In den Köpfen der Anderen

Die chinesische Künstlerin Cao Fei porträtiert die Arbeiter ihres Landes – und zeigt uns die Zukunft.




Flucht in eine andere Welt. Cao Fei ließ in „My Future is Not a Dream“ von 2006 junge Arbeiter ihre Wünsche ausagieren.Foto: Cao Fei

Palais Populaire, Unter den Linden 5, „Whose Utopia“ bis 13. 9.; „Time Present“; bis 8. 2. 2021, tgl. außer Di 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr

Ihre Gesichter haben es um die Welt geschafft – im Video „Whose Utopia“, das seit 2006 unter anderem in Paris, New York und Liverpool zu sehen war und jetzt im Berliner Palais Populaire gezeigt wird. Für dessen Protagonisten gilt dieses grenzenlose Reisen eher nicht: Es gibt diesen kleinen Moment, in dem statt der Fabrik, in der Cao Fei ihren Film sonst ausnahmslos gedreht hat, ein Stückchen Zimmer irgendwo in einem Hochhaus mit Blick auf den Hafen zu sehen ist. Darin ein Bett, dessen Pfosten notdürftig mit Klebefolie repariert sind.

Wer bei Osram im chinesischen Perlflussdelta arbeitet – oder damals gearbeitet hat, 14 Jahre sind im digitalen Zeitalter eine Epoche, in der die Arbeiter von damals möglicherweise längst durch Maschinen ersetzt wurden –, zählt nicht zur aufstrebenden Mittelschicht Asiens. Der erledigt meist monotone Jobs am Fließband, sortiert Drähte und biegt sie am Endprodukt in Form.

Oder er lässt sich beim Testen der Glühbirnen alle paar Sekunden Licht auf die Netzhaut blitzen, während sein Nachbar die Neonröhren in ellenlange Kartons packt. Der Verdienst dieser Arbeiter reicht, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen. Nicht für Reisen nach old europe – Venedig, Salzburg oder Schloss Neuschwanstein.

Eintönigkeit der Fabrikarbeit

Ihnen bleibt die Fantasie. Der Rückzug unter die Kopfhörer, wie sie hier jeder zweite trägt, um der Eintönigkeit der Fabrikarbeit die eigene Playlist entgegenzusetzen. Oder der introspektive Ausflug dahin zurück, wo die Kindheitsträume warten: eine Zukunft als Ballerina, Tänzer oder Mitglied einer umjubelten Band.

Cao Fei will dorthin mit. Eigentlich ist dieser Einbruch in die fragile, private Sphäre von Menschen, die einem völlig fremd sind, ein ziemlich dreistes Vorhaben. Die Künstlerin, 1978 in Guangzhou geboren, war dafür ein halbes Jahr vor Ort, filmte in der Fabrik und wurde sukzessive Teil dieser Welt. Mehr als 500 Fragebögen zirkulierten zwischen den Arbeitern und Cao Fei, die etwa wissen wollte, was jeder von ihnen denkt, bevor er morgens an seinen Platz geht. Manche bat die Künstlerin zu Workshops, in denen man seine Interpretation einer Utopie darstellen konnte – direkt, am besten als Performance in der Fabrikhalle.

Tatsächlich legen einige ihre Scheu ab. Ein Mann tanzt, ein Mädchen schwebt im Tutu durch die Hallen, mehrere Jungs greifen zur Gitarre und blicken unglaublich ernst in die Kamera. Den Takt dazu geben die Maschinen an, die keinen Moment aus dem Blickwinkel verschwinden. Die Fabrik ist beider Bühne. Cao Fei verwebt die äußere Welt der Technik mit dem inwändigen Universum der Wünsche derart perfekt miteinander, dass „Whose Utopia“ auch 16 Jahre später noch zentral für ihre Arbeit steht.

Konsum und emotionale Verarmung

Wer wissen will, was die Chinesin zu einer der interessantesten Medien-Künstlerinnen der Gegenwart macht, sollte hier beginnen. In drei Kapiteln geht es um Masse und Individuum, Konsum und emotionale Verarmung, Disziplin und Eskapismus. Cao Fei kritisiert nicht, sie fragt vor der authentischen Kulisse des 21. Jahrhunderts, ob der Mensch dem von ihm produzierten Fortschritt überhaupt noch genügt. „Asia One“, ein Film von 2018, erklärt die beiden (letzten) Protagonisten in einem gigantischen Logistikzentrum zu Fremdkörpern.

Sie tragen wie Waren Strichcodes auf ihren Armen und müssen die Roboter bloß noch beaufsichtigen. Langeweile, Unterforderung, aber auch eine zarte Romanze spiegeln sich in den Gesichtern der Protagonisten. Diese Poesie und die leise Aufforderung zum Widerspruch – nach ihrer Zeit in der Glühbirnenfabrik sollen einige der Arbeiter tatsächlich ein anderes Leben begonnen haben – verorten Cao Feis Kunst zugleich im politischen Raum.

Sie selbst hat bis 2001 an der staatlichen Kunstakademie in Guangzhou studiert. Ein Stipendium der Kulturstiftung des Bundes nutzte sie 2005 für einen Film, der Pekings rasante Urbanisierung anhand eines Stadtteils dokumentierte, in dem die historische Substanz zum Abriss freigegeben war. Cao Fei lebt weiter in Guangzhou, von hier aus beobachtet sie die Digital Natives ihrer und der nachrückenden Generationen. Was sie in Videos wie „Whose Utopia“, „Asia One“ oder „RMB City“ festhält, nimmt die Zukunft vorweg: Das technikverliebte China ist immer ein bisschen schneller als der Rest der Welt.

Eine zärtlich-anarchische Kraft

Seit Klaus Biesenbach 2016 im New Yorker PS1 Cao Feis erste Werkschau gezeigt hat, zählt die Medienkünstlerin zu den internationalen Stars. 2017 gestaltete sie das BMW Art Car, im Jahr darauf feierte sie die Kunstsammlung NRW im K21 mit einer großen Schau ihrer multimedialen Installationen, Videoarbeiten und Zeichnungen.

Das Projekt im Palais Populaire ist ungleich kleiner. Die Vorführung des Videos „Whose Utopia“ im Atelier genannten Dachgeschoss wird von der Ausstellung „Time Present“ flankiert, die sich aus Fotografien der Deutsche Bank Collection speist; darunter mehrere Stills von Cao Fei aus dem Film. Aber der Spirit, der aus „Whose Utopia“ und seinen Bildern spricht, entfaltet auch solo eine zärtlich-anarchische Kraft.