Immer gut auf Speed

“New York runs on Dunkin“, lautet der Werbespruch der größten Kaffee- und Donutkette in New York City. Die Stadt funktioniert dank des Kaffees von „Dunkin’ Donuts“, den es praktisch an jeder Straßenecke zu kaufen gibt. Das New York aus Ulrike Sterblichs Roman „The German Girl“ wird von einer anderen Droge am Laufen gehalten: Speed.

Scheinbar alle, die zwischen Andy Warhols „Factory“ und den teuren Apartments der Upper East Side etwas auf sich hielten, haben sich regelmäßig Amphetamincocktails spritzen lassen.
In diese Welt zieht Mitte der sechziger Jahre das Westberliner Model Mona. Statt der bräsigen Modenschauen, die sie in der Bundesrepublik laufen durfte, bekommt Mona hier spannende Jobs, für die sie sogar nach Mexiko reisen darf. Sie geht auf Garten- und Dinnerpartys mit Künstlerinnen und Filmemachern, kommt schnell in der Szene an.

Die Stadt ist aufregend, hektisch und ermüdend. Irgendwann findet sich auch Mona ausgelaugt bei Dr. Max wieder, zwischen „ondulierten und schmuckbehangen“ Damen und Geschäftsmännern mit goldener Rolex. Eine Spritze von Dr. Max’ „Vitamincocktail“, und Mona fühlt sich wieder wunderbar. Mit diesem Gefühl spaziert sie stundenlang durch Manhattan, taucht gut gelaunt bei Modeljobs auf oder putzt ihre Wohnung blitzsauber.

Sterblich war Mitglied der “Digitalen Bohème”

Ulrike Sterblich hat mit diesem Roman ihr erstes Buch seit fast zehn Jahren geschrieben. Für sie ist das ein Genrewechsel. Sterblich arbeitete Mitte der nuller Jahre als Mitglied der neuen „digitalen Bohème“ unter anderen mit Sascha Lobo, Kathrin Passig und Holm Friebe zusammen. Sie schrieb im Internetforum der „Höflichen Paparazzi“ über zufällige Promi-Begegnungen in Berlin und wurde Teil der „Zentralen Intelligenz Agentur“.

Vor allem jedoch teilte sie als „Supatopcheckerbunny“ naiv-kluge Ansichten über die Welt bei Lesungen und im „Titanic“-Magazin. Mit „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“, widmete sie sich 2012 ihrer Kindheit und Jugend in Westberlin. „The German Girl“ ist im Vergleich zu Sterblichs bisherigen Werk ein ernstes Buch; und als Dokufiktion ist der Roman historisch präzise.

Max Jacobson, ein Berliner Arzt jüdischer Herkunft, emigrierte 1936 nach New York. Er behandelte tatsächlich Prominente wie John F. Kennedy und Marilyn Monroe mit seinem Sondercocktail auf Basis von Vitaminen, tierischen Hormonen, menschlicher Plazenta, Schmerzmitteln und Amphetaminen. Mit „Dr. Feelgood“ soll ihm 1967 auch Aretha Franklin einen Song gewidmet haben.

Was Jacobson in seiner Praxis auf Manhattans Upper East Side verabreichte, war schon in den sechziger Jahren nicht legal – und nicht ungefährlich. Nachdem sich die Tode in Zusammenhang mit Metamphetaminkonsum gehäuft hatten, wurde auch die US-amerikanische Strafverfolgung auf Jacobson und seine Wunderdoktor-Kollegen aufmerksam.

Ein prominenter Toter kommt in Sterblichs Roman vor: Der Fotograf Mark Shaw, der regelmäßig Patient bei Jacobs und auch enger Begleiter Kennedys war.

In dieser New Yorker Welt ist es normal, sich mit Drogen den Tag zu erleichtern

Jacobsons Feelgood-Verfahren wurde 1972 von Reportern der „New York Times“ aufgedeckt; 1975 verlor er seine Arztlizenz und starb vier Jahre später. Jacobson war nicht der einzige deutsche Arzt in New York, der sich auf die Wundermittel spezialisiert hatte – auch Robert Freymann taucht in Sterblichs Roman auch.

Sterblich beschreibt Jacobson als unermüdlichen, sehr sozialen und warmen Menschen, der sich um seine Patient*innen sorgt. Mit Mona findet er besonders schnell eine Verbindung durch die gemeinsame Sprache. Er spritzt sich seine Medizin auch selber: „Der Mensch braucht alle Energie, die er kriegen kann, besonders, wenn er selbst viel leisten muss. Auf Basis von Energie wird Arbeit verrichtet“, lässt Sterblich ihn sagen

Damit hält er 24-Stunden-Tage in der Praxis durch, stets da für seine süchtigen Patient*innen.

Die Geschichte der „Dr. Feelgoods“ war immer wieder ein Thema in den Nachrichtenmedien. Sterblich hat mit „The German Girl“ dieses Material gelungen fiktionalisiert. Sie beschreibt eine Welt, in der es normal erscheint, sich die anstrengende Arbeitswoche oder den nervenaufreibenden Auftritt durch eine kleine Spritze zu erleichtern. Ohne die Wunderdoktoren würde diese Gesellschaft zusammenbrechen.
Jedes Kapitel beginnt mit einem einleitenden Zitat, viele aus der Musik, die diese Epoche ausgemacht hat: Aretha Franklin, Leonhard Cohen, die Rolling Stones. Sterblich stellt die Musik, nach der diese Stadt funktioniert, aber allein durch die Charaktere wunderbar dar.

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Zum Beispiel in der Figur von Adam, einem etwas verlorenen Künstlertypen, der schon jahrelang zu Dr. Max geht und seine Habe in zwei Plastiksäcken zu Mona schleppt. Oder da ist Gloria, die Dinnerpartys in ihrer großzügigen Wohnung gibt und sich von einem Guru im Schrank beraten lässt.

Oder auch Sidney, der aus einer wohlhabenden Familie stammt. Sidney lernt Mona auf den Fluren des Metropolitan Museum kennen und nimmt sie auf Geschäftsreise mit nach Westberlin. Mit dem New York von heute hat Monas Leben wenig zu tun. Ohne große Probleme leistet sie sich eine Wohnung in Manhattan, lebt von zwei Modeljobs im Monat und dreht Underground-Filme.

Sterblich schlägt Brücken nach West-Berlin

Aber „The German Girl“ ist nicht einfach nur ein weiterer New-York-Roman. Sterblich schlägt über die Lebensgeschichte von Max Jacobson und Mona gleich mehrere Brücken in ihre Heimatstadt Westberlin und macht deutlich, wie eng die Städte historisch, kulturell und politisch miteinander verflochten waren.

Durch Monas Reise in die Heimat erfahren wir auch, wo Metamphetamin schon seit 1938 unter dem Namen „Pervitin“ frei verkäuflich war. Auch Monas Mutter hat noch ein paar „Muntermacher“ im Badezimmerschrank.

Die erzählerischen Sprünge zwischen den Städten und Jahren, den Szenen und Charakteren, lassen Sterblichs Roman zuweilen hektisch und etwas ausfasernd wirken. Doch durch die Verbindung von Gesellschaftskritik, Kriminalfall und einigen Liebesgeschichten taucht man tief ein in dieses New Yorker Leben auf Speed. Eine Hektik, die wir uns gerade so mitten in der Pandemie weder in Berlin noch in New York vorstellen können.