Im Schwarzwald entsteht ein ambitioniertes Filmstudio

Die Sonne blitzt durch die Tannen, ein Bauernhof ist von Nebelschwaden umhüllt. „Black Forest“ steht auf den Fotos der digitalen Hochglanz-Broschüre. Bunte Fachwerkhäuser aus dem Elsass treffen auf schneebedeckte Alpengipfel der Schweiz. Eine Kampagne des Tourismusverbands, könnte man meinen, aber die Zielgruppe ist eine andere: die internationale Filmszene. Deshalb sind die Texte auf Englisch, deshalb wird neben den Locations auch mit der technischen Ausstattung der brandneuen, in Kirchzarten angesiedelten Black Forest Studios geworben.

Bisher stand das 10 000-Einwohnerstädtchen im Speckgürtel von Freiburg nicht im Verdacht, den Duft der weiten Welt zu verströmen. Um die Studios zu finden, muss man im Ort den Wegweisern zum Kurhaus folgen. Sebastian Weiland, der gemeinsam mit seiner Frau einen Millionenbetrag in die Studios investiert hat, empfängt im neu gestalteten Coffee Shop, dem früheren Kurhaus-Restaurant.

Hier sollen sich Kreative treffen und bei regionalem Essen mit Blick auf den Schwarzwald Ideen entwickeln. „Diese Verbindung von der außergewöhnlichen Lage der Studios mitten in der Natur, der hochwertigen Einrichtung und dem neuesten technischen Standard ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal“, sagt Weiland.

Der Hausherr führt in den früheren Kursaal, der nun zum Studio 1 mit 750 Quadratmetern Fläche wurde. Kameras oder Scheinwerfer sucht man vergebens. Das meiste Equipment wird von Weiland für die jeweilige Produktion angemietet, weil die Bedürfnisse der Filmcrews sehr unterschiedlich sind. Ein 360-Grad-Vorhang macht den Saal filmtauglich.

Im Obergeschoss befinden sich fünf weitere, multifunktional nutzbare Studios mit 80 bis 200 Quadratmetern Fläche. Aus jedem Fenster schaut man auf grüne Hügel. Garderoben, Büros, ein Tonstudio und Räume für die Nachbearbeitung der Filme sind im Untergeschoss und im Nebengebäude platziert. Eine 2500 Quadratmeter große Event-Halle in der Nachbarschaft wurde ebenfalls zum Studio umgebaut.

Ein Leben zwischen Los Angeles und Freiburg

Sebastian Wielands Ehefrau Nina Gwyn kommt dazu, mit dem jüngsten von insgesamt sieben Kindern auf dem Arm. Die beiden kennen sich schon seit der Grundschule. Nach dem Abitur begann Sebastian als Beleuchter und Kameraassistent bei den Bavaria Filmstudios in München. Nina studierte Tanz und Schauspiel an der Musicalschule in Hamburg, ehe die beiden 1994 nach Los Angeles zogen, um in Hollywood Film zu studieren.

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„Das College fand abends statt, tagsüber haben wir bei Filmproduktionen mitgearbeitet und vor allem Werbefilme und Musikvideos gedreht“, sagt Nina Gwyn Weiland. Noch in Los Angeles gründeten die beiden 1997 ihre erste Firma, kehrten aber für ihre Hochzeit im gleichen Jahr nach Freiburg zurück. Die Wohnung und ein Büro behielten sie noch in L.A. Auch mit der 2010 gegründeten Kosmo Films GmbH produzierten sie aufwendige Werbefilme für die internationale Automobil- und Modebranche.

„Wir konnten nie nachvollziehen, dass Filmregisseure abschätzig über Werbung reden. Uns hat das immer großen Spaß gemacht. Wir können uns da visuell voll ausleben“, so Gwyn Weiland. Bei den Drehs im Schwarzwald und Dreiländereck zeigten sich ihre internationalen Kunden begeistert von der Gegend. „Für uns war die Arbeit allerdings immer äußerst mühsam, weil es hier gar keine ernstzunehmende Film-Infrastruktur gab.“ Allmählich entstand die Idee, diese Möglichkeiten in ihrer Heimat zu schaffen.

Noch muss man kleinere Brötchen backen

Dafür zog die gesamte Familie 2017 nochmals nach Los Angeles, um das große Projekt vorzubereiten, mit den Studiobauern von Warner und Universal zu sprechen und einen 70-seitigen Business-Plan zu erstellen. Zurück in Deutschland begann die Suche nach einem geeigneten Standort. Dass beim Kurhaus Kirchzarten im Frühjahr der geplante Hotelinvestor absprang, wurde zum Glücksfall für die Freiburger. Sechs Monate haben sie rund um die Uhr gearbeitet, drei Kilometer Netzwerkkabel wurden verlegt.

„Die Leuchtturmwirkung eines Studios dieser Ausmaße ist für die Filmschaffenden und die Filmszene der Region von großer Bedeutung“, betont Fabian Kiefer von der FWTM/Film Commission Freiburg. Auch Heiner Behring, Professor für Filmgestaltung und Medientheorie an der Fachhochschule Offenburg und selbst Produzent, sieht in den Studios einen wichtigen Beitrag zur Filmlandschaft in Baden-Württemberg.

„Das Konzept der beiden, Manpower und Infrastruktur für Filmproduktionen zur Verfügung zu stellen, finde ich gut. Durch ihre guten Kontakte zu den USA können sie sicherlich auch bei dortigen Produktionsfirmen Interesse wecken. In diesen Studios kann man einiges auf die Beine stellen. Da tun sich wirklich Türen auf für Filmemacher.“

Projekte mit US-Firmen müssen derzeit coronabedingt noch warten. Deshalb werden im Augenblick in Kirchzarten noch kleinere Brötchen gebacken wie ein Livestreaming mit Landesbildungsministerin Eisenmann.

Für die zweite Staffel der Netflix-Serie „Biohackers“ haben die Weilands die Organisation an den Drehorten übernommen. Auch einige Musikvideos und ein Auto- Werbespot wurden schon in Kirchzarten und Umgebung gedreht. Neben Fremd- und Koproduktionen sind künftig auch Eigenproduktionen geplant.

Den Wechsel von der Werbung zur Serie und zum Spielfilm traut Behring den beiden zu. „Sie haben viel Produktionserfahrung, und visuelles Denken ist natürlich auch die Grundlage im Werbefilm”, sagt der Filmprofessor. Nur der Glamourfaktor bleibt in Kirchzarten erst mal überschaubar.