In diesem Buch sind alle Katzen Kunstikonen nachempfunden

Sie tritt als Madame Pompadour auf, als Miezekatze mit dem Perlenohrring, als Ikone mit Goldgesicht, mit Picasso-Nase und Pollock-Farbspritzern oder in Graffitimanier: In diesem Buch sind alle Katzen Kunst. Wenn die britische Künstlerin Nia Gould in ihrer ersten Veröffentlichung zum Streifzug durch „Eine Geschichte der Kunst in 21 Katzen“ lädt, macht sie sich ein Vergnügen daraus, ihr eigenes Lieblingstier nach Art der Epochen zu malen.

Deren Stilmerkmale werden anschließend auf jeweils einer Doppelseite auseinandergenommen, von der ägyptischen Farbenlehre über den groben Farbauftrag der Symbolisten bis zum Konzepttier der Young Britisch Artists – samt Spiegeleier-Brüsten à la Sarah Lucas und knallbunten Punkten von Damien Hirst.

Lehrreich? Vor allem verspielt. Bei dieser kursorischen, nicht auf Vollständigkeit bedachten Geschichtsstunde geht es nicht um die Katze in der Kunst (darüber gibt’s einige Bücher), sondern um die Kunst, die in der Katze steckt. Zum einen erweisen sich etliche der 21 Katzen als fabelhafte Gesamtkunstwerke, die von den Stars der jeweiligen Strömung gewissermaßen gemeinsam kreiert wurden.

Da stakst die impressionistische Katze im Degas-Ballett-Tutu über einen Monet’schen Seerosenteich, während ihre postimpressionistische Kollegin mit verbundenem Van-Gogh-Ohr (und Sonnenblume hinter dem anderen) vor rotbackigen Cézanne-Äpfeln hockt.

Die Dada- Katze wiederum rollt mit Hannah-Höch- Auge und Duchamp-Koffer auf Picabia-Zahnrädern durchs Bild, während das goldschimmernde Klimt-Tier eine Ensor’sche Totenkopfmaske apportiert.

Katzen und Kunst sind verblüffend kongenial

Zum anderen kommt hier zusammen, was offenbar seit jeher zusammengehört. Ob eckige (Kubismus) oder zebra-artige Schnurrhaare (Art Déco), ein Heiligenschein aus byzantinischen Mosaiksteinchen, das Mona-Lisa-Lächeln oder Warhols gestapelte Kitty-Dosen: Auf jeder Seite dieses ungewöhnlichen Bilderbuchs erweisen sich Katzen und Kunst als verblüffend kongenial.

Vielleicht ja deshalb, weil der Katze von Natur aus etwas Mysteriöses anhaftet. Ihr unergründliches Wesen zwischen Diva und Spielernatur, Pose und Posse, eignet sich jedenfalls bestens, um die Kunst zu Kapriolen in eigener Sache zu animieren.

Ich sehe was, was du nicht siehst. Auch die Texte von Diana Vowles und Jocelyn Norbury erlauben es Kindern wie Erwachsenen, sich schnurstracks ein bisschen Expertenwissen anzueignen. So offenbart die „vornehme Missbilligung“ im Horus-Auge der altägyptischen Katze ihren gottgleichen Status.

[Nia Gould: Eine Geschichte der Kunst in 21 Katzen. Texte: Diana Vowles und Jocelyn Norbury. A. d. Englischen von Elisa Valérie Thieme. Bastei Lübbe, Köln 2020. 96 S., 12 €. Ab 12 Jahren.]

Dem liebevoll hingetupften, kunterbunten pointilistischen Vierbeiner sind Hinweise zu optischen Täuschungen und den damals bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Wahrnehmung beigesellt. Das hinter Scherenschnitten versteckte Fauvismus-Exemplar verrät, dass Henri Matisse erstmals zur Schere griff, als er krankheitsbedingt nicht malen konnte. Und der Realismus der Renaissance wird anhand naturalistisch flauschiger Fellzeichnung ebenso unmissverständlich wie bei der kurzen Erläuterung neuer Maltechniken und Farbmaterialien.

Eine Katze ist eine Katze ist eine Katze? Von wegen. Die knallblaue Revoluzzer-Variante des Cobra-Kollektivs trägt löwenartige Züge. Und bei der surrealistischen Mieze ist außer dem Schnäuzchen und dem geschwungenen Schnurrbart (zufällig auch ein Markenzeichen Salvador Dalís) wenig übrig vom Original. Krebsscherenhände, Fischschwanz, Magrittes Melone auf dem Kopf, dazu ein Zitat von Paul Klee: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar“. Das Gleiche, weiß man am Ende dieses kurzweiligen Bilder- und Bildungsparcours’, gilt auch für Katzen.