Im Unterbewusstsein verlaufen

Zwei Männer streifen durch ein abgesperrtes Gebiet. Wildnis überall, stinkende Seen, seltsame Höhlen. Die Umgebung ist surreal, Bäume werden zu Steinen, Stalagmiten zu Pilzen. Sie suchen nach etwas, aber was? Ist das Gebiet verseucht, gehört es zum Militär oder sind hier Außerirdische gelandet? Und wie sind sie überhaupt hierhergekommen?

Fragen über Fragen, und nicht wirklich viele Antworten. Michael Jordans „Warum wir müde sind“ (avant-Verlag, 104 S., 22 €) entzieht sich dem logischen Verständnis ebenso wie linearen Erzählweisen und Genrekategorien.

Worum es geht, ist schwer zu sagen, auch wo und zu welcher Zeit die „Handlung“ spielt, bleibt offen: Die Hauptfigur, ein Mann namens Moravec, erzählt das Ganze aus der Rückschau, hat aber schon in den ersten Panels Erinnerungslücken und wiederholt Sätze, die er bereits gesagt hat.

Postapokalyptische Seelenlandschaften

Die Reise beginnt im Auto (oder doch zu Fuß?): Zwei Wachmänner weisen Moravec und seinen Begleiter am Rand des Sperrgebietes ab, sie klettern heimlich über eine Mauer, Moravec sucht mit einem Metalldetektor den Boden ab. Er verläuft sich, geht durch vulvenförmige Höhleneingänge, findet Steine am Boden, die süß schmecken.

Eine weitere Seite aus „Warum wir müde sind“.Foto: avant

Der Comic ist in drei Abschnitte aufgeteilt, zwischen denen einige Parallelen bestehen: „Digging Into Silence“, „Warum wir müde sind“ und „Die Verwischten.“ Im ersten Teil bewegt sich Moravec durch die Wildnis, im zweiten Teil befindet er sich in einer halbverlassenen Industriegegend. Viele Häuser sind unbewohnt, verbrannt oder abgerissen. Die Gegend ist unübersichtlich und verschwimmt ineinander. Moravec sucht das Unternehmen Biosys, um dort einen neuen Gesundheitsausweis zu beantragen. Wachmänner halten ihn auf, auch hier ist Sperrgebiet.

Eine Auflösung gibt es nicht

Im dritten Teil geht die Reise von außen nach innen weiter, von der Natur zur Stadt: Moravec ist im Inneren von Biosys, das Gebäude ist ebenso labyrinthisch und kafkaesk wie das Industriegebiet. Moravec wird hin- und hergeschickt, je mehr er den Ausgang sucht, desto tiefer gelangt er ins Haus hinein. Dialoge bleiben zusammenhangslos, Fragen verhallen unbeantwortet. Er läuft an seltsamen Laboren vorbei, erhält Ermahnungen, muss für nebulöse Untersuchungen dableiben.

Eine weitere Szene aus „Warum wir müde sind“.Foto: avant

Ein wirkliches Ende oder gar eine Auflösung gibt es nicht, der Comic endet wie ein Traum: Plötzlich ist das letzte Panel erreicht und der Leser erwacht ratlos und verwundert. Was war das gerade?

Ein traumartiges Umherstreifen

Mit „Warum wir müde sind“ hat Michael Jordan, der dem deutsch-österreichischen Künstlerkollektiv Tonto angehört, ein ebenso rätselhaftes wie faszinierendes Comic-Erlebnis geschaffen. Das Setting erinnert an Andrei Tarkowskis Film „Stalker“, die nicht-lineare Erzählstruktur an David Lynch.

Es ist eine Reise ins Unterbewusste, ein zielloses Abenteuer, wie das traumartige Umherstreifen in sommerlichen Industrieruinen. Jeder, der schon einmal als Kind an trägen Sonntagen verlassene und zugewucherte Häusern oder Fabriken erforscht hat, kennt das Gefühl, auf einmal in einer anderen Welt zu sein, in der die Dinge nicht so sind, wie in der Realität.

Expressionistisch und verschollen

Obwohl der Comic in Farbe ist, wirkt er monochrom: Es dominieren warme 70er-Jahre-Farben wie braun, gelb und orange, was die Atmosphäre des Verschollenen zusätzlich verstärkt. Jordans leicht expressionistischer Zeichenstil wirkt manchmal etwas ungelenk, was aber gut zu der seltsamen Stimmung passt, in der Klarheit keine Rolle spielt.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: avant

Es wäre möglich, zwischen den Zeilen von „Warum wir müde sind“ verschiedenste Deutungen vorzunehmen, die das Geschehen irgendwie erklären. Doch am lohnendsten ist es, sich einfach auf dem Comic einzulassen und das Ganze als Erfahrung zu verbuchen, dessen Reiz nicht in üblichen Lesekonventionen besteht, sondern im puren „Sense of Wonder“.