständig ausgezahlt sind und die Überbrückungsgelder III auf sich warten lassen, glaubt keiner mehr so recht an die Erfüllung des Wunsch-Öffnungstermins zu Ostern.

Immerhin, „wir sind jetzt sichtbar“, sagt Christine Berg, Chefin des Hauptverbands der Filmtheater. „Die Politik hat uns auf dem Radar, wir sind eingeordnet, bei der Außengastronomie.“ Beim letzten Corona-Gipfel tauchten die Kinos gar nicht erst auf. Deshalb wertet Berg die Vorschläge der Ministerpräsidentenkonferenz positiv. Endlich würden ihre Hygienekonzepte ernst genommen.

Falls es der 22. März als frühester Termin auch für die Kinos werden sollte, hilft allerdings ein Szenario wenig, das auf stabilen Inzidenzwerten basiert. Das sieht eher nach Sommer aus, und nach dem Winter wäre auch die Frühlingssaison verpasst. An lauen Sommerabenden gehen die Menschen wenig ins Kino; nach über einem Lockdown-Jahr dürften es 2021 noch weniger sein. Dramatische Aussichten: Eine halbwegs anständige Auslastung wäre frühestens im Herbst möglich.

Also testen, impfen, schnelltesten? Christine Berg wähnt sich in einer gebetsmühlenartigen Wiederholungsschleife, wenn sie die Besonderheiten der Filmbranche betont. Zum einen braucht die Branche einen vierwöchigen Vorlauf, um Filme bewerben und an den Start bringen zu können. Zum anderen hilft nur eine bundesweit einheitliche Regelung: Starts im Länderflickenteppich rechnen sich nicht. Schon gar nicht, wenn in „einzelnen Regionen“ auch Kinos bei niedrigen Werten Besucher einlassen dürfen. Die Forderung nach Einheitlichkeit war schon letzten Sommer ignoriert worden. Und drittens müssten die Teststrategien mit den Betroffenen erörtert werden.

„Wenn Schnelltests eingesetzt werden sollen, dann muss die Politik mit uns reden“, sagt Berg. „Wer bezahlt die Tests? Wer führt sie durch?“ Solche Tests unmittelbar vor einem Filmbesuch gingen an der Realität vorbei, „da sitzen wir mit den anderen in einem Boot“. Denn wie bei den Theatern und den Konzerthäusern wären zeitraubende Warteschlangen für ein anschließendes 90-Minuten-Programm absurd. Können nur das Wetter, Biontech, Astrazeneca und Co. die Kinos vor der Insolvenz bewahren? Christiane Peitz

POPFESTIVALS/CLUBS

In den Clubs bleibt es düster, aber vor der Tür wird es allmählich etwas sonniger. Zumindest entsteht dieser Eindruck im Gespräch mit Lutz Leichsenring, dem Sprecher der Berliner Clubcommission. „Veranstaltungen auf Innenflächen stehen gerade nicht zur Debatte“, sagt Leichsenring. „Aber wir gehen davon aus, in den nächsten Wochen Open Airs veranstalten zu können.“ Im vergangenen Sommer hätten an manchen Wochenenden bis zu 60 Events stattgefunden, „die Infektionszahlen blieben trotzdem niedrig“.

Die Erfahrungen sollen jetzt helfen, bei milderen Temperaturen erneut einen Außenbetrieb zu ermöglichen. „Hinzu kommen ja jetzt auch noch die angekündigten Schnelltests“, sagt Leichsenring. Gerade seien sie dabei, Konzepte zu entwickeln, für welche Veranstaltungen sie sich eignen könnten und wann eingezeichnete Sitz- oder Tanzreihen sinnvoll wären.

„Außerdem schauen wir gespannt in die Niederlande.“ Dort werde derzeit mit verschiedenen Formaten und Hygienekonzepten experimentiert. Die Ergebnisse soll es im April oder Mai geben . Und die Mutationen? „Wenn die Risikogruppen geimpft sind, muss das Leben für alle anderen irgendwie wieder losgehen können. Dann halt auf eigene Gefahr – wie beim Skifahren auch.“

Und die großen Festivals, auch im Ausland? Das Primavera, ein Open-Air-Festival in Barcelona, wurde auf 2022 verlegt. Andere sind unentschlossen. Auf der Homepage des portugiesischen Boom- Festivals steht: „Wir sind uns bewusst, wie wichtig es für euch ist, eure Reise frühzeitig zu planen, aber wir müssen erst mal für eure Gesundheit und sichere Hygienekonzepte garantieren können.“ Vom Roskilde-Festival in Dänemark hieß es Ende Februar dagegen entschlossen, man halte weiterhin an der Planung für diesen Sommer fest. Auch die deutschen Festivals Rock am Ring und Rock im Park sollen im Juni stattfinden, ebenso wie das Melt. Die Line-ups stehen schon. Das Lollapalooza hat noch nichts von sich hören lassen. Die letzten Einträge auf der Homepage stammen von 2020. Joana Nietfeld

OPERN- UND KONZERTHÄUSER

Es sind ernste und bestimmte Töne, die die Berliner Generalmusikdirektoren und Chefdirigenten vor dem Corona-Gipfel gegenüber der Kanzlerin anschlugen: „Räumen Sie der Kultur im Rahmen der Öffnungsszenarien den Platz ein, den die Studienlage zum Infektionsgeschehen für ZuschauerInnen in Theatern und Konzerthäusern legitimiert und den das Grundrecht auf Kunstfreiheit dringend erforderlich macht.“ Zusammen mit den Intendant:innen der Berliner Konzert- und Opernhäuser, Orchester und Theater forderten sie die Öffnung „zum nächstmöglichen Zeitpunkt, auf jeden Fall aber in Gleichklang mit dem Einzelhandel“. Aber die Zeit der Absagen wird weitergehen: Die Komische Oper hat bereits den April abgehakt, die Philharmoniker sagten ihre Spanien-Tournee im Mai ab.

Die Sommerfestivals wollen hingegen die Hoffnung nicht aufgeben, viele haben ihr Programm veröffentlicht. Die Bayreuther Festspiele wollen neben den Opern auch diverse Performances im Freien rund um das Festspielhaus zeigen. Das Schleswig-Holstein Musikfestival gibt das Motto „Ins Grüne!“ aus : Rund zwei Drittel der 156 Konzerte sollen open air stattfinden, 21 Freiluft-Spielstätten werden dafür erschlossen. In Berlin hat das Festival Young Euro Classic laut Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert Lottomittel in Höhe von 300 000 Euro beantragt, um das Jugendorchestertreffen aus dem Konzerthaus auf den Gendarmenmarkt verlegen zu können – mithilfe einer hochwertigen Soundanlage. Ulrich Amling/Frederik Hanssen

THEATER

Der Friedrichstadt-Palast wird seine „Vivid Grand Show“ nicht wieder aufnehmen. Intendant Berndt Schmidt sagt: „Liebend gern hätten wir von April bis Juni gespielt, denn solch ein Ende hat eine so grandiose Produktion nicht verdient.“ Ein kostendeckender Spielbetrieb sei bei einer Produktion mit mehr als hundert Mitwirkenden aber nicht möglich. Realistisch betrachtet wird es vor Mai nichts werden mit der Öffnung der Theater. Und auch das ist noch eine optimistische Vision. Schnelltests, Schlangen am Eingang, Lüftungsanlagen – all das wird auch erprobt werden müssen.

Die Nachricht aus dem Friedrichstadt-Palast passt in diese Zeit. Seit Mitte März 2020 ruhen die Bühnen in Unfrieden. Nur im letzten Herbst gab es ein Intermezzo in der Pandemie. Der Rest ist Schweigen, Stillstand, Isolation. Daran ändern auch vielfältige Streaming-Aktivitäten kaum etwas. Die Volksbühne zeigt digital die Produktion „Metamorphosen /overcoming mankind“ nach Ovid und fragt auf ihrer Webseite: „Ist die Menschheit noch zu retten?“ Kulturpessimismus gehörte früher zur Grundausstattung. Im Moment ist Schwärze schwer zu ertragen.

Die Menschen sehnen sich nach Theater, nach Unterhaltung und Austausch. In einem Brief an die Kanzlerin formuliert es Carsten Brosda, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, so: „Wir appellieren dringend, dass bei entsprechend niedriger Inzidenzzahl die Öffnung von Theatern, Museen und Konzerthäusern vorrangig ins Auge gefasst wird.“ Es fehlen, so heißt es da, „unserer Gesellschaft zentrale Orte des soziokulturellen Miteinanders, der wertebildenden Orientierung und des Diskurses in unserer Demokratie.“ Natürlich wirken solche Appelle defensiv – weil das Theater, bitter genug, etwas mit dem Virus gemein hat. Es ist auf menschliche Nähe angewiesen, auf Begegnung. Etwas anders sieht es aus, wenn man im Sommer draußen spielen kann.

Am 13. März, dem Jahrestag der Schließung, wollen Theater in aller Welt ein Zeichen setzen. Von Athen bis Vancouver, von Auckland bis Panama spielen sie – online – unter dem Motto „Let There Be Theater“ ein Stück des in Berlin lebenden Iraners Nassim Soleimanpour. „White Rabbit, Red Rabbit“ gilt als eines der meistgespielten Theaterstücke der Welt. In Berlin nimmt das English Theatre teil, mit Gayle Tufts: Die Darstellerin bekommt den Text erst zu Beginn der Vorstellung ausgehändigt. Daraus entwickelt sich ein Spiel, bei dem es um die Existenz geht. Rüdiger Schaper