In der Fankurve

Wie spießig. Bestimmt nichts für mich. Das dachte Vincent Steinl, wenn er früher auf der Rückseite von Theaterkarten Werbung für die „Freunde der Schaubühne am Lehniner Platz e.V.“ las. Seine Assoziation ging in Richtung graumeliertes Mäzenatentum. Heute ist er Vorsitzender des Vereins, der 1700 Mitglieder zählt und eine eigene Geschäftsstelle unterhält. Steinl, 2005 von Franken nach Berlin gezogen und glühender Fan des Thomas-Ostermeier-Theaters, bekam seine Mitgliedschaft damals geschenkt. Eine Werbeaktion des Hauses für diejenigen Zuschauerinnen und Zuschauer, die die meisten Tickets in einer Saison gekauft hatten. Er stellte dann fest, dass es tatsächlich auch ältere „Freunde der Schaubühne“ gab. Aber piefig waren die nicht. „Logisch eigentlich“, sagt Steinl, der hauptberuflich für die Deutsche Schulakademie tätig ist. „Schließlich mögen sie das gleiche Theater wie ich.“.

Alle großen und viele kleinere Berliner Bühnen haben einen Förderverein, Unterstützerzirkel, die selten ins Rampenlicht rücken. Aber ohne sie wären die Häuser um einiges ärmer. Schließlich ermöglichen sie Projekte, die aus dem normalen Etat nicht zu stemmen wären. Oder sie verhelfen Inszenierungen zum gewissen Extra. So oder so: Sie schaffen Mehrwerte.

Einfluss auf den Spielplan nehmen sie nicht

Die „Freunde der Schaubühne e.V.“, 2000 gegründet, sind der mitgliederstärkste Bund in der Stadt. Der älteste wiederum sind die „DT Freunde“. Die fanden sich 1993 zusammen, auf Initiative einer Gruppe von Aficionados um den Anwalt Lothar Poll, einen früheren Verleger und Herausgeber des Tagesspiegels. Wobei die West-Berliner am früheren Staatstheater der DDR zunächst eher skeptisch beäugt wurden, jedenfalls in Ensemblekreisen. Die Befürchtung war, „dass jetzt die Zahnärzte aus Zehlendorf das Theater übernehmen wollen“, erzählt Friedrich Weber, der stellvertretende Vorsitzende.

Es konnte dann aber schnell vermittelt werden, dass Fördervereine keinen Einfluss auf Spielpläne nehmen. Erste gute Taten waren bald sichtbar, etwa der Umbau der ziemlich unwirtlichen DT-Kantine. „Herr Langhoff, wie stellen Sie sich das Fluidum der Kantine vor?“, wollte der Architekt Weber vom damaligen Intendanten wissen. Die prompte Antwort: „Wie die Paris-Bar“. Als Hommage an das Charlottenburger Lokal wurde ein dunkelblau-weißer, jugendstilmäßiger Fußboden verlegt, er existiert bis heute.

Menschen, die sich in Fördervereinen engagieren, sind in der Regel Theater-Enthusiasten, die ihren Lieblingsbühnen möglichst nahe sein wollen. Leute wie der Journalist Jürgen Büsselberg, heute Schatzmeister der „DT Freunde“ und Moderator einer Talkshow in der DT-Bar. Büsselberg unterstützt auch schon mal privat einen Schauspielstudenten oder er trägt zur Wiederaufnahme einer Produktion am Theaterdiscounter bei, die ihn beeindruckt hat. Daneben engagiert er sich auch bei den Freunden und Förderern der staatlichen Schauspielschulen, der Ernst Busch und der UdK („Es muss halt für Nachwuchs gesorgt werden!“). Und er unterstützt das Berliner Ensemble. Förderer kennen keine Konkurrenz: Anders als bei Hertha oder Union sind Mehrfachmitgliedschaften möglich.

Für die Mitglieder gibt’s Sonderkonditionen

Über Etats wie Fußballclubs verfügen die Vereine allerdings nicht, trotzdem können durch Spenden und Beiträge ansehnliche Summen zusammenkommen. Zwischen 70 000 und 80 000 Euro jährlich stellen die „DT Freunde“ zur Verfügung, die Mitgliedschaft kostet 100 Euro, für Paare 150. Junge Menschen zahlen einen ermäßigten Satz. Die „Freunde der Schaubühne“ – Einzelmitgliedschaft für 150 Euro, die Premiumkategorie kostet 300 Euro – unterstützen das Theater mit rund 200 000 Euro pro Jahr. Im Gegenzug werden den Vereinsmitgliedern Führungen durchs Haus, Probenbesuche und Vorkaufsrechte für Tickets geboten (was an der Schaubühne wegen der Größe des Vereins allerdings nur eingeschränkt gilt).

Fragt man Jürgen Büsselberg, was denn der Gewinn einer solchen Mitgliedschaft sei, antwortet er schlicht: „Das gute Gefühl, Kultur zu unterstützen“. Ob an der Schaubühne ein Globe Theater im Saal C gebaut werden kann oder ein neues Kassenfoyer, ob sich am DT aufwändige Laufbänder in der Ulrich-Rasche-Inszenierung „4:48 Psychose“ drehen oder ein Gastspiel mehr bei den Autorentheatertagen zu sehen ist – das mag für Außenstehende keine Rolle spielen. Aber die Unterstützer wissen, dass ein strahlkräftiges Profil aus vielen Puzzleteilen besteht.

Am Grips-Theater ging es um die Existenz, als sich dort Ende 2012 ein Förderverein gründete. Das chronisch unterfinanzierte Haus steckte einmal mehr in der Klemme, es fehlten 150 000 Euro. Weswegen Börries von Liebermann – vormals Leiter des Theatertreffens und erklärter Fan des Hauses – „mehr grips!“ aus der Taufe hob. Unter anderem mit Walter Momper, Hermann Florin und seiner Frau Barbara von Liebermann (wobei der Eindruck nicht täuscht: Zumindest die Vorstände der Berliner Theater-Fördervereine sind ziemlich männlich dominiert). Prominente Unterstützer wie Lars Eidinger, Wolfram Koch und Axel Prahl wurden gewonnen, die auch heute noch an Bord sind. Die Pleite konnte abgewendet werden. Heute müssen die 285 „mehr grips!“- Mitglieder nicht mehr nur Brände löschen. Sondern sie investieren in Projekte wie „Theater auf Rezept“: Freikarten, die der Kinderarzt verschreibt.

Gerade in schweren Zeiten sind Unterstützer besonders wichtig

Auch die „Freunde und Förderer der Komödie am Kurfürstendamm“ machen Bemerkenswertes möglich. Wobei der Verein, der erst seit 2019 besteht, gleich mehrfach aus dem Rahmen fällt. Zum einen hat er nur sieben Mitglieder, die sämtlich am Haus arbeiten. Zum anderen darf er keine Spenden ans Theater weiterleiten – was der GmbH-Struktur der Bühnen geschuldet ist. Das erzählt der Autor, Regisseur und Schauspieler Daniel Krauss, der zum Leitungsteam des Woelffer-Theaters zählt (und nebenbei der Spurensicherer im Berlin-„Tatort“ ist).

Der Freundeskreis wirbt also Mittel für gemeinnützige Projekte ein, die über den normalen Spielbetrieb hinausgehen. Der „Herzschrittmacher“-Chor zählt dazu, in dem Menschen ab 66 Songs von Grönemeyer oder Lindenberg singen. Oder auch eine besondere Corona-Aktion. Um Künstler und Gruppen in Lockdown-Zeiten zu unterstützen, haben die Kudamm-Freunde Aufträge für kurze Acts vergeben, die im Mai bei einem Festival im Schillertheater zu sehen sein sollen. Ein Projekt der Sängerin Achan Malonda ist ebenso darunter wie der Auftritt des „Berlin Stripper Collective“, in dem ehemalige Sex-Workerinnen kabarettistisch ihre Erfahrungen verhandeln. Ein Großteil der Honorare wird jetzt schon ausgezahlt.

Klar, gerade in Krisenzeiten kommt den Fördervereinen Bedeutung zu. Auch an großen Häusern wie dem DT oder der Schaubühne, wo die Unterstützer momentan Rücklagen bilden, um im kommenden Jahr mehr investieren zu können. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt, „wenn das wahre finanzielle Ausmaß der Pandemie sichtbar wird“, wie Börries von Liebermann zu bedenken gibt.

Derweil hat „mehr grips!“ dafür gesorgt, dass während des Lockdowns „Theater-Power-Pakete“ mit Spielideen und Lieder-CDs an die Berliner Grundschulen verteilt werden konnten. Wichtig, um den Kontakt zum jungen Publikum nicht abreißen zu lassen. Aktuell fährt auch der „DAKU – Dachverband der Kulturfördervereine“ mit der Aktion „Kultur braucht dich!“ eine Kampagne, die auf breiter Front zum Engagement aufruft (www.dufuerdiekultur.de). Daniel Krauss erzählt, dass er es eigentlich stets mit der alten Groucho-MarxWeisheit hielt: „Ich möchte keinem Club angehören, der Leute wie mich als Mitglied aufnimmt“. Für den Förderverein hat er eine Ausnahme gemacht.