In „Vront“ kämpfen Jugendliche gegen den Überwachungsstaat

Yves Grevets Thriller fragt, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, die sich einem Unternehmen ausliefert. Dabei lässt er Raum für eigene Antworten.




Die virtuelle Welt vergisst nicht. Lager für Magnetbänder, notwendig zur Vorratsdatenspeicherung.Foto: Christian Charisius/dpa

Dieser Staat ist vorbildlich, er kümmert sich um seine Bürger. Seit zwanzig Jahren müssen sie sich einen Chip der Firma LongLife implantieren lassen.

„Der Mikroprozessor analysiert laufend die Blutströme und macht die geringsten Auffälligkeiten aus. Heute stirbt niemand mehr an Krebs. Zugleich kontrolliert und reguliert das Implantat auch den Herzschlag. So kann es Infarkte verhindern“, erzählt der 14-jährige Stan im dystopischen Roman „Vront“ von Yves Grevet.

Das Buch spielt in nicht allzu ferner Zukunft. Alles scheint in Ordnung zu sein. Wirklich?

Aber Stans 17-jähriger Bruder Scott sitzt im Gefängnis. Er soll der Anführer der Geheimorganisation „Vront“ sein, die der allmächtigen Firma LongLife den Kampf angesagt hat. „LongLife, deine Macht macht uns Angst!“, stand an einer Wand in der Schule, doch die Aufschrift wurde schnell entfernt.

Mit LongLife legt man sich besser nicht an. Aber Scott hat sich gegen die totale Überwachung gewehrt und kämpft für die Freiheit. Durch die Sabotage am System soll er für den Tod eines Schülers verantwortlich sein, dem man wegen seines deaktivierten Chips nicht mehr helfen konnte. „Vront“ ist aber so geheim, dass selbst Stan nicht weiß, was sein Bruder genau treibt.

Die Gefahr fürsorglicher Überwachung

Grevet erzählt tagebuchartig zunächst aus Stans Perspektive. Hilfe bei seinen Recherchen bekommt er von Lottie, deren Schwester Lisa auch bei „Vront“ ist. Allmählich wird Stan klar, wie gefährlich die fürsorgliche Überwachung ist.

Sogar seine Urgroßmutter Sylvia sympathisiert mit den jugendlichen Rebellen: „Wenn du über hundert bist, darfst du nicht mehr allein entscheiden, was gut für dich ist. Deine Kinder und Enkel übernehmen das für dich“, sagt sie.

[Yves Grevet: Vront. Was ist die Wahrheit? Aus dem Französischen von Nadine Püschel. Mixtvision, München 2020. 476 Seiten, 19 €. Ab 14 Jahren]

Womit sie den Widerstand der Jugendlichen meint. Stan besucht sie einmal im Monat im Altersheim, die Bilanz der alten Dame fällt bitter aus: „Wenn das alles ist, was einem ein langes Leben bringt, dann frage ich mich, ob es das wert ist.“

Darf man für seine Freiheit kriminell werden?

Grevet, dessen Romantrilogie „Méto“ in Frankreich ein Bestseller wurde und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, weiß, wie man Suspense entwickelt. Als Scott aus dem Gefängnis entlassen wird, benimmt er sich weiterhin geheimnisvoll.

Und dann findet Stan seinen Abschiedsbrief: „Wenn du dies liest, bin ich tot.“ Woraufhin Grevet die Perspektive wechselt und noch einmal von vorne anfängt, nur dass er jetzt Scott erzählen lässt. Weitere „Vront“-Aktivisten, die zur Geheimhaltung ihre Namen durch Zahlen ersetzt haben, vervollständigen das Bild.

Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, die sich einem Unternehmen ausliefert? Welche Gefahren drohen durch Missbrauch in dieser gläsernen Welt? Ähnliches hat George Orwell schon vor siebzig Jahren in seinem Klassiker „1984“ erzählt, aber man kann auch an das aktuelle chinesische Modell eines Überwachungsstaates denken.

Grevet, der lange Zeit als Lehrer gearbeitet hat, weiß, dass einfache Antworten falsche Ratschläge sein können. Er legt sich nicht fest, lässt dem Leser Raum, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Darf man für seine Freiheit kriminell werden? Lohnt es sich, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen? Kann man dem Staat trauen? Grevet stellt brennende Fragen, verpackt in einen Roman, der einen nicht mehr loslässt.