Iranische Fotografen verarbeiten die Geschichte ihres Landes

Kaum war die Fotografie 1839 in Frankreich erfunden, verbreitete sie sich ab 1842 auch im absolutistischen Persien. Schah Nasir al-Din Shah Qajar, der in den Jahren von 1848 bis 1896 herrschte, war selbst ein begeisterter Fotograf. Er lichtete seine Frauen und Kinder gerne in prächtigen Kostümen ab und versah sie mit modernen, westlichen Accessoires, zum Beispiel mit einem Fahrrad oder einer Puppe.

Shadi Ghadirian, 1974 geboren, eine der bedeutendsten Fotografinnen Irans, hat sich diese Inszenierung aus der frühen Qadscharendynastie zum Vorbild genommen und Frauen von heute im Dekor von damals inszeniert. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich um zeitgenössische Fotografien handelt. Etwa wenn sich eine Pepsi-Dose oder eine Sonnenbrille in die Darstellungen mogeln.

Die Fotografien waren in der Ausstellung „Capturing Iran’s Past. Fotokunst“ Ende 2019 zusammen mit Werken der iranischen Fotokünstlern Teraneh Hemami, Arman Stepanian und Najaf Shokri im Museum für Islamische Kunst im Mschatta-Saal ausgestellt. Wer die sehenswerte Schau moderner Fotografie aus Iran verpasst hat, kann sie sich nun auf Google Arts & Culture zu Hause anschauen.

Die virtuelle Ausstellung thematisiert die Auseinandersetzung der vier Fotografinnen und Fotografen mit Themen wie Migration, Erinnerung, Identität, Rebellion, Krieg und Gemeinschaft. „Können Künstler*innen Geschichte vermitteln?“, „Sind Fotos Vergangenheit oder Gegenwart?“, lauten einige der am Anfang der Präsentation eingeblendeten Fragen. Ein schnell geschnittener Videoclip führt in die Themen der Ausstellung ein. Die Schau zeigt jeweils einige Fotos jeder Künstlerin, zoomt im nächsten Klick auf Details und versieht die Bilder mit erklärenden Texten.

Welche Rolle Fotografien für die Erinnerung spielen, zeigt der 65-jährige Künstler Arman Stepanian in den Serien „Gravestones“ (2004) und „Doorbells“ (2000). Unter anderem platzierte er historische Familienporträts iranischer Armenier auf Grabsteinen und fotografiert diese. Armenier betrieben Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Fotostudios in Persien – die Collagen zeigen typische Inszenierungen von Familien und Einzelpersonen.

Subtile Farbstillleben

Grafisch reizvoll sind die Arbeiten des 1980 geborenen Fotografen Najaf Shokri, der in seinen Serien alte Personalausweise verarbeitet. Die Dokumente stammen aus Abfallbehältern im Hof des Einwohneramtes von Teheran und sind in den 1940er-Jahren ausgestellt. Shokri hat sie gescannt und mit weiteren Fotos kombiniert.

Nach der iranischen Revolution 1979 benötigten die Bürger und Bürgerinnen neue Ausweise. Frauen sind für die Passfotos damals ohne Kopfbedeckung fotografiert worden – Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit. Die zahlreichen Stempel ergeben ein reizvolles Muster einer vergangenen, offiziellen, aber auch individuellen Identität.

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Die iranisch-amerikanische Fotografin Teraneh Hemami hat sich in ihrer Langzeitserie „Hall of Reflections“, die von 2000 bis 2012 entstand, mit dem Schicksal iranischer Migranten auseinandergesetzt. So hat sie Briefe und leicht verfremdete Fotos iranischer Migranten in Kalifornien zu Erinnerungsbildern komponiert, die an eine verlorene Heimat denken lassen. Die Bilder sind auf Spiegel gedruckt, einem klassischen persischen Architekturelement.

Subtil sind die Farbstillleben von Shadi Ghadarian aus der Serie „Nil Nil“, in der sie Alltagsgegenstände im Detail fotografiert. Die vermeintliche Idylle wird gestört: eine Gewehrpatrone steckt im Zigarettenetui, eine Handgranate in der Obstschale. Der blutige Krieg gegen den Irak von 1980 bis 1988 ist im iranischen Alltag noch schmerzhaft präsent. Die Ausstellung, die linearer angelegt ist als im Museum, gibt Einblicke in eine kaum bekannte Welt, in der die Fotografie von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt hat.