In die Herzen der Leute gespielt

Bereits vor einigen Wochen hatte Kaweh Niroomand seine Bedenken geäußert. Für den Volleyball-Bundesligisten aus Berlin könnte es mehr eine „Saison der Zufälle“ als eine „Saison der Planung“ werden. Wie richtig der Manager damit lag, zeigt sich nun in Hinblick auf die Champions League.

Eigentlich standen in dieser Woche eine Reihe von Heimspielen für die Berliner an, doch nachdem drei Teammitglieder von Jastrzebski Wegiel positiv auf Covid-19 getestet wurden, konnte der polnische Verein nicht nach Berlin reisen. Drei von sechs Spielen müssen deshalb ausfallen, darunter das Duell mit den BR Volleys am Donnerstagabend.

Doch nicht nur die kurzfristigen Änderungen des Spielplans machen dem zehnmaligen Deutschen Meister zu schaffen. Auch die leeren Zuschauerränge und die Verletztensituation stellen die Volleys vor große Herausforderungen. „Wir hatten das Turnier mit großen Erwartungen nach Berlin geholt und uns dafür beworben“, sagt BR-Volleys Manager Niroomand.

Wirtschaftlich gesehen bezeichnet er das Ganze angesichts der Coronakrise als „sehr schweres Unterfangen“, da der Berliner Verein nun ausschließlich Ausgaben habe und für sämtliche Organisationskosten aufkäme. Auch der Heimvorteil sei ohne Zuschauer kaum gegeben und die personellen Probleme würden ihm noch zusätzliche Sorgen bereiten.

Kapitän und Zuspieler Sergej Grankin dürfte sein Comeback feiern

Zwar spielte Außenangreifer Timothee Carle in Lüneburg erstmals wieder ein ganzes Match, dafür fällt Robin Baghdady aufgrund einer Wadenverletzung weiterhin aus. Für Entlastung könnte der französische Nationalspieler Kevin Le Roux sorgen, der den Kader zukünftig unterstützen soll und auch Kapitän und Zuspieler Sergej Grankin, der beim Spiel gegen Lüneburg ein kurzes Comeback feiern durfte, könnte den Volleys bald wieder zur Verfügung stehen.

Der russische Zuspieler, der zuvor bereits bei Dynamo Moskau und in der russischen Nationalmannschaft spielte, gilt als Star des Berliner Vereins. Kein Wunder bei der Erfahrung die Grankin mitbrachte, als die Volleys ihn im vergangenen Jahr verpflichteten. Unter anderem wurde er mit seinem Team 2012 in London Olympiasieger, gewann 2013 und 2017 die Europameisterschaften und war mehrmals Pokalsieger in seiner Heimat.

„Grankin ist wirklich eine Persönlichkeit im internationalen Volleyball“, sagt Niroomand, „so jemanden in der Mannschaft zu haben ist etwas Besonderes.“ Grankin sei nicht nur von den Sponsoren gut aufgenommen worden, sondern auch die Fans hätten von seinem „zurückhaltenden, aber warmherzigen Umgang“ geschwärmt. „Unabhängig von seinen Volleyball-Qualitäten hat er sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Herzen der Leute gespielt.“

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Bereits im Alter von sieben Jahren fing Grankin an, in seiner Schule in Kislowodsk Volleyball zu spielen. „Das gefiel mir so gut, dass ich jeden Tag mehr lernen und nichts anderes als Volleyball spielen wollte“, erinnert er sich. Später wechselte er dann an eine Sportschule in Jaroslawl, wenige Stunden entfernt von Moskau. Von da an habe er nur noch als Zuspieler gespielt, sagt Grankin, und daran habe sich bis heute nichts geändert. „Nach dieser Saison habe ich 20 Jahre professionelle Karriere hinter mir.“

In Berlin fühlt er sich besonders wohl: Die Stadt, das Team und das gesamte Drumherum findet er „wirklich toll“. Zwischen seinen Teams in Russland und den Volleys gebe es vor allem in Hinblick auf die Organisation große Differenzen. Grankin zufolge seien die Volleys sehr pünktlich und unterstützten ihre Spieler in vielerlei Hinsicht. Das schätzt der 35-Jährige an seiner Mannschaft: „Ich habe zwar nicht in vielen Teams gespielt, aber aus meiner Erfahrung funktioniert das hier alles sehr gut.“

Grankin: “Die aktuelle Situation ist sehr schwierig”

Seit dieser Saison ist Grankin Kapitän der Berliner. Dadurch habe sich für ihn allerdings nicht besonders viel geändert, sagt er selbst. Er könne jetzt mit den Schiedsrichtern sprechen und manchmal würden ihn seine Teamkollegen bitten, die Pause zwischen den Sätzen zu verlängern. „Ein bisschen speziell ist die Position also schon“, fügt er hinzu und lacht.

Besonders gut gefalle ihm die „wirklich großartige Stimmung“ bei den Spielen und die Unterstützung durch die Fans. „Man fühlt sich gleich sehr wohl.“ Auf die Frage danach, ob er plane, in Berlin zu bleiben, weiß er trotzdem keine Antwort. „Wir werden sehen, denn die aktuelle Situation ist sehr schwierig“, sagt der Zuspieler. Aktuell laste ein großer Druck auf dem ganzen Team und auf den Sponsoren. „Wir müssen schauen, dass wir diese Saison schaffen und können danach weitersehen.“

Die aktuelle Situation sei für ihn besonders schwierig, weil er allein in Berlin lebt. Viel Zeit hat er angesichts des engen Spielplans nicht, um in seine Heimat zu reisen. Seine Familie hat Grankin zuletzt im Oktober gesehen, aber er hofft, dass sie ihn zumindest Weihnachten besuchen können.

Unter normalen Umständen reist er meistens im Sommer nach Russland und versucht dort auch mal nicht an Volleyball zu denken, sondern beim Angeln abzuschalten. So ganz gelinge das allerdings nicht. „Meine Freunde wollen immer mit mir spielen, sodass wir eigentlich jeden Tag beim Beachvolleyball sind.“

Aktuell hofft Grankin in erster Linie, dass die Saison nicht abgebrochen, sondern bis zum Schluss gespielt werden kann und alle gesund bleiben. Für den Fall, dass er auch bei den Spielen am Dienstag gegen Ljubljana (17 Uhr) und am Mittwoch gegen Zenit Kazan (19.30 Uhr, beide im kostenpflichtigen Livestream auf xyzsports.tv) nur kurzzeitig einsetzbar sein sollte, habe er keine Bedenken: „Pierre Pujol ist erfahren genug.“

Welche weiteren Konsequenzen die kurzfristige Absage des polnischen Vereins auf den Spielplan und die Wertung haben wird, ist noch unklar. Fest steht aber schon jetzt: Niroomand dürfte mit seiner Aussage, dass diese Saison eine „Saison der Zufälle“ sei, wohl noch öfter Recht behalten.