In der Regionalliga deutet vieles auf eine vorzeitige Winterpause hin

Vermutlich hilft nichts so sehr über die Zumutungen der Coronavirus-Krise hinweg wie der Gedanke, wie es sein wird, wenn irgendwann alles vorbei ist. So oder so ähnlich haben sie sich das wohl auch bei Tennis Borussia überlegt. Der Berliner Fußball-Regionalligist verkauft seit dieser Woche Eintrittskarten für ein Spiel, von dem noch gar nicht klar ist, wann es stattfinden wird.

Es geht um das erste Spiel nach der Pandemie. TeBe will dann das Mommsenstadion vollkriegen. Dann „holen wir alles nach, worauf wir in diesem Jahr verzichten mussten“, schreibt der Klub auf seiner Homepage. 10.000 Zuschauer sind das Ziel, ein überaus ambitioniertes Unterfangen: Fünfstellig war die Besucherzahl bei einem Liga-Heimspiel von Tennis Borussia zuletzt am 13. Juni 1999 gegen den SSV Ulm in der Zweiten Liga.

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Angelehnt an das Gründungsjahr des Vereins kostet das Soli-Ticket 19,02 Euro, etwas mehr als 550 sind in den ersten Tagen verkauft worden, was Vorstand Steffen Friede „ganz positiv“ findet. Die Erlöse helfen dem Verein ein wenig über die komplizierte Situation hinweg. Seit Mitte Oktober ruht für die erste Mannschaft der Spielbetrieb. Mit den Einnahmen sieht es folglich mau aus, zumal die Zuschauererlöse im Budget ein wichtiger Faktor sind. Der Klub hat „sehr defensiv geplant“, aber Friede sagt: „Das ist eine gehörige Größe, die wir brauchen.“

Die Aussicht, ohne Zuschauer zu spielen, damit es überhaupt weitergeht, ist bei Tennis Borussia und einigen anderen Klubs der Nordost-Staffel auf wenig Begeisterung gestoßen. „Die Zuschauer sind für uns ein elementares Gut“, sagt Friede. „Wir spielen für unsere Fans. Wir sind halt keine TV-Liga.“

Am Freitag tagt das Präsidium, dann entscheiden die Klubs

Die Mehrheit der Vereine aber hat sich Anfang November in einer Videokonferenz mit dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) für einen schnellen Re-Start des Spielbetriebs ausgesprochen. Bereits in der kommenden Woche sollte die Saison fortgesetzt werden. Doch nach der Verlängerung des Lockdowns, die am Mittwoch beschlossen worden ist, sind diese Pläne wohl hinfällig.

„Nach den Beschlüssen der Politik gehe ich nicht mehr davon aus, dass in diesem Jahr wieder gespielt wird“, sagt Jörn Lenz, der Teammanager des BFC Dynamo. Der NOFV will sich auf Nachfrage nicht zu seinen Plänen äußern. Er verweist auf die Präsidiumssitzung, in der an diesem Freitag zunächst über die neue Situation beraten werden soll, ehe im Anschluss in einer Videoschalte mit den Klubs eine Entscheidung getroffen wird.

Durch die Verlängerung des Lockdowns ist den Plänen des Verbandes für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs gewissermaßen die Geschäftsgrundlage entzogen worden. Lok Leipzig hatte schon zuvor in einem offenen Brief seine Skepsis zum Ausdruck gebracht. Auch der BFC Dynamo hat sich gegen Spiele ohne Zuschauer und für den vorzeitigen Beginn der Winterpause ausgesprochen – so wie es am Mittwoch der Berliner Fußballverband für alle Ligen unterhalb der Regionalliga beschlossen hat.

„Wir können uns nicht über die Gesellschaft stellen“

Angesichts der politischen Großwetterlage scheint diese Variante auch für die Regionalliga Nordost die realistischste zu sein. „Es wäre schwer zu vermitteln, dass Restaurants, Fitnessstudios oder Kosmetiksalons weiter geschlossen bleiben müssen, in der vierten Liga aber wieder gekickt wird, obwohl sich an den Zahlen nichts geändert hat“, sagt Archibald Horlitz, Vorsitzender beim SV Babelsberg 03.

Dieses Problem sieht auch Marco Schröder, Geschäftsführer der VSG Altglienicke, selbst wenn er nicht eindeutig für eine vorzeitige Winterpause plädiert: „Ich bin zwiegespalten. Natürlich würden wir gern wieder Fußball spielen, aber wir können uns nicht über die Gesellschaft stellen.“

Zumal die Frage ist, ob ein gutes Drittel der Klubs überhaupt spielen dürfte. Die sieben Berliner Vereine – TeBe, BFC, Viktoria 89, Lichtenberg 47, Altglienicke, Herthas U 23 und der Berliner AK – konnten nach einer Sondergenehmigung des Senats zwar das Training wieder aufnehmen, der Spielbetrieb aber blieb untersagt, weil der Regionalliga-Fußball nicht als Profiliga gilt. Ob es bei dieser Einschätzung bleibt, ist noch nicht offiziell bestätigt worden, aber sämtliche Signale aus der Berliner Politik deuten darauf hin.

Die Gemengelage in der Nordost-Staffel mit Klubs aus fünf Bundesländern ist ohnehin deutlich komplizierter als etwa in der Regionalliga West, in der ausschließlich Teams aus Nordrhein-Westfalen vertreten sind und in der längst wieder gespielt wird. Steffen Friede von Tennis Borussia spricht sich daher für einheitliche Regelungen aus, etwa für den Fall, dass sich ein Spieler mit dem Coronavirus infiziert. Als das zuletzt bei seinem Klub der Fall war, musste die gesamte Mannschaft in Quarantäne. Bei anderen Teams, selbst aus Berlin, wurde das anders gehandhabt.

Der Spielplan ist ohnehin eng getaktet

Weitere strittige Punkte aus Sicht der Klubs sind: Wer übernimmt die Kosten, wenn die Spieler wegen der Wiederaufnahme des Betriebs häufiger auf das Coronavirus getestet werden müssen? Und wie können Einbußen durch fehlende Ticketeinnahmen kompensiert werden? „Beides ist bei dem jüngsten Vorstoß des Verbandes nicht erwähnt worden“, sagt Babelsbergs Vorsitzender Horlitz.

All diese Wünsche, Vorschläge und Einwände muss der NOFV nun irgendwie in Einklang bringen, und das unter erschwerten Bedingungen. Der Spielplan der auf 20 Klubs aufgestockten Staffel war ohnehin schon eng getaktet; durch die Pause im November und, bei vorzeitiger Winterpause, wohl auch im Dezember, wird der Rhythmus im neuen Jahr (und damit auch die Belastung für die Spieler) noch ein bisschen höher sein. Zwischen 25 und 28 Begegnungen stehen für die Klubs bis Mitte Juni noch aus.

Jörn Lenz vom BFC Dynamo hofft, dass die Saison ab dem zweiten oder spätestens dritten Januarwochenende fortgesetzt werden kann. „Sonst wird es langsam eng“, sagt er. Altglienickes Geschäftsführer Schröder rechnet angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens sogar mit einer noch längeren Pause und sieht den Re-Start eher im Februar als im Januar.

Einen Vorteil hat der Nordosten in diesem Jahr immerhin. Weil der Meister direkt aufsteigt und keine Play-offs bestreiten muss, gibt es hinten raus noch ein bisschen Luft. Statt wie bisher geplant am 13. Juni, könnte die Saison daher auch erst zwei Wochen später zu Ende gehen.