Immerhin, wir haben einander!

Rund 4,34 Lichtjahre ist das sonnennächste Sternsystem Alpha Centauri von uns entfernt. Ungefähr so weit weg fühlt sich auch das an, was im Herbst vergangenen Jahres im Haus der Berliner Festspiele passiert ist: eine Woche lang Show, vier Abende à sechs Stunden, Stimmung, Konfetti, Publikum dicht an dicht im Parkett und auf der Bühne. Es war die Zeit, als man mit Masken noch eher die Fetischszene assoziierte als den Besuch einer U-Bahn. Der Performancekünstler Taylor Mac war mit seiner Show „A 24-Decade-History of Popular Music“ nach Berlin gekommen, die die Geschichte der Vereinigten Staaten und ihrer Minderheiten anhand von Songs erzählt: eine Feier der Diversität und des Lebens.

Jetzt, ein Jahr später, ist die Welt eine andere, zerfallen, atomisiert in lauter Individuen, die vor ihren Rechnern sitzen. Auch Taylor Mac. Er wird an diesem Samstag im heimischen New York digital den Ibsen Award entgegennehmen, der judy – so sein bevorzugtes Pronomen – als erstem amerikanischen Künstler verliehen wird, in einer Zeremonie im Nationaltheater Oslo. Gleich danach, um 20 Uhr Berliner Zeit, gibt’s eine Pandemieausgabe seiner Weihnachtsshow „Holiday Sauce“, die Berliner Festspiele streamen alles auf ihrer Webseite.

Unsere Familien und Wahlfamilien

Ja, dies wird ein Weihnachten, wie wir es noch nie erlebt haben. Und Taylor Mac verspricht, in einer Show voller Vaudeville, Varieté und Weihnachtslieder den kapitalistisch befeuerten Geschenkewahn – der sich dieses Jahr im Totallockdown von selbst erledigen könnte – beiseite zu fegen, um mit einer „kraftvollen Botschaft“ an unsere Familien und Wahlfamilien zu erinnern: Wir haben einander, immerhin, auch wenn wir uns besser nicht in die Arme nehmen.

Digital und doch lokal: Alle Institutionen, die „Holiday Sauce … Pandemic!“ streamen, ehren auf Wunsch von Taylor Mac eine Persönlichkeit, die sich um die queere Community verdient gemacht hat. Die Berliner Festspiele haben sich für Mahide Lein entschieden, die eine Konzertagentur leitet und „seit den 70er Jahren Brücken zwischen Kunst, Kultur und sozialem Engagement“ baut.

[ Preisverleihung, Hauptshow und Aftershow am Samstag, 12. Dezember, ab 19 Uhr auf www.berlinerfestspiele.de/taylormac]

Noch mehr Berlin gibt’s dann gleich im Anschluss: Olympia Bukkakis und Cheryl Offoffoff-Broadway hosten eine Aftershow-Party auf Zoom. „Zieht euch Fummel an, stellt Getränke bereit, feiert mit“, sagen sie im – natürlich ebenfalls digitalen – Vorgespräch. Beide moderieren zusammen eine eigene Show, „Apocalypse Tonight“, in der sie singen, tanzen und sich über die Welt aufregen. Und beide waren einst jener Anziehungskraft Berlins erlegen, die jetzt in der Pandemie – hoffentlich nur vorläufig – auf Eis gelegt ist. Olympia Bukkakis, die als Teil der „Dandy Minions“-Helfertruppe bei Macs letztjähriger großer Show mitgemacht hat, ist 2012 der Langeweile Melbournes entflohen. Aber: „Die Stadt ist inzwischen aufregender geworden“, erzählt sie, „und jetzt wäre es dort tatsächlich gerade angenehmer.“ Australien hat durch strikte Abschottung erreicht, dass es keine Neuinfektionen mehr gibt.

Cheryl Offoffoff-BroadwayFoto: Marco Gorgoroso

Cheryl Offoffoff-Broadway, der Name kann es schwerlich verbergen, kommt aus New York, Taylor Mac hat sie trotzdem noch nicht persönlich kennengelernt. Aber sie kann judys Erzählung bestätigen, dass Gentrifizierung und Immobilienboom das queere Leben im Village zerstört haben. „Ich habe gerade noch den letzten Zipfel davon erlebt, bevor ich nach Berlin zog.“ In eine Stadt, die, so erklären beide, schon viel Schlimmeres erlebt habe als eine Pandemie. Und in der die Lust auf das Leben umso stärker explodieren werde, wenn alles vorbei ist. Das macht doch Hoffnung.