Im Schrebergartendschungel

Stolz und mürrisch steht sie da, die Mundwinkel spöttisch herabgezogen. Eine leere Pulle in der einen Hand, in der anderen einen Berliner Plüschbär. Mit feinster Bleistiftspur hat Klaus Vogelgesang die Frau festgehalten, lebensgroß bis zu den Krampfadern an den Beinen: Realismus am Rande zur Karikatur, grundiert von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit.

Gibt es solche Typen heute überhaupt noch? Der Zeichner begegnete seinem Modell 1976 im Berliner Mietshaus, wo er wohnte. Die so Porträtierte soll mächtig stolz auf ihr Konterfei gewesen sein. Im Hintergrund markiert die Gedächtniskirche den West-Berliner Schauplatz.

Rotzgören und anderes Großstadtpersonal

Was macht eine Stadt aus? Die gebauten Räume oder die, die in ihnen leben? In der Ausstellung „Gezeichnete Stadt” der Berlinischen Galerie drängen sich die Bewohner und Bewohnerinnen in einem einzigen Raum. „Großstadtpersonal“ nennt Kuratorin Annelie Lütgens, was sie hier versammelt. Walter Stöhrers „Trottoir-Kinder“ gefallen sich als wild hingesudelte Kritzeleien, Rotzgören am Rande zur Abstraktion. Gisela Breitling blickt sich lieber selbst ins nah herangezoomte Künstlerinnenauge.

Mondän-erschöpft oder sanftmütig-melancholisch geben sich Gertrude Sandmanns Protagonistinnen, die sie, schon betagt und der NS-Zeit entronnen, Anfang der 70er in Schöneberger Lesbenkreisen traf. Ganz Gegenwart sind dagegen die desillusionierten Teenies und niedlichen Monster von Heike Kati Barath. „Nun gut, wer bist du denn?“ fragt die 2014 entstandene Serie aus 32 comicartigen Gesichtern. In der Großstadt leben heißt sich begegnen. Oder untertauchen in der Anonymität.

In den meisten der rund 175 Arbeiten leert sich der Stadtraum. Die Struktur des Urbanen, die Architektur mit ihren Straßenfluchten, Brandmauern und Trottoirs dominiert. Einen abwechslungsreichen Mix von Zeichnungen, Grafiken, Collagen und anderen Techniken auf Papier hat die Kuratorin aus dem 25 000 Werke starken Grafikbestand ihrer seit 1975 wachsenden Sammlung gefischt. 22 Künstlerinnen und 47 Künstler sind vertreten. Sie alle arbeiteten in Berlin, ob als Gäste oder Ureinwohner. Das prägt ihre Arbeiten, ihren Blick, ihre Lebenserfahrung.

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Mit Werner Heldts kargen Notaten aus der unmittelbaren Nachkriegsära beginnt der Freiflug über die Berliner Topografie. Er malte die Brandmauern und Maskengesichter der Ruinenstadt 1946 mit Wachskreide und Schminkfarben auf eine Holztür. Jetzt wirkt das Trümmerfundstück wie der Eingang zu einer neuen Zeit. In Zeitraffer folgen Reflexe der Zeitgeschichte, wie der Kennedybesuch 1963. Dann durchschneidet die Teilung die Stadt.

Großstadttiger. „Nun gut, wer bist Du denn?“ von Heike Kati Barath.Foto: Kai-Annett Becker/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Von nun an ist Berlin gezeichnet, unverkennbar, keine Metropole wie alle anderen. An der Provokation der Berliner Mauer arbeiten sich viele ab. Internationale DAAD-Stipendiaten in der Inselstadt West-Berlin wie der Venezianer Emilio Vedova oder der Spanier Antonio Saura agieren ihren Widerstand gegen das Faktische dieser betonierten Grenze mit vehementen Übermalungen aus. Fluxus-Künstler Wolf Vostell imaginiert einen brutalistischen „Betonstuhl“ als Sprungschanze oder Flugpiste am Potsdamer Platz: sich einfach darüber hinwegsetzen als brachiale Utopie.

Im Osten floriert derweil eine altmeisterliche Grafiktradition von enormer, auch handwerklicher Qualität. Die Fülle der ausgestellten Blätter schöpft aus der Privatsammlung des Unternehmers Gernot Ernst und bildet ein Herzstück der Ausstellung.

Ob Dieter Goltzsches lakonische Litho-Ansicht der S-Bahntrasse am Hackeschen Markt oder Lothar Gemmels schummrige Aquatinta mit Nicolai-Kirche und Plattenbau: die Veduten sind oft topografisch präzise, dabei unspektakulär in der Motivwahl und grundiert von Melancholie. Bleiern ist die Stimmung, die Zeit steht still. Kein Mensch weit und breit. 1991 hisst Klaus Ensikat den Heißluftballon. Da steht die Uhr der Geschichte schon auf Nachwendezeit.

[Berlinische Galerie, bis 4. 1.2021, Mi- Mo 10-18 Uhr, Katalog 29,80€]

Plakative Buntheit ploppt mit den Kino-Leuchtreklamen von Arved Dietrich und den unbekümmert abgezeichneten Sex-Shop-Fassaden von TAL R auf. „La Belle“, „Extasy“, „Girls Girls Girls“ versprechen die grellen Schilder. Aber das zeichnerische Medium fördert auch einen präziseren, analytischeren Blick auf die Anatomie der Stadt. Forschend und sezierend nehmen die Kunstschaffenden ihre Charakteristika unter die Lupe. Kopfsteinpflaster, Betontreppen, Terrazzoplatten werden in fotorealistischer Nahsicht herauspräpariert, kartografische Gebäudegrundrisse leuchten in Signalrot als abstrakte Gefüge.

Was sich einschreibt ins Gedächtnis, in das kollektive oder individuelle, lagert sich in den Arbeiten ab. Sie erzählen auch davon, wie räumliche Erfahrung entsteht. Wie orientiert man sich in einem Stadtgefüge? Der US-Klangkünstler Terry Fox spannte Piano-Saiten durch sein Atelier im Künstlerhaus Bethanien, um die Raumklänge der geteilten Stadt zu vermessen.

Mit dem Zeichenbrett auf dem Hermannplatz

Pia Linz stellte sich mit einem Zeichenbrett vor dem Bauch Tag um Tag auf den Hermannplatz, um miniaturhafte Beobachtungen einzuzeichnen in ihren großen, wimmelnden Gesamtplan. Wie Spuren in der Nacht schimmert das Netz der Wege, die Katharina Meidner 1980-83 in ihrem Berlinalltag zurücklegte.

Ganz ähnlich machen es die Ameisen. Deren Wege zeichnete Katharina Meidner nach, indem sie Zuckerwürfel als Lockmittel auf einem Papierbogen auslegte und das zielgerichtete Gewimmel der Spuren festhielt. Aber die Natur bildet nur einen Randbereich. Ihrer Nischenexistenz in der Stadt spüren wenige Künstler nach. Sie entlässt ihre Besucher in das Dickicht der detailverliebten Scherenschnitte von Gabriele Basch. Sie zeigen Schrebergärten: schablonierte Idylle als Großstadtdschungel. Ach Berlin, du kannst so spießig sein.