In allen Farben der Welt

Das Jüdische Filmfestival Berlin findet diesmal im Kino und im Netz statt. Es ist die letzte Ausgabe der Festivalgründerin Nicola Galliner. Ein Überblick.




Yaron Zilbermans „Incitement“ nimmt die Perspektive von Jitzchak Rabins Attentäter ein.Foto: Festival

Was ist ein richtiger Festivalfilm? Immer einer, bei dem den Zuschauer plötzlich das Gefühl einer glückhaften Bevorzugung überkommt: Das siehst du nur hier! Verbunden mit dem Gefühl einer etwas irrealen Zeitdehnung.

Also etwas besonders Spektakuläres? Oft ist es eher das Gegenteil, so wie in „Africa“, dem ersten Langfilm des israelischen Regisseurs Oren Gerner. Man muss ihn lieben für alles, was er unterlässt. Und das ist viel.

Die Tage gleichen sich auf empörende Weise

Keine mutwillig gesetzte Pointe, nichts, „Africa“ ist so aufregend wie der Alltag eines Ruheständlers im Vorort einer israelischen Stadt. So wie Meirs Leben (Meir Gerner). Die Tage gleichen sich auf empörende Weise, und Meir registriert erstaunt, dass inmitten der allgemeinen Betriebsamkeit nur einer nicht vorkommt: Er selber.

„Africa“ spielt natürlich jenseits von Afrika. Meir Gerner – wahrscheinlich hat Oren Gerner seinen eigenen Vater engagiert – hat nicht das Gesicht, auf dem innere Regungen freiwillig und mit Beredsamkeit Platz nehmen, im Gegenteil.

Umso größer ist die Freude ihm zuzuschauen. Alle Wendungen im Film sind so kaum wahrnehmbar wie der Wechsel der Jahreszeiten im Mienenspiel dieses Mannes, und gerade darum spürbar.

Ausfallenlassen war für das diesjährige Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg nie eine Option, auch wenn die inzwischen traditionelle Eröffnung im Hans Otto Theater nicht stattfinden wird.

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Gründerin und Leiterin Nicola Galliner hat das Festival in ihrem letzten Amtsjahr zumindest teilweise in Netz verlegt, und noch nie kam es auf Logo und Plakat so expressionistisch bunt daher: Ein junger Mann trägt das Brandenburger Tor schräg auf seiner Haartolle, der Gebetsriemen um seinen Arm wirkt fast wie Sado-Maso-Ausstattung, überhaupt passt an ihm optisch nichts und irgendwie alles zusammen: queer sagen die Zeitgemäßen. Gebt mir alle Farben der Welt!

Der rasante Dokumentarfilm „Dayan: The First Family“ von Anat Goren.Foto: Festival

Für Jigal Amir wär das wohl nur Verfall. Amir ist der orthodoxe Rechtsstudent, Sohn jemenitischer Juden, der 1995 Jitzchak Rabin erschoss: Eine kaum geöffnete Friedenstür, zugeschlagen für viele Jahre, Jahrzehnte gar. Doch führte sie als einzige ins Freie. Für andere war sie die des Bösen selbst.

Keinen Augenblick hat man in Yaron Zilbermans intensivem dokumentarischen Spielfilm „Incitement“ den Eindruck, eine Geschichte von gestern zu sehen. „Incitement“ nimmt, und das ist Wagnis und Verdienst zugleich, ganz die Perspektive Amirs ein, der seine Tat nie bereut hat.

Zugrunde liegen Gespräche mit ihm, der Familie, mit Freunden. „Incitement“ zeichnet gewissermaßen den Denk-Weg zur Tat nach, und zwar den eines Rechtsstudenten an der religiösen Bar-Ilan-Universität.

Yehuda Nahari Halevi zeigt einen feinnervigen jungen Mann, dessen Leidenschaften eher ins Geistige als ins Gewaltsame zielen. Hass? Instinkt? Als Handlungslegitimation wären sie für Amir nie in Frage gekommen. Überhaupt: Darf ein Jude einen Juden töten? Schon der Gedanke erschreckt ein religiöses Temperament.

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„Incitement“ setzt eine mit Rabins Rede im September 1993, die einen Schlussstrich unter Jahrzehnte von Gewalt ziehen wollte. Der ungedeckte Wechsel auf die Zukunft, der Amir wie viele andere so empört: Jede Friedfertigkeit beginnt mit partieller Selbstentmächtigung. Verrat? Wir werden hineingezogen in den Maschinenraum religiöser Paralleluniversen, geschlossener Weltbilder.

Der Austritt aus allen Verbindlichkeiten braucht nur einen Satz: „Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, aber was ist die Herrschaft des Volkes gegenüber der Herrschaft Gottes?“

Doch darf man es sich nicht zu einfach machen: Auch ein orthodoxer Jude wie Amirs Vater, der die Verfinsterungen seines Sohnes sehr wohl bemerkt, ist zu erstaunlichen Stellungnahmen fähig: Das Scheitern der Osloer Verträge wäre das größte Desaster der Geschichte nach der Zerstörung des Tempels, es bräuchte Generationen, das zu heilen. Es ist eine der eindrücklichsten Szenen dieses eindrücklichen Films.

Wunderbar leise. Szene aus „Those Who Remained“ von Barnabás Tóth.Foto: Festival

Rabin war der eigentliche Vater des Sieges im Sechs-Tage-Krieg, aber Verteidigungsminister Mosche Dayan fiel der Ruhm zu. Die Geschichte Israels anhand einer Familiengeschichte über fünf Generationen hinweg erzählt der rasante Dokumentarfilm „Dayan: The First Family“ von Anat Goren. Das Porträt einer unmöglichen Familie, die man – schillernd und abgründig zugleich – bereits mit den Kennedys verglichen hat.

Auch dieses Festival spannt mit vierzig Filmen einen weiten Bogen. Dass orthodoxe jüdische Frauen sich nach rabbinischem Gesetz bis heute nicht scheiden lassen können – es sei denn mit Zustimmung ihres Mannes –, nehmen selbst religiöse Anwältinnen nicht mehr hin („Divorce Denied“ von Mia Webb und David Ofek).

Der letzte Film mit Bruno Ganz

„Winterreise“ von Anders Ostergaard ist der anrührende, wenn wohl auch nicht vollends geglückte letzte Film mit Bruno Ganz über einen jüdischen Flötisten, der beim Jüdischen Kulturbund während der NS-Zeit spielte, was ihn noch längst nicht dazu brachte, sich als Juden zu begreifen. Das schmerzhafte Protokoll einer späten Anamnese.

„Golden Voices“ von Evgeny Ruman zeigt das Schicksal der sowjetischen Stars der Filmsynchronisation Victor und Raya Frenkel: Ausgewandert nach Israel konnte ihre Talente keiner mehr brauchen, höchstens eine Sex-Hotline.

Ein wunderbar leiser Film kommt aus Ungarn: „Those Who Remained“ von Barnabás Tóth spielt kurz nach dem Ende des Holocaust in Budapest. Das 16-jährige jüdische Waisenmädchen Klara wählt sich mit größter Bestimmtheit einen 42-jährigen jüdischen Arzt zum Ersatzvater, zwei Übriggebliebene.

Ihr Zusammenleben ist der Umwelt kaum darstellbar, aber sie wachsen aneinander wieder ins Leben hinein. Selten sah man auf so berührende Art, wie Menschen jenseits aller Konventionen das Richtige tun können.

Das Filmfestival Cottbus übernimmt die Programmgestaltung

Festivalleiterin Nicola Galliner legt ihre Jüdischen Filmtage fortan mit großer Zuversicht in die Hände der Macher des Filmfestivals Cottbus. Manchmal schaut sie noch ungläubig auf den kleinen Flyer, der 1994 das erste Programm enthielt: acht Filme, ein Kino. Ihr Zeithorizont damals: Das erste Jahr überstehen!

Auch das Aufhören ist eine Kunst, weiß sie, und keine leichte. Was ein jüdischer Film ist, weiß Nicola Galliner dagegen noch immer nicht genau. Nicht so, dass es in einen Satz passte. Oder doch: Wer im Kurzfilmprogramm die beiden britischen Produktionen „Sidney Turtlebaum“ und „The Honeymoon Suite“ sieht, der hat es.
6. bis 13.9. online und in mehreren Kinos in Berlin und Potsdam. Mehr Infos hier.