Im tiefen Tal der Superlative

In Erfolgsgewittern: Vor zehn Jahren wurde Wolfgang Herrndorfs Roman “Tschick” über zwei jugendliche Außenseiter veröffentlicht.




Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, 1965 – 2013 VFoto: Patrick Seeger/dpa

Als vor zehn Jahren Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ erschien, hatte es die Literaturkritik nicht besonders eilig. Mitte Oktober erst kamen die ersten Rezensionen in den einschlägigen Feuilletons, was daran lag, dass dieser Autor zu diesem Zeitpunkt den wenigsten Kritikern und Kritikerinnen ein Begriff war.

Herrndorf hatte zwar schon 2003 mit dem Roman „In Plüschgewittern“ debütiert; er war 2004 in Klagenfurt mit dem Publikumspreis ausgezeichnet worden; und mit „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ hatte er dem Roman auch einen Erzählband folgen lassen.

Hat sich öfter verkauft als Camus’ “Die Pest”

Doch zum einen gehörte er nicht zu einem der fleißigsten Autoren, wie es den Anschein hatte; vor allem war er ein skrupulöser, den Rhythmen des Literaturbetriebs und diesem überhaupt sich verweigernder Autor.

Zum anderen stand seine Art von Literatur unter dem Verdacht, ein Auslaufmodell zu sein. Als Autor steckte Herrndorf manchmal arg in der Pop- und Zentrale-Intelligenz-Agentur-Schublade.

„Tschick“ wurde 2010 dann von der Kritik mit fast durchweg viel Begeisterung aufgenommen, insbesondere aber eben vom Publikum: Der Roman über zwei jugendliche Außenseiter, die mit einem gestohlenen Lada in die Walachei fahren wollen, es aber nur in den Osten der Republik schaffen, entwickelte sich 2011 zu einem Longseller, dem bald auch die Anerkennung des einschlägigen Literaturbetriebs in Form von Preisen oder einer Nominierung beim Preis der Leipziger Buchmesse nicht versagt blieb.

Der vor allem aber überhaupt nicht mehr aufhörte sich zu verkaufen, bis heute nicht, mehrere Millionen Mal, bei Rowohlt häufiger noch als „Die Pest“ von Camus. „Tschick“ ist Schullektüre geworden ist, wurde 2016 von Fatih Akin kongenial verfilmt, und sein Verlag hat den Roman vor ein paar Wochen, lange vor dem Jubiläum noch einmal in einer „bibliophile Neuausgabe“ veröffentlicht.

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„Tschick“ ist ein Roman der Superlative, ein Erfolg, wie er auf dem deutschsprachigen Buchmarkt seinesgleichen sucht. Viel besser aber ist, dass der Spaß an seiner Lektüre noch immer der allergrößte ist, dass man ihn – mit dem gebotenen Jahresabstand – selbst beim dritten oder vierten Mal in einem Rutsch liest, so viel Humor steckt darin, so viel Warmherzigkeit.

Als der Roman im Herbst 2010 auf den Markt kam, hatte Herrndorf seinen Blog „Arbeit und Struktur“ schon begonnen und darin seine Hirntumorerkrankung öffentlich gemacht, an der er 2013 starb. Dem ganzen Erfolgsgeschehen wohnt also überdies viel Tragik inne, von der jedoch ein sehr großer Teil der Millionen „Tschick“-Leser- und Leserinnen nie Notiz genommen hat. Auch das zeigt, wie großartig dieser Roman ist.